Vom Schwertkämpfen zum Teekochen: Cozy Game "Wanderstop"
Burnout ist ein gesellschaftlich wichtiges Thema, das viele Menschen bewegt - es wird auch künstlerisch verarbeitet. So zum Beispiel im Video-Spiel "Wanderstop". Darin wird die Fantasy-Heldin Alta zur Teeladenbesitzerin.
Die Fantasy-Heldin Alta ist eine Kriegerin. Stark, schnell, bekannt für ihre Schwertkunst. Doch dann verliert Alta einen großen Kampf und bricht zusammen. Sie fühlt sich schwach, bezeichnet sich selbst als Versagerin. Auf der Suche nach Heilung wagt Alta einen etwas ungewöhnlichen Neustart: Sie wird Betreiberin eines Tee-Hauses in einem verwunschenen Wald. Genau hier beginnt das eigentliche Spiel.
In der Figur der Alta ist es die Aufgabe des Spielers oder der Spielerin, Tee für Besucher zu kochen. Der Prozess dafür ist überraschend kompliziert. Denn guter Tee braucht Kräuter und Obstpflanzen, die erst einmal im Garten herangezogen werden müssen, bevor sie in einer Art haushohem Fantasy-Samowar zu Tee verkocht werden können.Hinzu kommen andere Aufgaben wie Tassen wegräumen, Unkraut jäten, Blätter zusammen fegen und immer wieder mit den wunderlichen Besuchern des Teehauses plaudern.
Wenn das Spiel zum Job wird
Dieser Mix aus digitaler Arbeit und Teehaus-Atmosphäre verortet "Wanderstop" ganz klar im Trend-Genre der "Cozy Games". Seit etwa fünf bis sechs Jahren feiern diese Spiele große Erfolge. In Cozy Games geht es nicht um Action und Herausforderung, sondern darum, zur Ruhe zu kommen durch einfache, sich immer wiederholende, fast meditative Aufgaben in entspannten digitalen Welten. Das Paradoxe am Genre: So gemütlich sind die Spiele eigentlich nicht.
Ganz oft sind sie nur anders stressig. Ein gutes Beispiel ist Stardew Valley, der bekannteste Vertreter des Genres. Es ist ein Spiel, in dem man eine kleine Farm zu einem Landwirtschafts-Imperium ausbaut. Es geht um Wachstum, Profit, Zeit-Management - das Spiel wird zum Job.
Ein Game, das man gar nicht effizient spielen kann
"Wanderstop" geht einen anderen Weg. An vielen Stellen merkt man: Dieses Spiel soll auch eine Kritik sein am Cozy-Game-Genre. Denn in "Wanderstop" geht es nie darum, effizienter Tee anzubauen und zu verkaufen. Sowieso: Verkauft wird hier überhaupt nichts. Der Tee ist kostenlos und es gibt auch keinen Zeitdruck, um besonders schnell Kunden zu bedienen. Auch die Geschichte will keine einfachen Antworten geben.
Das Teehaus heilt Alta nicht auf wundersame Weise. Ihr wird nur klar, dass sie diese Heilung braucht. An jeder Stelle macht "Wanderstop" bewusst: Dieses Spiel kann gar nicht effizient gespielt werden. Es will kein Job sein, sondern seine Spielerinnen und Spieler dazu bringen, sich die Frage zu stellen, warum sie Cozy Games spielen. Ob sie das wirklich entspannt, oder sie nur eine Tretmühle gegen eine andere eintauschen.
Spielen als Selbstzweck, aber nicht als Heilung
Das hat auch mit der Entstehungsgeschichte des Spiels zu tun: Hinter "Wanderstop" stehen einige der bekanntesten unabhängigen Games-Macher der letzten 20 Jahre. Darunter etwa auch der Deutsche Daniel Rosenfeld, der die Musik geschrieben hat für das erfolgreichste Spiel der Welt, Minecraft. In Interviews sprechen die "Wanderstop"-Entwickler davon, nach diesen Erfolgen vor dem Burnout gestanden zu haben und vor der Frage, wie es weitergeht, wenn man einmal sein Ziel erreicht hat.
"Wanderstop" ist ihre Antwort darauf - ein Spiel, das klarmacht, dass Spielen auch Selbstzweck sein kann, dass wir Ruhe brauchen und Zeit, um einfach nur zu sein. Aber auch, dass ein Cozy Game kein Cheat-Code, keine Abkürzung für Heilung ist.
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