Wie die "Neue Heimat" unsere Städte geprägt hat
Von 1950 bis 1982 baute die Hamburger Wohnungsbaugesellschaft "Neue Heimat" zahlreiche Wohnhäuser und moderne Siedlungen in deutschen Großstädten, bis sie über einen Korruptionsskandal stolperte und abgewickelt wurde. Viele Bauten der Neuen Heimat bestimmen noch heute das Bild unserer Städte.
In Westdeutschland fehlen nach dem Zweiten Weltkrieg 6,3 Millionen Wohnungen. Neben den einstigen Bewohnern der zerstörten Großstadtquartiere suchen Millionen Flüchtlinge, Vertriebene und Kriegsheimkehrer eine Bleibe. Viele müssen in Baracken, Nissenhütten und ausgedienten Bunkern leben. Die Gewerkschaften beteiligen sich wie schon in der Weimarer Republik am Bau von Wohnungen. In Hamburg übernimmt der DGB die von der Besatzungsmacht beschlagnahmte NS-Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat. Der Gewerkschaftsbund formt sie bis 1954 zu einer mächtigen Unternehmensgruppe um, die am Gemeinwohl orientiert sein soll, aber nach privatwirtschaftlichen Managementmethoden geführt wird.
Wiederaufbau in Hamburg
In Hamburg stellt die Neue Heimat zunächst beschädigte Siedlungen aus den 1920er-Jahren wie Barmbek-Nord und das Hafenarbeiterviertel Veddel wieder her. Dann bauen die Architekten der Neuen Heimat ab 1953 mit den Gartenstädten Farmsen und Hohnerkamp grüne "Stadtlandschaften": Reihenhäuser und kleinere Wohnblocks umgeben von großzügigen, kinderfreundlichen Parkflächen und erschlossen über kleine Straßen und Wege.
Die Neue Heimat plant ganze Stadtteile neu
Drei Jahre später beginnt der Konzern unter seinem neuen Planungschef, dem weltberühmten Städtebauer Ernst May, das damals größte Wohnungsbauprojekt der jungen Bundesrepublik: Neu-Altona. Ein ganzer Stadtteil wird "überplant". Auf der Fläche der im Krieg weitgehend zerstörten Altstadt entstehen Wohnungen für rund 9.000 Menschen. Mays Leitbild ist die gegliederte und aufgelockerte Stadt, aufgeteilt in Bereiche zum Wohnen und Arbeiten und von autogerechten Magistralen erschlossen.
Bauen für die Republik
Auch in anderen westdeutschen Großstädten ist der Hamburger Großkonzern jetzt tätig, baut bis 1960 bundesweit 100.000 Wohnungen, hat im Sozialwohnungsbau inzwischen eine Monopolstellung inne.
Mitte der 60er-Jahre erreicht die Neue Heimat den Höhepunkt ihrer Macht. Ihre Vorstellung von einem besseren Leben für Arbeiter und Angestellte mit ihren Familien prägt ein ganzes Land. Der Komfort in den Sozialwohnungen ist vorbildlich, von der Kücheneinrichtung über den Platz für die Autowäsche bis hin zur Müllentsorgung. Immer größer und höher wird gebaut. "Urbanität durch Dichte" ist das Schlagwort der 60er-Jahre.
Gemeinnützigkeit wird zur Nebensache
Längst errichtet die Neue Heimat nicht nur Wohnungen, sondern auch prächtige Hotels, Universitäten, Großkliniken, Einkaufszentren und überdimensionale Kongresszentren. "Wenn Sie wollen, können Sie bei mir eine ganze Stadt bestellen. Wir machen alles", sagt der Vorstandsvorsitzende Albert Vietor.
In den 70er-Jahren ist der Konzern sogar weltweit tätig, baut Trabantenstädte bei Paris und Ferienanlagen an der Côte d'Azur, Bürohäuser, Hotelkomplexe und Kongresszentren in Italien, Israel, Venezuela, Malaysia, Mexiko und Monaco. Außerdem widmet er sich Entwicklungshilfeprojekten in Ghana und Tansania.
Kritik an den Trabantenstädten wie Mümmelmannsberg
Doch es regt sich auch Kritik an den unwirtlichen Schlafstädten, in denen öffentliche Einrichtungen fehlen und die homogene Struktur der Bewohner zu sozialen Problemen führt. In Hamburg-Mümmelmannsberg etwa belästigen Jugendliche immer wieder ihre Nachbarn, werden Spielplätze zerstört, kommt es zu Einbrüchen und Lärmbelästigungen. Längst diskutieren Städteplaner eine andere Wohnungspolitik nach sozialeren Gesichtspunkten und unter Beteiligung der Mieter. Die Neue Heimat bezieht nun Sozialpsychologen in neue Planungen ein und erprobt in Mümmelmannsberg Möglichkeiten der Mitgestaltung.
Grenzenlose Gigantomanie im "Alsterzentrum"
Doch gleichzeitig werden die Planungen immer größer, obwohl der Wohnungsmangel in der Bunderepublik längst behoben ist. Und sie verlagern sich zurück von der Peripherie in die verödeten Innenstädte, die wiederbelebt werden sollen, wie Soziologen und Stadtplaner fordern. In Hamburg soll das "Alsterzentrum" den Stadtteil St. Georg verdrängen, alle Altbauten abgerissen und stattdessen fünf bis zu 200 Meter hohe Türme mit Wohnungen für 20.000 Menschen gebaut werden. Doch das Vorhaben scheitert an Schwierigkeiten beim Erwerb der zahlreichen Grundstücke und am Widerstand der Einzelhändler.
Bewohner fordern Sanierung der Altbauten statt Abriss
Dennoch kann sich die Leistungsbilanz der Neuen Heimat sehen lassen: In 30 Jahren haben 700 Architekten und Stadtplaner rund 460.000 moderne Wohnungen gebaut, die meisten davon Sozialwohnungen.
Doch in den Großstädten wehren sich immer mehr Bürger gegen Kahlschlagsanierungen in den historisch gewachsenen Stadtvierteln. In Hamburg etwa wird der Stadtteil Ottensen Ende der 70er-Jahre nicht wie lange geplant abgerissen, um der Bürostadt City-West Platz zu machen, sondern behutsam saniert.
Skandal bringt Neue Heimat zu Fall
Das Ende der Neuen Heimat kommt plötzlich. 1982 wird bekannt, dass Manager um den Vorstandvorsitzenden Albert Vietor Gelder in dreistelliger Millionenhöhe veruntreut haben. Über Strohmänner haben sie Privatfirmen betrieben, die Aufträge von der Neuen Heimat bekamen. Außerdem sind im Auslandsgeschäft durch Missmanagement Schulden von mehreren Hundert Millionen Mark entstanden.
Das Erbe steht noch
Der Gewerkschaftskonzern ist nicht zu retten und wird in den folgenden Jahren abgewickelt. Öffentliche und private Wohnungsunternehmen übernehmen die meisten Immobilien. Ein Großteil der 460.000 Wohnungen, 570 öffentlichen und mehr als 100 gewerblichen Bauten steht noch heute und prägt das Bild vieler Städte mit. Viele Gebäude sind inzwischen in die Jahre gekommen und werden aufwendig saniert oder umgebaut wie das CCH und die Alsterschwimmhalle in Hamburg. Andere wie die grüne Gartenstadt Farmsen stehen inzwischen unter Denkmalschutz. Und in Zeiten der Wohnungsnot und der Diskussion um bezahlbaren Wohnraum ändert sich allmählich auch der Blick auf die Großsiedlungen am Stadtrand.