Nachgedacht: Die Krise des Erzählens
Das Erzählen steckt in einer tiefen Krise. Vielen Menschen fällt es inzwischen sehr schwer, einem Text zu folgen, der mehr als 500 Wörter aufweist. Eine Kolumne von Alexander Solloch.
"Erzähl' nicht, Jule, renn!", rief Horst Hrubesch, der Bundestrainer der Fußballfrauen, am Dienstag im Olympia-Halbfinale gegen die USA aufs Spielfeld. Dabei ist, sagt nun wiederum Salman Rushdie, der Mensch vor allem eben dies: ein "storytelling animal", das einzige Wesen, das etwas über sich erfährt, indem es erzählt.
Aber Hrubesch, der bekanntlich vor vielen Jahren selbst einmal als feinfühliger Erzähler hervorgetreten ist, als Autor des Sachbuchklassikers "Dorschangeln vom Boot und an den Küsten", trifft intuitiv den wunden Punkt unseres Zeitalters: Das Erzählen steckt in einer tiefen Krise, und es steckt fest wie ein Angelboot im Schlick der Bille.
Wir haben uns Aufmerksamkeit und Geduld abgewöhnt
Das hat natürlich strukturelle Gründe: Die Übermacht digitaler Kommunikation schränkt die Möglichkeiten traditionellen Erzählens stark ein, eines Erzählens, das aus der Tiefe kommt, das - gegen das Versprechen einer aufrüttelnden oder wenigstens unterhaltsamen Geschichte - etwas erfordert, was wir uns im andauernden Anklicken und Wegwischen von Worten gründlich abgewöhnt haben: Aufmerksamkeit und Geduld. Vielen Menschen fällt es inzwischen sehr schwer, einem Text zu folgen, der mehr als 500 Wörter aufweist (bei diesem hier werden es am Ende 587 sein, wobei wir 179 schon hinter uns gebracht haben, also, durchhalten bitte!).
Aber die Krise des Erzählens ist längst auch eine handfest ökonomische. Wie sehr vor allem die kleineren Buchverlage darunter zu leiden haben, dass so vieles so radikal teuer geworden ist in den vergangenen Jahren, zeigt jetzt pars pro toto die Edition Nautilus mit ihrem Appell an alle Freunde und Gefährten, an die interessierte Leserschaft ganz allgemein: Der Hamburger Verlag, der in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert und den jeder liebt, der einmal eines seiner besonderen, zur klugen Revolution unserer Gedanken und Strukturen aufrufenden Bücher in der Hand hatte - dieser schöne kleine Verlag teilt nun mit, seine Lage sei prekär, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten sich radikal verschlechtert, die letzten Monate seien besonders hart gewesen. Darum bittet die Edition Nautilus ihre Sympathisanten um Spenden und "möglichst große" Buchbestellungen.
Was soll man noch streichen, um sich hin und wieder ein Buch kaufen zu können?
Bereits im vergangenen Herbst hatte der Greifswalder Katapult-Verlag mit einem ähnlichen Aufruf nach eigenen Angaben 450.000 Euro an Spendengeldern erlöst und war damit knapp an der Insolvenz vorbei geschrammt. Weitere Verlage werden unzweifelhaft Ähnliches versuchen müssen - oder still untergehen. Denn klar ist auch: An die Solidarität des ohnehin ja eher spärlichen Publikums lässt sich nicht unbegrenzt appellieren. Die Frage ist nicht mehr, ob man sich den neuen tollen Roman, der vor fünf Jahren noch für 20 Euro zu haben gewesen wäre und jetzt 25 Euro kostet, kaufen will, sondern: ob man es kann. Menschen, die Bücher lesen, sind in der Regel zu anständig, um reich zu sein. Die sogenannten "Normalverdiener", die, nachdem sie sich versehentlich den Luxus geleistet haben, mit den Kindern ins Eiscafé zu gehen, nun bestürzt ins leere Portemonnaie sehen - worauf können sie denn überhaupt noch verzichten, nachdem sie schon alle nicht ganz so überlebenswichtigen Versicherungen gekündigt und blutenden Herzens das Zeitungsabo beendet haben? Was sollen sie denn noch streichen, um sich hin und wieder ein Buch kaufen zu können?
Fußball vielleicht? Die immer teureren Stadionbesuche, das immer teurere Pay-TV - eigentlich ist der ganze Quatsch eh verzichtbar geworden, nachdem der DFB beschlossen hat, zur neuen Saison mit der "Meckerregel" das zu unterbinden, was zuletzt noch am meisten Spaß gemacht hat: die sehr unterhaltsamen und zu vergnüglichen Menschenstudien anregenden Rudelbildungen rund um den Schiedsrichter. Wenn es das nicht mehr gibt, der Fußball immer steriler wird - dann gewinnen wir viel Zeit und Geld fürs Lesen. Was sie zu erzählen hat, schreibt Jule künftig einfach auf, die Edition Nautilus verlegt das dann, und wir werden die Büchertische verschwenderisch leerkaufen.
Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie diese Kolumne geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sie sich bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.