Kristine Bilkau: Heimspiel voller kluger Denkanstöße in Hamburg
Seit dem Preis der Leipziger Buchmesse für ihren Roman "Halbinsel" dreht sich die Welt von Kristine Bilkau Welt schneller: Ihr Buch ist beim Großhandel vergriffen. Gestern hat sie erstmals im Hamburger Literaturhaus daraus vorgelesen.
Mit Kristine Bilkau hat eine Hamburgerin den Preis der Buchmesse in der Kategorie Belletristik erhalten - für ihren Roman "Halbinsel" über die Beziehung zwischen einer Frau und ihrer erwachsenen Tochter. Es ist das NDR Kultur Buch des Monats April. Offiziell daraus gelesen hat die 51-Jährige nun zum ersten Mal in ihrer Heimatsstadt, im Literaturhaus Hamburg. Ein Bericht des warmherzigen Abends voller Applaus, Empathie und einer Forderung der Autorin.
Triumphale Rückkehr nach Hamburg - wie bei einer Olympionikin
Natürlich gibt es Applaus und Blumen für den Stargast - nicht erst am Ende des Abends, sondern gleich am Anfang. Wie eine Athletin, die eine olympische Medaille geholt hat und triumphal nachhause zurückkehrt, wird sie beim Heimspiel im Literaturhaus gefeiert. Der Preis der Leipziger Buchmesse ist einer der wichtigsten im deutschsprachigen Raum.
Bilkaus Welt hat sich auf der Buchmesse beschleunigt, wie sie dem Publikum erzählt: "Direkt nach der Verkündung hat sie sich wahnsinnig schnell gedreht. Ich habe auch nur Erinnerungen an Termine und Gespräche und Begegnungen in Geschwindigkeit. Das ging bis Sonntag." Sie sei seit Dienstag Zuhause und so langsam in der neuen Situation angekommen. "Ich freu mich einfach."
Roman "Halbinsel" im Großhandel vergriffen
Der Roman, gerade erschienen, ist direkt ein Hit. Bei den Großhändlern ist er schon vergriffen. Eine Frau im Publikum kauft noch vor Beginn der Lesung gleich drei Exemplare. Das ist viel Fanfare und Aufregung für einen eigentlich so leisen und intimen Roman.
Kristine Bilkau liest selbst - von einer Mutter und ihrer Tochter, Linn.
Es war Ende Mai, als Linn auf einmal einen Schwächeanfall erlitt. Sie hielt einen Vortrag bei einer Tagung in einem Hotel. Vor den Augen der Leute war sie umgekippt. Ich bekam einen Anruf aus einer Klinik in Neubrandenburg. Sind sie die Mutter von? Bilkau liest ein Zitat aus "Halbinsel"
Die Tochter zieht wieder bei der Mutter ein. Lässt Karriere und Privatleben sausen. Die Autorin kommentiert die Gefühlswelt der Mutter: "Erst genießt sie, sie findet es schön, ihre Tochter für eine Woche mit nachhause zu nehmen und gucken zu können - 'wie geht's ihr?' und sie ein bisschen beschützen zu können. Und dann fängt es an, zwischen den beiden interessant zu werden." An dieser Stelle lacht das Publikum.
Autorin ähnelt der Romanheldin: "Sie gehört zu meiner selbstkritischen Generation"

Die 51-jährige Kristine Bilkau ist selbst Mutter. Sie erzählt, dass sie sich viele Gedanken über die Dynamiken zwischen Eltern und Kindern macht. Es sei schon etwas anderes, wenn die Kinder größer seien und selbst Bilanz darüber ziehen würden, was sie erlebt hätten. Wie schwer es Eltern fallen kann, nicht zu übergriffig zu sein. "Sie gehört zu meiner Generation. Das ist eine interessante Generation, das sag ich auch ganz selbstkritisch. Jetzt ist das total der Offenbarungseid, weil mein Sohn hier mit im Raum sitzt", erzählt Bilkau unter Lacher des Publikums. "Wir sind ja sehr aufgeklärt und sehr empathisch."
Gleichzeitig sei ihre Generation eine, die Wert darauf lege, dass die Kinder eine gute Ausbildung machen, sich gut ernähren, alles richtig, alles perfekt machen. "Das ist ein Druck, der aufgebaut wird, der aber immer überdeckt wird von viel Empathie und Fürsorge. Das ist kompliziert."
Bilkau fordert mehr Fairness im Umgang mit jungen Menschen
Kristine Bilkau hat das Eltern-Kinder-Thema sehr lange durchdacht, wirkt analytisch, dabei aber sehr warmherzig. Trotz des großen Preises, den sie gerade gewonnen hat, wirkt sie down-to-earth, also bodenständig. Sie wünscht sich mehr Fairness mit jungen Menschen um die 20. Denen werde viel Böses nachgesagt: Faulheit, fehlender Antrieb. Unsinn, sagt Kristine Bilkau. „Eine heute 20-Jährige war zwölf Jahre alt, als der Brexit passiert ist und Trump das erste Mal gewählt worden ist.“ Sie sei mit Fake News und Beschimpfungen auf Social Media groß geworden. „Dann ist die als nächstes in eine Pandemie reingerutscht und durfte einige Monate allein im Zimmer sitzen und hat viele Erfahrungen verpasst. Als das dann einigermaßen ausgestanden war, gab‘s obendrauf einen Krieg in der Ukraine. Das ist ganz schön viel - und es wäre angebracht, wertschätzender und differenzierter über Jüngere zu sprechen.“, fährt Bilkau unter Applaus des Publikums fort.
Es ist ein Abend vieler kluger Denkanstöße mit Kristine Bilkau.
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