Naturstudien im Bildband "Mira Calligraphiae Monumenta"
Das J. Paul-Getty-Museum in Los Angeles und der Verlag Hatje Cantz warten in diesem Jahr mit einem ganz besonderen Kleinod auf: Der "Mira Calligraphiae Monumenta".
Auf deutsch heißt der Band sinngemäß: "wundervolle Denkmäler der Kalligrafie". Hinter diesem lateinischen Titel verbirgt sich eine illuminierte Handschrift aus der Renaissance, veröffentlicht in einem feinen Leineneinband. Das Getty Museum hatte das Original im Jahr 1986 erworben.
Kalligrafie wird zur Kunst erhoben
In senfgrünes Leinen gekleidet mit einem schwungvollen, goldgeprägten Kalligrafie-Schnörkel auf dem Einband, wartet dieses aufwendig gestaltete Büchlein im Schuber. 16,6 mal 12,4 Zentimeter misst das Original, nur wenig größer ist der von Hatje Cantz herausgegebene Band. Enthalten ist die geballte Meisterhaftigkeit des 16. Jahrhunderts auf dem Gebiet der Kalligrafie und der sogenannten Illumination, der Kunst der Buchmalerei. Geschrieben hat den Kodex der berühmte ungarische Kalligraf Georg Bocskay.
"In diesem Streben nach Virtuosität wird das Bemühen deutlich, dem sich die Schreibmeister - in Nachahmung der bildenden Künstler der Renaissance - verschrieben hatten: das Schreiben in den Rang der schönen Künste zu erheben", schreibt Lee Hendrix, der pensionierte Chefkurator der Grafischen Abteilung des J. Paul Getty Museums im informativ und spannend gestalteten Textteil des Buches.
Genau darum ging es den Kalligrafen im ausgehenden 16. Jahrhundert: Um die Erhebung der Schrift zur Kunst. Der Buchdruck gewann an Bedeutung. Umso mehr musste eine neue Rolle für die Schrift, die künstlerische Kalligrafie, erkämpft werden. Dieses Musterbuch unterschiedlichster Schriften legt davon Zeugnis ab.
Ausgezeichnete Illustrationen ergänzen die Texte
Mal in ausladenden Bögen, die den oberen Teil der Seite bis nach unten durchqueren, mal in winzig kleinen, verschlungenen Buchstaben, mal in sich einkringelnden Ranken mit Gold und Silber hat Georg Bocskay seine "bewunderungswürdigen Monumente der Schreibkunst" auf 129 Seiten ausgebreitet - im Auftrag von Kaiser Ferdinand I., bei dem Bocskay angestellt war. Über 15 Jahre nach Bocskays Tod fügte der Kaufmann und Buchmaler Joris Hoefnagel seine Illuminationen im Auftrag Kaiser Rudolfs II. in den Band ein.
Die Tatsache, dass der Kalligraf seine Arbeit abgeschlossen hatte, als der Maler ans Werk ging, macht eine der vielen Besonderheiten dieser Handschrift aus. Denn selbstverständlich hatte sich Bocskay die Aufteilung jeder Seite, die Gewichtung jeder Schrift auf dem Blatt genau überlegt. Als Joris Hoefnagel, ans Werk ging, musste er den Beweis antreten, dass das Bild der Schrift zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen ist.
Gelungene Kompositionen von Bild und Schrift
Wie er das tat, ist - man kann es nicht anders sagen - zum Niederknien schön und sonderbar und modern. Lee Hendrix drückt es so aus: "Hoefnagel entdeckt die latente Eigentümlichkeit alltäglicher Objekte neu, wie einer Gartenbohne oder Walnuss, die ihr Innenleben preisgeben, als würden sie okkulte Geheimnisse offenbaren."
Darunter eine bis ins Kleinste ausgestaltete, blauschimmernde Libelle, die mittig mit ausgebreiteten Flügeln der Komposition Halt gibt. Sie mündet mit ihrem Ende in den von links nach rechts rankenden Zweig einer Birne. Mit Schatten versehen, erscheinen die Objekte plastisch, liegen vermeintlich auf dem Papier. Rechts ragt von unten eine rosafarbene Gartennelke empor, noch nicht ganz aufgeblüht; an der Blüte sitzt filigran das Fantasie-Insekt.
Von diesen Fantasie-Tieren wimmelt es in dem Buch. Wie aber ist Joris Hoefnagel bei seinen Ausgestaltungen vorgegangen? Mit Humor! So viel ist sicher. Wenn er etwa die Stängel der Blüten scheinbar durchs Blatt zieht und auf der anderen Seite hervorlugen lässt.
Genaue Beobachtungen und fantasievolle Zeichnungen
Die Vermutung, dass Joris Hoefnagel der Natur mitunter aus schierer Freude auf die Sprünge geholfen haben könnte, liegt auch deshalb nah, da er im zweiten Teil des Buches seiner Fantasie freien Lauf lässt - für eine wiederum fantastische Illumination des Römischen Majuskel- und des gotischen Minuskelalphabetes. Er malt bizarre Fratzen, witzige Hunde, wunderliche Erdferkel und einen Vogel, dessen Hals und Beine aus einem Schneckenhaus herauswachsen.
Das Buch ist lehrreich, fantastisch, unglaublich schön, ästhetisch, wahnwitzig. Über die Kunst der Schrift und der Illumination lernt man zwei Menschen kennen, die vor rund 400 Jahren gelebt haben.
Auf dem letzten, vor seinem Tod im Jahre 1575 fertiggestellten Folio, kalligrafiert Bocskay in hellen kursiven Lettern auf dunklem Grund:
"Fama sea virtutis nomen superest tantum, sed caetera universa mortis errunt."
"Nur der Ruhm überlebt, alles Übrige wird es Todes sein."
Mira Calligraphiae Monumenta
- Seitenzahl:
- 424 Seiten
- Genre:
- Bildband
- Zusatzinfo:
- Texte von Lee Hendrix, Thea Vignau-Wilberg, Timothy Potts, Thomas Kren, 186 Abb., Ganzleinenband, 14,00 x 19,00 cm
- Verlag:
- Hatje Cantz
- Bestellnummer:
- 978-3-7757-4752-3
- Preis:
- 78,00 €