Ausstellung über Thälmann-Film: Zeitreise ins Schwerin der 1970er
Blick hinter die Kulissen: 1974 drehte die DEFA in Schwerin einen Spielfilm über den jugendlichen Ernst Thälmann. Eine Fotoausstellung zeigt jetzt vieles, was im fertigen Film nicht zu sehen war.
"Aus meiner Kindheit" heißt die DEFA-Produktion, für die wichtige Szenen im Frühjahr 1974 in der Schweriner Innenstadt gedreht wurden. Die drei "Engen Straßen" in der Schweriner Altstadt wurden zum Hamburg um 1900. Ein Schwarz-Weiß-Foto in der Ausstellung "Ernst Thälmann in Schwerin - 50 Jahre DEFA-Film 'Aus meiner Kindheit'" zeigt, wie ein Pferd einen Wagen durch eine enge Gasse zieht. Auf dem Wagen steht "Fuhrgeschäft & Gemüsehandlung Jan Thälmann". Auf dem Kutschbock sitzen Vater Jan und Sohn Ernst Thälmann. Im Hintergrund der Szene weht eine DDR-Fahne. Im Film spricht Vater Jan Thälmann auf dem Pferdefuhrwerk zu seinem Sohn Ernst:
Müde? Man muss lernen, sich zu überwinden, Junge. Dialog aus dem Film "Aus meiner Kindheit"
Michael Kröger spielte den jugendlichen Ernst Thälmann

"Es ist alles noch vollkommen in meiner Erinnerung da. Jedes Bild, jede Szene hab ich heute noch nach so vielen Jahren voll im Kopf drin. Ich weiß genau, wo es war. Die Stadt erkenne ich. Ich würde mal übertreiben: Ich kann mich noch daran erinnern, wie das Pferd gerochen hat", sagt Michael Kröger. Der Schweriner spielte vor 51 Jahren den jungen Ernst Thälmann. Jetzt steht er in der Ausstellung im "Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus" in Schwerin und schaut auf Fotos, die die Dreharbeiten damals festhielten:
"Ich bin wirklich gespannt, wie die Leute das sehen. Ich glaube, damals wusste jedes Kind, wer Ernst Thälmann war. Heutzutage ist es natürlich ein Name, der nicht mehr so häufig auftritt und bei der heutigen Jugend nicht so bekannt ist wie damals. Und jetzt durch den Film, und wenn es dann noch um Schwerin geht. Alte Sachen sieht man dort, wie es denn war. Na gut, Schwerin ist im Film Hamburg. Aber jeder Schweriner kennt die Stätten, an denen wir dort gedreht haben: Markt, das Theater und einige Kulissen. Das erkennen die Leute. Ich bin gespannt, wie die Reaktion ist. Ich freue mich echt drauf", sagt Kröger.
Fotos von Schweriner Fotograf Ernst Höhne
Fast alle gezeigten Bilder stammen aus dem Nachlass von Ernst Höhne, einem langjährigen Schweriner Pressefotografen: "Ernst Höhne hat zu Lebzeiten tatsächlich sein privates Fotoarchiv, was während seiner SVZ-Tätigkeit entstanden ist, ins Freilichtmuseum gegeben. Da gibt es tatsächlich einen Bestand 'Filme in Mecklenburg-Vorpommern'. Und in diesem Bestand fand sich ein Tütchen zu den Dreharbeiten von 1974 mit etwa 50 sechs mal sechs Schwarz-Weiß-Negativen", berichtet Volker Jahnke. Er leitet das Bildarchiv im Freilichtmuseum Schwerin-Mueß und hat die Fotos für die Ausstellung ausgesucht:
"Das ist der eigentliche Spaß, hinter die Kulisse zu gucken. Wir sind richtig Backstage unterwegs. Der Film versucht ja, Hamburg vorzugaukeln, aber das eben in Schwerin. Deswegen ist es für Schweriner und Lokalpatrioten ein großes Fest, auf den Bildern sich selbst zu entdecken. Oder eine Szenerie, die sich hinter dem Film verbirgt. Der Markt wurde tatsächlich mit ganz unterschiedlichen Reklamebildern aus Hamburg verhängt. Aber wenn man sich in Schwerin auskennt und an diesen Reklameschildern vorbeiguckt, erkennt man das Schweriner Rathaus. Witzigerweise hängen manchmal auch noch DDR-Fahnen hinter Ernst Thälmann", findet Volker Jahnke.
Regisseur Bernhard Stephan: Schwerin passende Kulisse
Regie führte beim Film "Aus meiner Kindheit" Bernhard Stephan, der natürlich 1974 nicht an originalen Orten in Hamburg drehen durfte und deshalb eine Alternative suchte: "Die Gängeviertel, die in Hamburg so eine wesentliche Rolle spielen, das fanden wir eigentlich alles so. Die Architektur und auch die natürlich die Bevölkerung, war sehr entgegenkommend. Aber gerade von Architektur und so fanden wir Schwerin am passendsten", erinnert sich der Regisseur.
Fotograf Höhne entdeckte Motive am Rande der Dreharbeiten
Während für den Film alles so arrangiert wurde, dass es wie in Hamburg ausschaute, ist hinter und neben den Kameras die Wirklichkeit zu entdecken - so bei der Szene, wie der Kaiser die Hansestadt besucht: "Wir hatten als Orchester das Standortorchester der Deutschen Volkspolizei engagiert. Die machten mit einer unheimlichen Begeisterung mit. Die hatten ihre kaiserlichen Uniformen an und die Pickelhauben auf und hauten rein und lachten sich tot, es war schon putzig", blickt Bernhard Stephan schmunzelnd zurück.
Ein Foto hält diese Szene wunderbar fest, hebt auch Volker Jahnke hervor:

"Das eine ist ein Verkehrspolizist und der andere ist tatsächlich ein Volkspolizist, und in der Mitte steht der Polizist aus der Kaiserzeit. Die hauen Sie sich auf die Schenkel. Man sieht, dass sie Spaß daran haben, sich zu unterhalten, und man hat so das Gefühl, dass es ein Treffen der Generationen ist. Das ist wohl auch die Meisterschaft von Ernst Höhne, dass er sich nicht hat von der Filmszene fangen lassen, sondern dass er immer diese kleinen Sequenzen am Rand aufgepickt hat, die wirklich geradezu köstlich sind."
Diese Fotoausstellung wirft einen Blick hinter die berühmten Filmkulissen und zugleich zeigt sie das Schwerin der 70er-Jahre, eine zugleich durchaus amüsanten Reise in die jüngere Stadtgeschichte.
Die Ausstellung "Ernst Thälmann in Schwerin - 50 Jahre DEFA-Film 'Aus meiner Kindheit'" ist vom 4. April bis zum 11. Mai im Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin zu sehen.
