Promis auf Sylt: Wie eine Insel zum Sehnsuchtsort der Reichen wurde
In den 1920er-Jahren kamen Schauspieler und Schriftsteller nach Sylt. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel zum Sperrgebiet erklärt. Nach der Wiedereröffnung der Badesaison in Westerland am 15. Juni 1946 kehrten auch die Promis langsam zurück.
Emil Nolde und Hermann Hesse, Marlene Dietrich und Stefan Zweig: Schon in den 1920er-Jahren übt die Insel Sylt auf Maler, Schriftsteller, Schauspieler und andere Prominente eine magische Anziehungskraft aus. Tanz-Diva Gret Palucca tanzt nackt in den Dünen der Insel und Thomas Mann notiert 1928 im Gästebuch der legendären Künstlerpension "Kliffende" in Kampen: "An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt." Der kleine Bauernort mausert sich zur regelrechten Künstlerkolonie und zieht Kreative, Intellektuelle und Lebenskünstler aus der ganzen Weimarer Republik an.
Zweiter Weltkrieg - Sylt wird zum Sperrgebiet
Während es Literaten und Künstler in den 1930er-Jahren weiterhin ins intellektuelle Kampen zieht, urlauben in Westerland prominente Nationalsozialisten wie Hermann Göring. Hakenkreuzfahnen wehen dort in den Vorgärten und Strandburgen. Viele Hoteliers erklären jüdische Gäste als unerwünscht. Im Zweiten Weltkrieg kommt der Tourismus auf Sylt schließlich zum Erliegen, da die Insel für den Fremdenverkehr nicht mehr zugänglich ist. Sylt gilt als Sperrgebiet, massive Bunker-Anlagen und Seeziel-Batterien sollen einer möglichen Invasion der Alliierten über die Nordsee entgegenwirken.
Westerland lädt 1946 wieder zum Baden ein
Sylt bleibt weitgehend von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont. Die meisten Hoteliers gehen wegen fehlender Einnahmen allerdings pleite. Die Unterbringung von rund 14.000 Heimatvertriebenen führt zu weiteren Einbußen. Weil 1946 die Einreiseerlaubnis für Sylt wegfällt, ist nun auch wieder Fremdenverkehr auf der Insel möglich. Am 15. Juni startet in Westerland die erste Badesaison nach dem Krieg. Allerdings stehen auf der Insel zunächst nur 2.000 Betten statt 7.000 zu Vorkriegszeiten zur Verfügung. Es sollte also noch einige Jahre dauern, bis sich Sylt über die Nachkriegszeit hinweg wieder zum Touristen-Hotspot entwickelt.
Mit Gunter Sachs kommen die Reichen und Schönen
Ende der 1960er-Jahre entdeckt unter anderem Gunter Sachs die Insel für sich und seinesgleichen. Der Unternehmens-Erbe feiert wilde Partys auf dem bis dahin beschaulichen Eiland. Mit seiner damaligen Ehefrau Brigitte Bardot und anderen Promis aalt sich der millionenschwere Playboy am legendären Strandabschnitt Buhne 16 bei Kampen - und wird dabei mitunter von neugierigen Blicken verfolgt: "Ich lag auf Sylt an Buhne 16, dem Strand für alle sonnenhungrigen Nackten der Republik. Trotz der Transparente 'Badehose runter - Gunter' behielt ich meinen Lendenschurz an", erinnerte sich Sachs im Jahr 2005 in seinen Memoiren.
Romy Schneider: "In jeder Welle ein nackter Arsch"
Andere sind da weniger zimperlich. FKK-Baden und hüllenloses Volleyballspielen gehört an der Buhne 16 für viele prominente Gäste fast schon zum guten Ton. Nicht allen gefällt das: "In jeder Welle hängt ein nackter Arsch", klagt etwa Schauspielerin Romy Schneider - und kommt nur einmal nach Sylt.
Doch die meisten zieht es immer wieder auf die Nordseeinsel. Vom Habenichts bis zum Millionär, auf dem riesigen Parkplatz vorm Strandzugang an der Buhne 16 reihen sich einfache Käfer an Nobelkarossen. Von dort geht es, ausgestattet nur mit dem Nötigsten, direkt zum Strand: "Die ließen die Hüllen im Wagen, hüpften über die Düne und hatten nur noch ihr Kofferradio an", erinnert sich Hans-Dieter Tölke, damals Taxifahrer auf der Insel.
Durchtanzte Nächte im "Pony Club" und "Strönwai"
Der kleine Ort Kampen wird zum Saint-Tropez des Nordens. Nach dem Sonnenbaden geht es zum Feiern in den "Pony Club". In der Nobel-Diskothek am Kampener "Strönwai", vielen besser bekannt als "Whiskymeile", tanzt der Jet-Set oft bis zum Morgengrauen. Die Schauspieler Heinz Rühmann und Curd Jürgens sind ebenso regelmäßige Gäste wie die persische Ex-Kaiserin Soraya und der Verleger Axel Springer.
Mit den Reichen und Berühmten kommt auch das große Geld auf die Insel. Urlaub auf Sylt ist schwer angesagt. Viele Einheimische vermieten im Sommer ihre Häuser an die Sommerfrischler: "Wir haben den Stall saubergemacht und dort geschlafen. Die Zimmer im Haus haben wir vermietet", erinnert sich einst Claas Johannsen, der in den 60er-Jahren den Bauernhof seiner Eltern übernimmt.
Luxus-Ferienorte fast ohne Einheimische
Die Nachfrage nach Ferienquartieren ist riesig - für viele Original-Insulaner nicht nur ein Segen. Wohnraum wird knapp, die Preise schnellen in die Höhe. Häufig wollen die prominenten Feriengäste nicht nur mieten, sondern am besten gleich eines der reetgedeckten Häuser als Wochenend- und Urlaubsdomizil kaufen. Die Folge: Ganze Ortschaften wandeln sich zu Geisterstädten, in denen nur noch im Sommer und an den Wochenenden Betrieb herrscht. Normale Geschäfte jenseits der Luxus-Marken gibt es kaum noch in den Promi-Siedlungen.
Extrem teures Wohnen in Kampen
Die Nachfrage nach Immobilien ist bis heute ungebrochen. Doch die meisten Einheimischen können sich die teuren Häuser schon lange nicht mehr leisten. Die deutliche Mehrheit aller Häuser in Kampen sind mittlerweile Ferien-Villen. Der Ort gehört zu denen mit den höchsten Immobilienpreisen in Deutschland.
Die Promis kommen noch immer
Ob reich oder weniger betucht - Sylt gilt nach wie vor als Sehnsuchtsort und ist ein beliebtes Urlaubsziel. 4,6 Millionen Übernachtungen zählte die Insel im Jahr 2019. Im Corona-Jahr 2020 waren es immerhin noch 2,4 Millionen. 2021 lag die Zahl der Übernachtungen mit 4,1 Millionen fast wieder auf Vor-Corona-Niveau. Auch Prominente schätzen die Insel noch immer. Joachim Löw, Sabine Christiansen, Wolfgang Schäuble, Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp oder Günther Jauch: Die Liste derer, die sich bereits auf der Insel erholt haben, ist lang. Doch verbringen sie ihre Zeit mittlerweile eher zurückgezogen, sind in der Öffentlichkeit nicht mehr so präsent wie einst Gunter Sachs und Gefolge. Die wilden 60er und 70er mit exzessivem Glanz und Glamour scheinen passé zu sein.