Zum Tod von Aribert Reimann: Gespräch mit Geiger Oliver Wille
Der Komponist Aribert Reimann ist im Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben. Oliver Wille, Intendant der Sommerlichen Musiktage Hitzacker, spricht im Interview über eine besondere Begegnung mit Reimann.
Der Klarinettist Jörg Widmann sagt, Aribert Reimann war ein komplexer, wunderbarer Mensch - und auch einer, der am genauesten das Leiden der Menschen gefühlt und gehört hat und zu Musik hat werden lassen. Oliver Wille, Du hast ihn persönlich erlebt - wie würdest Du Aribert Reimann beschreiben?
Oliver Wille: Ich habe nur den älteren Aribert Reimann erlebt - und ich habe ihn ganz wunderbar erlebt. Eine sehr schöne Geschichte gehört dazu: Wir haben uns schon sehr lange von ihm gewünscht, ein Streichquartett zu bekommen, da wir auf der Suche nach neuen Werken von Komponisten waren, die wir verehren. Ich habe ihm einen langen Brief geschrieben, der lange unbeantwortet blieb, bis Reimann in einem Konzert auftauchte. Wir spielten damals seine Mendelssohn-Lieder mit Mojca Erdmann. Er war so gerührt von der Aufführung, dass er hinter der Bühne sagte, er wollte uns eigentlich absagen, aber er überlegt, ob er nicht einen Gesangszyklus von Kirchner für uns schreibt. Darauf konnten wir uns zunächst einigen. Ich bin aber dran geblieben und habe gesagt, ich möchte ein Streichquartett, weil ich glaube, dass er auch für Streicher ganz toll schreiben kann. Daraus entstanden nach vielem Hin und Her "Die schönen Augen der Frühlingsnacht". Das ist ein Zyklus von Kirchner-Liedern für Streichquartett und Sopran mit sieben Bagatellen für Streichquartett. Diese Bagatellen kann man auch separat spielen, sodass eine salomonische Lösung entstand. Ich fand ganz rührend, dass wir eben doch ein kleines Streichquartett von ihm haben.
So erlebte ich ihn die ganze Zeit. Er war sehr freundlich in den Proben, sehr bestimmt, sehr genau und hat, wenn er einmal eine Beziehung zu seinen Interpreten aufgebaut hat, auch nicht mehr losgelassen. Wir haben über Jahre Kontakt gehabt. Er kam nach Hitzacker; wir hatten ihn bei den Sommerlichen Musiktagen 2019 zu Gast in Residence und haben dort viele seiner Lieder gemacht. Er kam in die Hochschule und hat rührend und sehr energetisch und ausdauernd mit den Studierenden gearbeitet. Er war also auch ein großer Pädagoge, der eine unglaubliche Laufbahn an der UdK in Berlin hatte. Ich glaube, das ist etwas, was uns alle vereint, die mit ihm zu tun hatten: Er hat sich in unsere Herzen geschlossen - nicht nur durch nett sein und Augenhöhe, sondern durch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Menschen, die er da vor sich hatte.
In Hannover an der Staatsoper ist im Februar seine Oper "Lear", mit der er 1978 seinen Durchbruch feiern konnte, aufgeführt worden. Eine Vorstellung gibt es noch in der kommenden Woche. Reimann zeichnet seine Bescheidenheit aus: Er hat gerade einen Preis für sein Lebenswerk bekommen und sich offenbar sehr darüber gefreut. Ist das etwas, was uns heute ein bisschen fehlt und was er uns vielleicht auch mitgibt - neben seiner unbestechlichen Art und seiner außergewöhnlichen eigenen Stimme in seiner Musik: dass wir darauf mehr Acht geben sollten?
Wille: Ich glaube, dass das Menschliche an und in ihm etwas Besonderes war. Er war sehr ausdauernd und auch sehr sensibel. Man musste sehr vorsichtig mit ihm umgehen - im guten Sinne -, also ihn achten. Das ist natürlich eine Selbstverständlichkeit, wenn man so viel jünger ist, wie ich es bin. Er gehört zu den Komponisten, die sich um die Werke und die Interpretation kümmern, und die auch treu bleiben, wenn er das Gefühl hat, dass die notwendige Ernsthaftigkeit und hohe Leistungsbereitschaft da ist. Denn seine Musik zu spielen, ist sehr schwer. Das erzählen die Sängerinnen und Sänger, die Pianisten und auch wir.
Was ist das Besondere, wenn man seine Musik spielt?
Wille: Weshalb ich mir ein Stück von ihm gewünscht habe, ist, weil ich glaube, dass er sehr besonders mit Streichern umgeht. Er schafft es, den Streichinstrumenten und speziell dem Streichquartett eine eigene Klanglichkeit zu verleihen, die wiedererkennbar ist: etwas Flirrendes, etwas, was aufgeregt ist, was sehr hell klingt und gleichzeitig sehr transparent ist. Etwas, was einen sofort anfasst und berührt - aber auf eine ganz bestimmte Art, die ich als Reimann-Klang bezeichnen würde. Damit setzt er sich ab von anderen Komponistinnen und Komponisten, die heute komponieren.
Das Gespräch führte Raliza Nikolov.
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