Wer übernimmt Northvolt? Deutsche Firmen offenbar interessiert
Das Sanierungsverfahren nach US-Recht wurde beendet, tausende Mitarbeiter müssen gehen. Der Insolvenzverwalter sucht einen Käufer für Northvolt - und hat offenbar auch in Deutschland Interesse geweckt.
Um 9.17 Uhr am Morgen des 28. März landet eine Privat-Maschine des Typs Challenger 3500 auf der einzigen Landebahn des Flughafens SFT - etwa 200 Kilometer südlich des Polarkreises und direkt vor den Toren der Stadt Skellefteå. Nach Recherchen von NDR Data im OpenSky-Netzwerk kommt das Flugzeug mit der Kennung HB-JLE aus Stuttgart. Es gehört der Scintilla AG und die wiederum zum deutschen Bosch-Konzern.

Erst am Abend hebt die Maschine wieder in Richtung Baden-Württemberg ab. Schwedische Medien rätseln nun über den Anlass des Kurzbesuchs aus der Heimat von Fahrzeugbauern wie Mercedes-Benz und zahlreichen Autozulieferern. Die schwedische Lokalzeitung "Norran" zitiert einen Northvolt-Mitarbeiter, wonach am Freitag ein "sehr interessanter Akteur" der Gigafactory Northvolt Ett einen "vertraulichen" Besuch abgestattet haben soll - ohne einen Namen zu nennen.
Ist Bosch die Rettung für Northvolt?
Hat einer der weltweit größten Autozulieferer Interesse am schwedischen Batteriehersteller? Obwohl Bosch nach eigenen Angaben auf ein umsatzschwaches 2024 zurückblickt, konnte der Konzern im Bereich Elektromobilität Wachstum verzeichnen - vor allem in der E-Auto-Republik China. 2018 entschied das Unternehmen zwar, nicht in die Batterieherstellung einzusteigen, doch mittlerweile sind zahlreiche Kunden des Zulieferers auf die Produktion von Elektrofahrzeugen umgestiegen. Aktuell präsentiert Bosch auf der Hannover Messe Lösungen für die hochleistungsfähige Batterieproduktion.
Auf Nachfrage wollte Bosch den Besuch im schwedischen Skellefteå weder bestätigen noch dementieren. "Ich bitte um Verständnis, dass wir den Sachverhalt nicht kommentieren", heißt es von der Pressestelle. Wie die Zeitung "Norran" weiter berichtet, soll auch Mercedes-Benz Northvolt in Schweden besucht haben. Reaktion der Stuttgarter Autobauer: "Zu Spekulationen äußern wir uns nicht."
Auch der VW-Konzern dürfte derzeit ganz genau hinschauen, was beim Insolvenzverfahren passiert: Einerseits ist Volkswagen mit etwa 21 Prozent größter Anteilseigner von Northvolt, andererseits bezieht die Lkw-Sparte Scania alle Batterien für ihre Elektro-Lastwagen von Northvolt. Scania hatte Northvolt zuletzt im Sanierungsverfahren in den USA finanziell unterstützt und auch die Schwerindustrie-Sparte von Northvolt übernommen.
Batterie-Experte: "Geschickter Schachzug"
Das Stammwerk Northvolt Ett in Schweden sei durchaus attraktiv für Tech-Akteure, erklärt Steffen Link, Batterie-Experte vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI). Aus seiner Sicht wäre ein Einstieg oder Verkauf an Bosch ein geschickter Schachzug: "Da steht eine fertige Fabrik mit Maschinen, Anlagen und Mitarbeitern bei Northvolt - das ist ja alles schon da", so Link weiter.
Doch auch immaterielle Ressourcen könnten eine Rolle spielen: Ein in der Batteriezellproduktion unerfahrenes Unternehmen wie Bosch könne bei Northvolt auch Wissen aufsaugen und das für sich nutzen, meint der Experte.
Ungewissheit für Fabrik in Heide
Was diese Entwicklungen für den Standort bei Heide bedeuten, ist weiterhin unklar. Die schleswig-holsteinische Landesregierung hofft, dass ein großer Investor die ganze Firma übernimmt - inklusive der Baustelle bei Heide (Kreis Dithmarschen). Das hatte Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) vor anderthalb Wochen nach einem Treffen mit dem Insolvenzverwalter gesagt. "Wenn man jede einzelne Maschine und jede Schraube einzeln verkauft, ist das nicht so gut wie ein Gesamtpaket", so Madsen.
Wirtschaftsexperte Professor Georg Ringe von der Universität Hamburg hält es für möglich, dass die deutsche Tochtergesellschaft auch separat verkauft werden könnte. Die deutsche Northvolt-Tochter sei für die insolvente Mutter ein Vermögensgegenstand, der durch einen separaten Verkauf "versilbert" werden könnte, wie Ringe im Interview mit NDR Schleswig-Holstein sagt.
Tausende Beschäftigte müssen gehen
Nach einem Notfall-Antrag vor dem U.S. Bankruptcy Court in Texas wurde das seit November 2024 laufende Sanierungsverfahren (Chapter 11) am Dienstag vorzeitig beendet. Nun kann sich der insolvente Batteriehersteller auf das Insolvenzverfahren in Schweden konzentrieren.
Insolvenzverwalter Mikael Kubu sucht derzeit nach einem Käufer oder mehreren Käufern - und ist nach eigenen Angaben zuversichtlich, dass es mit der Batteriezellproduktion weitergehen kann. Im März bezeichnete er die Chancen auf eine Übernahme durch einen Investor, der die von Northvolt entwickelten Geschäftsaktivitäten fortführt, als vielversprechend. "Es ist entscheidend, dass der Prozess zügig voranschreitet", so Kubu.
Am Montag hatte er angekündigt, dass die Produktion in Schweden vorerst weitergehen kann, allerdings mit deutlich weniger Personal. "Trotz erheblicher Einschnitte ist es positiv zu bewerten, dass der Geschäftsbetrieb teilweise fortgeführt werden kann, was für einen vollständigen oder teilweisen Verkauf des Unternehmens entscheidend sein dürfte", heißt es in seiner Mitteilung.
