Als "Asozialer" im KZ: Erinnerung in MV an fast vergessene NS-Opfer
80 Jahre nach Kriegsende bekommen noch immer nicht alle Opfer die volle Anerkennung und Aufmerksamkeit. Über jene, die die Nazis als "Asoziale" und "Berufsverbrecher" stigmatisierten, wurde lange geschwiegen.
Ein paar Blätter aus einer Gefängnisakte, Dokumente einer NS-Sozialbehörde, kein Foto, kein Totenschein: Viel gibt es nicht mehr an greifbaren Erinnerungsstücken, die Mascha Krink (59) mit ihrem Großvater verbinden. Sie lebt in einem kleinen Dorf in der Mecklenburgischen Seenplatte. Ihr Opa galt den Nationalsozialisten als "Asozialer". Das Schicksal seiner neunköpfigen Familie hat die Künstlerin zu einem besonderen Bild inspiriert. Damit gibt sie diesen Menschen ihre Würde zurück.
Auch von ihrem Vater erfuhr sie wenig über ihren Großvater Herbert Böhm: "Er dachte immer, sein Vater war im KZ, und er ging davon aus, dass er Widerstandskämpfer war." Erst vor wenigen Jahren bekam Mascha Krink die Haftakte des Großvaters. "Da stand dann das Stigma als asozialer Häftling. Das wollte mein schwerkranker Vater gar nicht glauben", schildert Krink im Podcast "Kunstkaten“ von NDR 1 Radio MV.
Als Wanderarbeiter im Visier der NS-Behörden
Wie Hunderttausende in dieser Zeit hatte Mascha Krinks Großvater Herbert Böhm seine Arbeit verloren. Mit seiner neunköpfigen Familie wanderte er auf der Suche nach Arbeit Anfang der 1930er durch ganz Deutschland. Zu Fuß. Immer ab- und weiterverwiesen durch die Behörden. Manchmal bettelten die Eltern, dafür wurden sie für eine Woche ins Gefängnis gesperrt. Im März 1940 mussten die Eltern in eine Arbeitsanstalt, die Kinder wurden ihnen weggenommen. Die Jüngeren, darunter Mascha Krinks Vater, kamen ins Heim, die älteren wurden zu Bauern gegeben, um dort zu arbeiten.
Ein Bild gibt der Familie die Würde zurück
"Meine Großmutter wird nach drei Monaten in die Freiheit entlassen und mein Großvater ging von da aus sofort ins KZ Sachsenhausen. In Ravensbrück verliert sich dann seine Spur," fand die Enkelin heraus. Erst nach Kriegsende kamen Mutter Böhm und ihre Kinder wieder zusammen - solange hatten die NS-Behörden ihr jeglichen Kontakt verweigert. Mascha Krink findet in den Akten ein einziges, nur fünf mal fünf Zentimeter großes Foto: Es zeigt Theresa Böhm und ihre Kinder. Das Foto ist die Grundlage für ein Bild von Mascha Krink: Sie malt die Familie. Kinder mit geschorenen Köpfen, armseliger Kleidung, verlegenen Gesichtern. Mit dieser Zeichnung gibt die Künstlerin den Menschen ein Gesicht - und eine Würde.
80.000 Opfer mit dem grünen und schwarzen Winkel im KZ
80.000 Menschen, die von den Nationalsozialisten als "Asoziale" oder "Berufsverbrecher" bezeichnet wurden, kamen in die Konzentrationslager und mussten dort den schwarzen, beziehungsweise grünen Winkel tragen. Als "Berufsverbrecher" galt, wer mehrmals wegen eines Delikts, etwa eines Diebstahls - dazu zählte auch Mundraub - im Gefängnis gesessen hatte. Wer das KZ überlebte, bekam nie eine Entschädigung vom deutschen Staat und wurde nicht als NS-Opfer gesehen, denn: War er denn nicht "selbst schuld"? Nein, sagt Frank Nonnenmacher, emeritierter Professor für Sozialwissenschaften. Er startete 2019 die Initiative, die 2020 endlich zur Anerkennung der bisher verleugneten Opfergruppen durch den deutschen Bundestag führte. Außer der AfD stimmten alle Parteien dafür. "Der Beschluss ist ein Erfolg" sagt Frank Nonnenmacher, "weil der klare Satz darin steht: Auch Menschen mit dem schwarzen und grünen Winkel sind Opfer des Nationalsozialismus, niemand war zu Recht im KZ." Nonnenmachers Onkel hatte als sogenannter Berufsverbrecher das KZ knapp überlebt. Erst im Alter von 80 Jahren erzählte er dem Neffen seine Geschichte.