Pest, Cholera, Corona: Quarantäne im Wandel der Zeit
Seit Jahrhunderten ist Isolation das Mittel der Wahl, um grassierende Krankheiten einzudämmen. Je weiter man in die Vergangenheit blickt, desto empfindlicher waren die Härten einer Quarantäne.
Die Sorge vor der Lungenkrankheit COVID-19 infolge des Coronavirus hat das öffentliche Leben ab 2020 auch in Norddeutschland lange bestimmt. Abhängig vom jeweiligen Infektionsgeschehen wurden die Kontaktregeln und -beschränkungen immer wieder angepasst und lauteten etwa 3G am Arbeitsplatz, 2G oder 2G-Plus in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. Viele Firmen schickten ihre Angestellten ins Homeoffice. Zu Beginn der Pandemie wurden gar Grenzen geschlossen. Ein ganzes Land war auf Wochen dicht.
Corona-Quarantäne mit digitalen Annehmlichkeiten
Um die Verbreitung der Krankheit zu verlangsamen, mussten sich Menschen, die Kontakt zu bereits mit dem Coronavirus Infizierten hatten, bis zu einem negativen PCR-Test in häusliche Isolation begeben - die Kranken sowieso. Quarantäne wird zum Wort der Stunde.
Manche mochten die häusliche Ruhe als wohltuende Entschleunigung empfinden. Doch die Isolation hatte auch ihre Schattenseiten. Einsamkeit und Depressionen drohten. Familien mit Kindern fiel die Decke auf den Kopf. Hier und da breitete sich Angst vor Versorgungsengpässen aus. Doch solange das Internet funktionierte, das Netflix-Abo bezahlt war und die Lieferdienste arbeiteten, war die moderne häusliche Isolierung nicht zu vergleichen mit der Quarantäne früherer Jahrhunderte.
Beulenpest: 20 Millionen Opfer im 14. Jahrhundert
Isolation im Kampf gegen Seuchen wurde erstmals 1377 im dalmatinischen Ragusa, heute Dubrovnik, im Kampf gegen die Beulenpest praktiziert. Um 1340 war die tödliche Seuche in Asien ausgebrochen, möglicherweise im heutigen Kirgisistan oder in China. Mongolische Soldaten brachten die Seuche bis ans Schwarze Meer, von dort verbreitete sie sich über italienische Seeleute bis nach Westeuropa. Rund 20 Millionen Menschen fielen ihr binnen 15 Jahren zum Opfer. In den kommenden Jahrzehnten brach sie immer wieder aus, blieb aber auf einzelne Regionen beschränkt.
Pest eindämmen: Hafeneinfahrt verboten!
Deshalb beschloss 1377 der Rat der florierenden Handelsstadt Ragusa, Schiffen, die aus einem pestverseuchten Gebiet kamen, die Einfahrt in den Hafen zu verbieten, um Gefahren von der eigenen Bevölkerung fernzuhalten - und erfand damit ein wirkungsvolles Mittel gegen die Ausbreitung von Epidemien. 20 Jahre zuvor hatte man noch ganze Städte oder Landstriche wegen der Pest vollständig abgesperrt. Mailand schloss seine Tore für zwei Jahre, Polen legte an seiner Südgrenze einen bewachten Pestkordon an. Mit den in Ragusa eingeführten Maßnahmen konnten Handel und Güterumschlag aber weiterlaufen, der für die Hafenstadt existenziell war.
30 Tage Isolation auf der Felseninsel - und rigide Strafen
Die fremden Seeleute und Händler wurden 30 Tage auf einer nahen Felseninsel (italienisch "Isola") festgehalten. Wenn sie keine Krankheitssymptome zeigten, den Monat überlebten, durfte ihr Schiff in den Hafen einlaufen und die Händler konnte ihre Ware verkaufen. Während dieses Monats durfte niemand in ihre Nähe kommen, nur vom Rat beauftragte Menschen die Isolierten mit Essen versorgen. Bei Verstößen gegen dieses Gesetz drohte den Bürgern von Ragusa eine harte Strafe: 30 Tage Isolation mit den Pestverdächtigen.
"Quarantina di giorni" wird zu Quarantäne

Ähnliche Maßnahmen zum Schutz vor Ansteckung führten in diesen Jahren auch Venedig, Pisa und Genua ein. In Marseille wurde die Frist 1383 auf 40 Tage verlängert. Vielleicht in Anlehnung an die biblische Zahl der Tage, die sowohl Moses als auch Jesus allein in der Wüste verbrachten. Möglicherweise leitete sie sich aber auch von der antiken Meinung ab, wie lange eine Krankheit im längsten Fall dauerte. Vom Italienischen "quarantina di giorni" für "40 Tage" stammt jedenfalls die bis heute verwendete Bezeichnung Quarantäne.
Isolation von Risiko-Reiserückkehrern im "Lazareti"
Die Isolierung von Reisenden aus Risikogebieten wurde mit den Jahren professionalisiert. Ragusa richtete 1397 auf der vorgelagerten Insel in einem Kloster eine regelrechte Quarantänestation ein, um mögliche Kranke zu versorgen. Später wurde sogar eine große Anlage gebaut, die "Lazareti", acht Gebäude mit separaten Eingängen, eigener Wasserversorgung, damals mit Ärzten, Priestern, Pflegepersonal und strengen Regeln.
Wochenlang lebten die der Seuche Verdächtigten dort hinter dicken Mauern wie im Gefängnis. Sie wurden untersucht und ständig beobachtet, durften die Gebäude nicht verlassen. Wer gesund war, lief Gefahr, sich bei tatsächlich Erkrankten anzustecken. In Zeiten der Pest bedeutete das fast immer den sicheren Tod.
Kranke und Verdachtsfälle kommen auf verschiedene Inseln
Venedig trennte ab 1468 die echten Kranken von den bloßen Verdachtsfällen und brauchte sie auf unterschiedlichen Inseln unter. Das Verlassen der Stationen war bei Todesstrafe verboten. Bald gab es in den vielen großen Hafen- und Handelsstädten Europas solche Quarantänestationen. Und noch heute arbeitet etwa der hafenärztliche Dienst in Hamburg, der die Besatzungen von aus dem Ausland einlaufenden Schiffen auf ansteckende Krankheiten kontrolliert.
Unterwanderung der Maßnahmen führt zu Tausenden Toten
Damals schützten die rigiden Maßnahmen zwar viele Menschen vor der Pest, aber ausrotten konnten sie sie nicht. Denn immer wieder bestachen Kaufleute, die ihre Waren verkaufen wollen, die Kontrollbeamten, wie 1720 in Marseille. Oder Leichtsinnige überwanden heimlich die Absperrungen, wie in Hamburg zehn Jahre zuvor, als in einem Hof des Gängeviertels die Pest ausbrach. Die Bewohner wurden sofort in dem Hof eingenagelt und von Soldaten bewacht. Doch die nahrhafte Kost, mit der die Kranken versorgt wurden, verlockte hungrige Nachbarn, nachts über die Absperrungen zu klettern. Sie verbreiteten das tödliche Bakterium in der ganzen Stadt. Fast 11.000 Menschen starben.
Angst vor Pest und Cholera: Zwischen Schutz und Schikane

Auch bei anderen ansteckenden Krankheiten wie Pocken, SARS, Schweinegrippe und Ebola ist die Quarantäne bis in die Gegenwart immer wieder das erste Mittel, zu dem Mediziner und Politiker greifen, um die Ausbreitung zu verhindern - aber auch, um Fremde zu kontrollieren. Schikane und Schutz liegen dabei dicht beieinander.
Während der Hamburger Cholera-Epidemie von 1892 wurden Osteuropäer, die über die Hansestadt nach Amerika auswandern wollten, isoliert, weil man sie verdächtigte, die Seuche eingeschleppt zu haben. In New York mussten Einwanderer aus der Alten Welt tagelang auf der Insel Ellis Island ausharren. Und die Schweiz steckte während des Zweiten Weltkriegs Asylsuchende zunächst in Quarantänelager, bevor sie ins Land gelassen wurden.
Konsequente Abschottung verschont Australien vor Spanischer Grippe
Australien aber blieb 1918 als einziges Land von der Spanischen Grippe verschont, weil es sich konsequent abschottete, während weltweit 50 Millionen Menschen sterben. Heute beträgt die Dauer der Quarantäne nicht mehr wie im Mittelalter 40 Tage, sondern richtet sich nach dem Erreger der Krankheit.
