Kristine Bilkau bekommt den Preis der Leipziger Buchmesse
Die Hamburger Autorin erhält den Preis für ihren Roman "Halbinsel". Nominiert war auch Wolf Haas mit seinem Buch "Wackelkontakt".
Kristine Bilkau ist fast sprachlos, als sie den Preis entgegen nimmt. Man hat den Eindruck, dass sie es kaum glauben kann, dass sie gewonnen hat. Bevor sie auf die Bühne geht, verteilt sie viele Umarmungen. Sie stellt sich in ihrem neuen Roman "Halbinsel" existenziellen Fragen. Das gelingt der Hamburgerin in ihrem "bilkauschen" Erzählton - ruhig, eindringlich, kein Wort zu viel. "Ein tolles Buch, eine würdige Gewinnerin, die den Preis mehr als verdient hat", sagt NDR Literaturredakteurin Maren Ahring. Der Roman ist eine Mutter-Tochter-Geschichte. Eine latent überforderte Mutter ist mit der vermeintlichen Krise ihrer Tochter konfrontiert und versucht damit umzugehen. Der Roman der Hamburgerin ist tief im Norden verwurzelt, denn bei dieser Halbinsel handelt es sich um Nordstrand in Nordfriesland.
Jeder von uns lebt einen Roman
"Ich möchte an meiner Straße am Fenster sitzen und glauben, dass jeder, der vorbeigeht, ein Leben lebt. Glücklich oder unglücklich, aber - tief." Dieser Satz der Malerin Helene Schjerfbeck steht im Mittelpunkt eines der früheren Romane von Kristine Bilkau, bestimmt aber eigentlich ihr ganzes bisheriges Werk: Jeder einzelne von uns hat Tiefe, jede einzelne lebt einen Roman. Die Bestimmung der Autorin ist es, ihn freizuschälen: "Man braucht vor allem erst einmal Beobachtungen und Neugier, und man braucht etwas, woran man sich reibt: eine Sehnsucht, einen Mangel oder Fragen, die sich nicht so leicht beantworten lassen. Für mich sind offene Fragen sehr produktiv."
Der wichtigste Frühjahrstreff der Buch- und Medienbranche ist die Preisverleihung. 15 Nominierte haben sich Hoffnung gemacht. Mit der Auszeichnung werden seit 2005 herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen geehrt, jeweils fünf in den Kategorien Belletristik, Sachbuch und Übersetzung, dotiert mit insgesamt 60.000 Euro.
Kracht, Dischereit und Sahin waren ebenfalls nominiert
Esther Dischereits Geschichte "Ein Haufen Dollarscheine" beginnt im Nationalsozialismus, zeigt aber im Grunde die ganzen Grauen des 20. Jahrhunderts. In "Kommando Ajax" erzählt Cemile Sahin die Geschichte einer Familie zwischen Kurdistan und den Niederlanden, befeuert von einem spektakulären Kunstraub. Zu den Nominierten in der Kategorie Belletristik gehört auch ein Etablierter: Christian Krachts Roman "Air" wurde ebenfalls von der Jury auf die Liste gesetzt. Schauplatz der Handlung ist ein bewachtes Rechenzentrum in Norwegen. Als Protagonist Paul es betritt, wird durch eine Sonneneruption der Planet verschluckt und Paul findet sich in einer Fantasy-Welt wieder. Ein verrätselter Roman und ein modernes Märchen.
Irina Rastorgueva erhält Preis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik

Die russische Grafikerin, Autorin und Übersetzerin erhält den Preis in der Kategorie Sachbuch/Essayistik für ihr Werk "Pop-up-Propaganda. Epikrise der russischen Selbstvergiftung". Sie habe keine Rede vorbereitet, weil sie nicht damit gerechnet habe, einen Preis zu bekommen. "Wir müssen heute alles tun, um die Ukraine zu schützen", sagt sie. Zur Begründung betont die Jury, dass die Autorin uns spüren lasse, wie Putins Propaganda funktioniert. Irina Rastorgueva zeige mit welcher Vehemenz die Propaganda auf uns einprassele. Das Buch sei aber auch ein Hoffnungsschimmer. Irina Rastorgueva traut sich und wagt einen Blick nach vorne, so die Laudatio.
Übersetzungspreis für Thomas Weiler
Den Preis in der Kategorie Übersetzung erhielt Thomas Weiler für "Feuerdörfer. Wehrmachtsverbrechen in Belarus - Zeitzeugen berichten" übersetzt aus dem Belarussischen. Thomas Weiler bleibe nah am gesprochenen Wort und nah am Leid der Menschen. Er übersetze entschlossen leicht an der Norm vorbei und gebe der Fassungslosigkeit Raum. Er hole das Leid der Menschen, die wortwörtlich durch das Feuer gegangen sind, aus dem Vergessen. Man verlasse die Lektüre anders, als man sie betreten habe. Der Preisträger zeigte sich gerührt und bedankte sich zunächst bei den anderen Nominierten dieser Kategorie. "Es war nicht einfach, den Text ins Deutsche zu übersetzen." Er wünsche diesem Buch viel Aufmerksamkeit und viele Leser.
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