
Betriebsanleitung für einen geregelten Familienalltag - gibt's das?
Im Alltag Familie, Beruf und Freizeit unter einen Hut bekommen, das ist nicht so leicht. Autorin Laura Fröhlich nimmt in ihrem jüngsten Buch "Familie als Team" die Familienorganisation unter die Lupe. Darüber wie sie im Alltag Stress vermeidet, spricht sie im Interview bei NDR Kultur à la carte.
Der Arbeitsalltag ist anstrengend, kommen Kinder hinzu, bedeuten sie oft das größte Glück. Für berufstätige Eltern erfordert die Familie ein ausgefeiltes Zeitmanagement. Laura Fröhlich kennt sich darin aus, sie hat Bücher über Stresserfahrungen und "Mental Load" geschrieben. Ihr Rat für die Familienorganisation: Die Arbeit kann, wie in einem Unternehmen, strukturiert werden. Wie das funktionieren kann, darüber spricht Laura Fröhlich in NDR Kultur à la carte mit Anna Novák. Einen Ausschnitt davon lesen Sie hier, das ganze Gespräch können Sie oben auf dieser Seite, in der ARD Audiothek und überall, wo es Podcasts gibt, hören.
"Mental load" heißt übersetzt das mentale Gepäck. Was ist damit gemeint?

Fröhlich: Man nennt es auch die Last an alles denken zu müssen, vor allem im Alltag. Diese Organisation vor allem auch privat, damit alles funktioniert: Wäsche waschen, Arzttermine machen, Packlisten vorm Urlaub schreiben, Klamotten für die Kinder rauslegen und so weiter. Da geht es nicht nur darum, Dinge zu erledigen, sondern zunächst mal daran zu denken. "Mental load" benennt genau diese Last, die zusammen mit Care-Arbeit ganz besonders häufig Frauen betrifft und auch wirklich im schlimmsten Fall krank machen kann.
Care-Arbeit ist einfach zu übersetzen mit Fürsorgearbeit, oder was fällt da alles drunter?
Fröhlich: Bei dem Wort Fürsorgearbeit fällt uns natürlich zunächst mal Kinderbetreuung ein, aber es ist auch die Betreuung von Angehörigen, von Kranken oder älteren Menschen. Fürsorglich sind wir auch im Freundes- und weiteren Familienkreis, sogar beruflich, wenn wir uns um Kolleginnen und Kollegen kümmern, zum Beispiel Geschenke organisieren. Das ist sozusagen der Überbegriff für diese Art von Arbeit.
Dein neues Buch heißt "Familie als Team" und da gibt es vorne eine Art Betriebsanleitung. Für wen ist die und was steckt dahinter?
Fröhlich: Betriebsanleitung klingt vielleicht erst einmal seltsam. Aber ich wollte vor allem das Männer Lust darauf haben, sich mit Alltags- und Familienorganisation auseinanderzusetzen, sich auch für gleichberechtigte Aufteilung einzusetzen. Denn auch sie können davon profitieren. Das Thema möchte ich nicht immer nur als Frauenthema sehen, sondern für alle Eltern gleichermaßen. Dieses Technische war mein Ansatz - das klingt jetzt blöd - um die Männer anzulocken. Weil ich glaube, dass dieses Thema "mental load", also diese gleichberechtigte Arbeitsteilung, Männern Sorge bereitet und dass durch diese etwas technische Lösung diese Angst genommen wird. So können wir gemeinsam schauen, wie wir es uns im Alltag mit Techniken leichter machen können. Diese Techniken, sind manchmal sogar aus dem Büroalltag ausgeliehen.
Aktuelle Studien zeigen, dass es immer noch viele Familien gibt, wo sehr klar aufgeteilt ist: Erwerbsarbeit auf der einen Seite, Care-Arbeit und Fürsorgearbeit auf der anderen Seite. Man hat immer das Gefühl, das sind die zwei großen Punkte. Entweder man geht arbeiten und bekommt Geld dafür oder man ist zuhause, kümmert sich um den Haushalt und passt auf die Kinder auf. Das willst du aufbrechen, weil, du sagst im Buch, eigentlich möchtest du das gleichsetzen: Erwerbsarbeit und Care-Arbeit auf einem Level. Warum ist das so wichtig?
Fröhlich: Weil wir auch in unserer Gesellschaft immer unter Arbeit die Erwerbsarbeit verstehen. Das kennen vor allem Leute, die in Teilzeit erwerbstätig sind, weil sie sich zum Beispiel um Kinder oder Angehörige kümmern und es dann heißt: 'So gut möchte ich es mal haben, um 13 Uhr, Feierabend.' Aber da geht eigentlich die nächste Schicht los. Diese Fürsorgearbeit sichtbar zu machen und auch zu zeigen, ohne diese Arbeit können wir nicht erwerbstätig sein, ist mir wichtig. Es ist eigentlich ein Millionen- oder sogar Milliarden Business, wenn wir es ins Bruttosozialprodukt einrechnen würden. Das ist mir ein ganz wichtiges Anliegen. Denn wenn die Wäsche nicht gewaschen ist, der Kühlschrank nicht gefüllt, die Kinder keine Betreuung haben, dann kann auch niemand ins Büro oder an einen sonstigen Arbeitsplatz gehen und Geld verdienen.
Familienorganisation ist ein Riesenkomplex. Wo fängt man an?
Fröhlich: Das ist eine gute Frage. Da stellen sich wahrscheinlich viele, die alles im Kopf haben, genau diese Frage: Wo fange ich nur an? Tatsächlich glaube ich, was oft zu kurz kommt im stressigen Familienalltag, ist sich mal zusammenzusetzen, auch als Elternpaar und zu sagen, worum geht es uns eigentlich? Was haben wir für Ziele? Eine Familie, die sagt, wir wollen ein Haus besitzen, hat ein ganz anderes Ziel als zum Beispiel, die Familie, die so viel Zeit miteinander wie möglich verbringen möchte. Das ist die Basis. Was ist uns wichtig? Wie sähe der optimale Alltag aus? Wie wäre die optimale Arbeitsaufteilung? Wollen wir erwerbstätig sein und so weiter? Wie können wir uns dann als Nächstes so gut es geht daran orientieren. Das ist der erste Schritt.
Du nennst das in deinem Buch: Familienwerte rausfinden.
Fröhlich: Ganz genau. Da gibt es auch eine praktische Anleitung mit ganz vielen Familienwerten, wo sich die Elternpaare diese Werte mit einer kleinen Aufgabe auseinander klamüsern können und dann am Ende vier Werte haben, die für sie wichtig sind. Denn eine Familie gleicht nicht der anderen. Es sind ganz unterschiedliche Werte. Es sind unterschiedliche Ziele. Wenn man seins gefunden hat, was man zu Zweit teilt, dann kann man alles besser daran angleichen: Erwerbsarbeit, Fürsorgearbeit, was ist uns im Alltag wichtig? Welche Aufgaben lassen wir weg und welche spielen für uns eine große Rolle? Das ist ganz unterschiedlich.
Man muss sich diese Werte und Aufgaben nicht selber zusammensuchen, sondern du gibst ein bisschen was vor. Du bietest einen recht niedrigschwelligen Einstieg in das Thema, um Hürden abzubauen, die man im Kopf hat. Zum Beispiel: Ich habe gar keine Zeit, mich jetzt noch um diese Familienorganisation zu kümmern.
Fröhlich: Vor allem ist das Thema oft emotional beladen. Wir haben es anfangs schon gesagt, oft gehen Eltern dann ins Gespräch mit: 'Ich muss mich hier um alles kümmern. Auf der anderen Seite, kann ich dir nichts recht machen.' Ich wollte diese Emotionen, die da sind, mit dieser technischen Betriebsanleitung ein bisschen rausnehmen. Weil, wenn wir die Emotion da lassen, diese Belastung, auch die Wut auf die andere Person, dann kommen wir oft nicht weiter. Deshalb sind diese Familienwerte wichtig, die gibt es auch zum Ausdruck mit Link. Es ist wirklich niedrigschwellig, weil sich dazu noch Gedanken zu machen, was gibt es überhaupt für Werte, das ist für Eltern natürlich schon wieder viel zu viel Arbeit.
Ein ganz essenzieller Moment in deinem Konstrukt der Familienorganisation ist das sogenannte Küchen-Meeting. Über das stolpert man im Buch immer wieder. Du schreibst dazu, alles andere kann man mal lassen, aber das Küchen-Meeting, das darf nicht ausfallen. Was steckt dahinter?
Fröhlich: Das Küchen-Meeting ist ein Ritual für Familien, da kann man ab einem entsprechenden Alter, auch gerne Kinder miteinbeziehen. Da setzt sich eine Familie beispielsweise sonntags an den Küchentisch und geht die kommende Woche durch. Was haben wir für Termine? Was gibt es für Aufgaben? Wo können wir Aufgaben verteilen, vielleicht auch mal was weglassen und etwas leichter machen? Wichtig ist aber vor allem, Dinge aufzuteilen. Das heißt, wenn ich zum Beispiel meinem Mann die Aufgabe übergebe, den Müll rauszustellen, dann ist es raus aus meinem Kopf. Wenn ich ihn erinnern müsste, habe ich die Aufgabe noch bei mir. Das langfristig aufzuteilen, aber auch viele kurzfristige Termine und Aufgaben, dafür ist das Küchen-Meeting da. Das muss nicht lange dauern, da dürfen auch Kekse und Tee eine Rolle spielen. Es geht vor allem darum, wie wir als Familie Zeit für was Schönes finden können.
Du hast als Journalistin angefangen und bist irgendwann bei diesen Familienthemen gelandet. Erinnerst du dich noch an die Anfänge, wann es für dich plötzlich so relevant wurde, über Familie zu sprechen?
Laura Fröhlich: Ja total. Ich war Freiberuflerin und war sehr in den Alltag eingebunden. Dieser Struggle zwischen Beruf und Familie war so schwierig, gerade die Karriere aufzubauen und sich zeitgleich um Kinder zu kümmern. Ich habe die ganze Zeit gedacht, wieso kriegen die anderen das hin und ich nicht. Warum bin ich so überlastet und so durcheinander? Bis ich das Konzept "mental load" kennengelernt habe. Da habe ich gemerkt, das geht nicht nur mir so.
Das Gespräch führte Anna Novák in NDR Kultur à la carte.