Optimist Milan Peschel: "Es gibt genug Gründe, um zu leben."
Die perfekte Familie für Schauspieler und Regisseur Milan Peschel wären Charlie Chaplin als Vater, die Marx Brothers und Buster Keaton und die Austernprinzessin. Was es damit auf sich hat, erzählt Milan Peschel im Interview.
Ist genug Liebe vorhanden? Genug Anarchie, Lust, Leichtsinn und Klugheit? Die Florida-Bar ist unter der Figur Sugar in Zeiten des Hasses ein leuchtender Zufluchtspunkt für alle, die auf der Suche nach Liebe, Rausch, theoriehaltigen Gesprächen und dialektischem Denken waren. Bis Sugar plötzlich verschwindet. Natürlich kommen die Fragen: Und jetzt? Wie kann es weitergehen? Schaffen wir das? Ist bei uns genug von Sugars Motivationsbudget vorhanden?
Nach der erfolgreichen Uraufführung des Westerns "Chico Zitrone im Tal der Hoffnung" entwickelt der bekannte, mit vielen Preisen ausgezeichnete Schauspieler und Regisseur Milan Peschel einen neuen Theaterabend voller Liebe. "Ich werde dich lieben" heißt das Stück, das am 12. April am Mecklenburgischen Staatstheater Premiere feiert.
Sie haben in irgendeinem Fragebogen gesagt, Sie hätten es ziemlich cool gefunden, wenn Sie sich eine Familie zusammenstellen könnten, in der Charlie Chaplin Ihr Vater wäre.
Milan Peschel: Ja, da habe ich eigentlich alle meine komödiantischen Vorbilder mit reingepackt: Charlie Chaplin, die Marx Brothers und Buster Keaton, glaube ich, auch.
Und die Austernprinzessin aus dem Lubitsch-Film, die kannte ich gar nicht.
Peschel: Genau, die Austernprinzessin. Das ist ein toller Film.
Wenn das wirklich eine Familie wäre, könnte das doch keiner überleben, oder?
Peschel: Nee, aber seine Familie überlebt man auch nicht. Familie ist was ganz Tolles, aber auch der Ursprung für die katastrophalsten Geschichten: Familientragödien und Familiendramen. Was wäre die Kunst ohne das?
Trotzdem ist es nicht Ihr Ansatz bei den Arbeiten, die Sie jetzt hier in Schwerin gemacht haben, "Chico Zitrone - Im Tal der Hoffnung" und "Ich werde dich lieben" Geschichten zu erzählen, oder?
Peschel: Nee, die erzählen wir vielleicht mit. Aber wir bewegen uns jetzt nicht in einem narrativen Sinne von A nach B, wo dann dies und jenes passieren muss. Das ist eher eine diskursive Form, auch sehr unterhaltsam und lustig. Natürlich ist immer auch was zum Nachdenken dabei. Aber wichtig ist mir, dass man dabei als Zuschauer trotzdem gut unterhalten ist und, dass man sagt: Ah, das ist ein interessanter Gedanke.
Als ich den Titel gelesen habe "Ich werde dich lieben" konnte ich mir nichts darunter vorstellen. Die Welt ist in einem katastrophalen Zustand, was kann uns jetzt noch retten - die Liebe? Können Sie diesen Gedanken nachvollziehen?
Peschel: Man kann es auch als Drohung sehen: Ich werde dich lieben.
Finden Sie?
Peschel: Das wurde bei unseren Proben aufgeworfen. Wir befinden uns ein bisschen in Zeiten der Autokorrektur und des Hasses. Wir korrigieren uns alle immer selbst und die KI übernimmt den Rest. Wir versuchen niemandem wehzutun. Der Hass macht sich noch mehr breit und ich finde, dem muss und kann man nur Liebe entgegensetzen. Das fängt bei den banalsten Sachen an. Das fängt damit an, dass man einfach freundlich und liebevoll zu anderen Menschen ist. Oder ihnen einfach nur zuhört. Dass man Leute nicht verurteilt oder beurteilt, sondern erstmal versucht, in ein Gespräch zu kommen. Eigentlich geht es mir, glaube ich, darum, öffentliche Räume zu schaffen und zu erhalten und darauf hinzuweisen, dass sie immer weniger werden. Ich meine, das ist de facto vor allem so, wenn man immer weiter in der Bildung oder in der Kultur kürzt, das wird uns sehr bald schon auf die Füße fallen. Das ist eine absolute Fehleinschätzung der Zahlenmenschen in der Politik, die glauben, wenn man da spart, dann spart man am richtigen Ende. Das ist das falsche Ende, das kann ich euch sagen, Leute. Es ist so.
Milan Peschel, Sie haben erzählt, was Sie bewegt, wenn Sie Theater machen. Aber was auch ganz wichtig ist, ist unterhalten, oder? Wann ist Unterhaltung gute Unterhaltung? Geht das, kann man das überhaupt definieren?
Peschel: Ich glaube, das definiert jeder anders. Ich kann es nur für mich definieren. Unterhalten bin ich, wenn Slapstick passiert, wenn was wirklich Lustiges passiert, wenn Schauspieler sich auch hergeben. Gute Komik ist natürlich auch, dass man sich selbst immer zur Verfügung stellt. Das habe ich bei Charlie Chaplin oder Buster Keaton gelernt. Aber natürlich will ich auch intellektuell unterhalten sein. Das ist mir auch total wichtig, dass ich immer wieder sagen kann: "Interessanter Gedanke!".
Wir schauen jetzt auf die Produktion "Ich werde dich lieben" in Schwerin. Ihre Frau ist die erste Autorin als Bühnenbildnerin. Hat sie Ihnen jemals ein Bild zur Verfügung gestellt, bei dem Sie dachten, da kann ich jetzt nicht mit umgehen?
Peschel: Ja, das gab es auch schon bei unseren ersten Arbeiten, die wir gemacht haben. Das ist aber auch schon 14 oder 15 Jahre her. Da sind auch Tränen geflossen. Das passiert jetzt nicht mehr.
Weil Sie sich so gut kennen?
Peschel: Ja, weil ich ihr auch Freiheiten lasse und weil sie auch mit den Freiheiten gut umgehen kann. Natürlich sage ich auch mal, wenn ich was nicht verstehe oder mit etwas nichts anfangen kann. Es ist trotzdem immer ein Gespräch. Die letzten Arbeiten haben mich immer interessiert, auch wenn ich dachte, ich weiß gar nicht, wie ich das nehmen soll. Aber ich lasse mich auch gerne überraschen. Wenn man mit einem Bühnenbild erstmal nicht so klarkommt, wenn man nicht weiß, was man damit anfangen kann, heißt das nicht, dass es ein schlechtes Bühnenbild ist. Sondern vielleicht hat man nur nicht genug Fantasie oder noch keine Ideen, aber die kommen dann bei der Arbeit.
Sie sind bekennender Optimist. Das haben Sie schon oft gesagt. Wo nehmen Sie den Optimismus immer wieder her? Gerade weil Sie sich intensiv mit der Gegenwart beschäftigen.
Peschel: Ich sehe, wie gut es mir geht. Irgendeiner muss optimistisch bleiben. Wir können jetzt nicht alle sagen, wie schrecklich es ist und alle traurig und depressiv werden. Ich muss meinen Kindern auch noch ein Vorbild sein. Das heißt nicht, dass ich die Probleme weglache. Aber man entwickelt auch keine Kraft, wenn man schlaff in der Ecke hängt und sagt, das hat sowieso alles keinen Sinn. Ich meine, es geht so vielen Leuten wesentlich schlechter als uns hier in Deutschland. Man muss nur mal die Perspektive wechseln. Ich glaube, dass man mehr Kraft entwickelt, wenn man versucht, Hoffnung zu haben. Klar, es gibt viele Sachen, die einen verzweifeln lassen und auch an der Gegenwart verzweifeln. Aber es gibt genug Gründe, um zu leben.
Aber ein Happy End gibt es nicht, oder?
Peschel: Ich möchte schon, dass mein Leben happy endet.
Aber am Ende steht immer der Tod. Ist der happy?
Peschel: Naja, der Tod ist unvermeidlich. Oft ist er wahrscheinlich nicht happy. Ich weiß nicht, ich sage es Ihnen dann, wenn es soweit ist. Ich glaube, wichtig ist, wie man davor gelebt hat. Ich glaube, wenn man gut gelebt hat und halbwegs glücklich war, dann kann man möglicherweise auch glücklich sterben.
Das Gespräch führte Katja Weise. Einen Ausschnitt davon lesen Sie hier, das ganze Gespräch können Sie oben auf dieser Seite und in der ARD Audiothek hören.
