"Rhapsody in School": Gedenkkonzert für den Pianisten Lars Vogt
Am 17. Oktober gab es in Hamburg ein Gedenkkonzert für Lars Vogt. Zugleich war es ein Benefizkonzert für die Initiative "Rhapsody in School", die der 2022 verstorbene Pianist ins Leben gerufen hat. Dazu im Interview: Saxofonistin Asya Fateyeva und der Pianist Markus Becker.
"Ich habe nie etwas Sinnvolleres gemacht", hat der Pianist Lars Vogt einmal über "Rhapsody in School" gesagt. In dem Projekt gehen Profimusikerinnen und Musiker in Schulen, um Schülerinnen und Schüler für Musik zu begeistern. Der im vergangenen Jahr verstorbene Lars Vogt hatte vor mittlerweile 18 Jahren die Idee zu diesem Projekt.
Beim Gedenkkonzert am 17. Oktober in der Laeiszhalle in Hamburg haben außergewöhnliche Musikerpersönlichkeiten einen kammermusikalischen Abend gestaltet. Mit dabei waren die Saxofonistin Asya Fateyeva und der Pianist Markus Becker, die auch bei "Rhapsody in School" mitmachen.
Markus Becker, Sie engagieren sich seit langem für "Rhapsody in School". Wie konnte Lars Vogt Sie für sein Herzensprojekt gewinnen?
Markus Becker: Das war überhaupt kein Problem, weil er mit seinem Projekt uns allen aus dem Herzen gesprochen hat. Die Idee, durch das Spielen Kinder in direkten Kontakt mit der Musik zu bringen, ohne den Umweg über Lautsprecher oder Ähnliches, das war überfällig. Er war derjenige, der diese Idee endlich eingelöst hat. Ich kann mich erinnern, dass ich es einfach nur toll fand und sofort dabei war.
Warum sollten Kinder und Jugendliche mit klassischer Musik und auch mit Jazz in Kontakt kommen?
Becker: Das ist ein ganz großes Thema. Nicht nur für uns als sogenannte Profis hat Musik die Möglichkeit, uns zu spiegeln, uns herauszufordern, uns zweifeln zu lassen, uns Freude zu schenken und alles das, was wir erleben, noch einmal auf eine andere Ebene zu heben. Wenn man mit Musik früh genug in Kontakt kommt und feststellt, dass man mit ihr einen Weg geht und sich nicht nur kurz mal zwei Minuten bespaßen lässt, sondern die Möglichkeit hat, eine Reise zu machen, dann ist das etwas, was ein Leben lang halten kann. Wenn diese Momente nicht passieren und Kinder ohne sie aufwachsen, dann ist der Kontakt später schwerer herzustellen.
Asya Fateyeva, Sie gehen mit ihrem Instrument, dem Saxofon, auch in Schulen. Wie sind Sie zu "Rhapsody in School" gekommen?
Asya Fateyeva: Das war während der ersten Ausgabe des Kammermusikfestivals Spannungen, bei dem ich auch eingeladen war. Es war ein tolles Erlebnis, dort mit dem Saxofon zu den Kindern zu gehen und in diese begeisterten Augen zu schauen. Sie hatten viele Fragen. Zum Beispiel: Wie viel verdient man als Musiker? Man kann Kindern natürlich sein Instrument vorführen, mit allen Möglichkeiten, komischen oder auch schönen Geräuschen, und so in den Austausch kommen. Ein ganz tolles Erlebnis!
Schauen wir doch mal auf eine Stunde "Rhapsody in School" - wie laufen solche Schulbesuche ab?
Fateyeva: Es ist ganz toll organisiert. Die Kinder bereiten sich vorher auf das Thema, beziehungsweise den Künstler oder das Instrument vor. Man spielt einiges vor - und dann kann man die weitere Zeit gestalten, wie man möchte. Was ich sehr gern mache, ist, wirklich in einen Austausch mit den Kindern zu treten. Dabei reagiert man auf sie - und so ist jedes Zusammentreffen auch improvisiert.
Markus Becker, Ihr aktuelles Album heißt "Regarding Beethoven", dort improvisieren Sie über Ideen von Beethoven. Ich kann mir das auch spannend vorstellen, bei einem Schulbesuch über ein Thema zu improvisieren. Machen Sie das manchmal, setzen Sie sich in der Schule ans Klavier und spielen drauf los?
Becker: Das kommt auch vor. Ich bin da repertoiremäßig sehr offen. Ich finde es auch wichtig, dass man da nicht nur in eine Stilistik geht. Aber es muss gar nicht Jazz oder Improvisation sein. Ich finde es schön, wenn die Kinder einen großen Horizont an Musik erfahren und darauf reagieren können.
Ich würde vermuten, dass Kinder das auch gut können, Improvisieren. Gebt den Kindern den Anfang von Beethovens Fünfter - und da machen die was draus, oder?
Becker: Ich glaube, sie sind viel unbefangener als wir. Man hört so oft von Erwachsenen, auch von Kollegen: Ich kann nicht improvisieren. Da sage ich: Das stimmt nicht. Das kann jeder. Wir haben alle dieses Vokabular in uns, mit dem wir spielen können, wenn wir es einfach mal zulassen. Aber wir sind als klassische Musiker oft so stark an den Notentext gebunden und auch an diese ganz authentische Wiedergabe und dieses möglichst Fehlerfreie, dass wir gar nicht rechts und links gucken. Aber wenn man sich das mal so angewöhnt in einer freien Stunde, dann kann man Geschmack daran finden. Und Kinder sowieso - das sind allesamt großartige Musiker!
Zusammen mit vielen anderen namhaften Kolleginnen und Kollegen wie Sabine Meyer oder Christian Tetzlaff, die bei "Rhapsody in School" mitmachen, spielen Sie am Dienstagabend ein Konzert in Gedenken an Lars Vogt. Es ist zugleich ein Benefizkonzert für die Zukunft der Initiative. Was werden Sie spielen - und spielen Sie etwa alle zusammen?
Becker: Das wär’s noch, ja (schmunzelt). Vielleicht denken wir uns noch eine Zugabe aus, wo alle zusammen etwas singen. Für diese skurrile Besetzung ist glaube ich noch nichts geschrieben worden, wenn alle Beteiligten sich zusammentun würden. Wir spielen in vielen kleinen und etwas größeren Gruppen. Angefangen wird mit der Chaconne von Bach auf der Geige solo, das wird Christian Tetzlaff spielen. Dann geht es in Trio- und Quartett-Besetzung weiter, stilistisch quer durch den Garten. Das Wichtigste war uns, dass wir ein möglichst buntes Panorama von Musik und auch der Künstlerinnen und Künstler zeigen. Ich glaube, das gelingt auch. Es wird dann von der Klassik in den Jazz hineingehen - mit Übergang. Das werden wir sehr elegant zu lösen versuchen. Es wird auch improvisatorische Einschübe geben. Wir sind selbst alle ganz gespannt, weil natürlich jeder und jede für sich immer nur einen kleinen Teil des Programms darstellt und wir sehr viel gegenseitig hören und kennenlernen werden.
An welchen Projekten arbeiten Sie gerade, Asya Fateyeva?
Fateyeva: Ich habe mir jetzt gerade die Zeit genommen, mich frei auszutoben in Projekten, die nicht ganz typisch sind. Zum Beispiel spiele ich Alte Musik zusammen mit der Lautten Compagney. Und zusammen mit der Akkordeonistin Evelina Petrova spiele ich "imaginary folklore", da toben wir uns aus. Ich bin wirklich auf der freien Schiene unterwegs zurzeit.
Das klingt spannend! Und was liegt bei Ihnen an, Markus Becker?
Becker: Bei mir sind es in diesem Jahr zwei Schienen: einmal Max Reger, mit dem ich seit etwa 30 Jahren sozusagen verheiratet bin - der hat 150. Geburtstag. Wir haben uns mit einem ganz tollen Ensemble um Reger gekümmert, eine Kammermusik-Tournee gemacht, mit der wir auch in der Elbphilharmonie waren. Er wird auch noch weiter auf dem Speiseplan stehen, auch sein Klavierkonzert, selten gespielt und fürchterlich schwer, aber ein tolles Stück. Ansonsten mache ich Jazzprojekte. Die nehmen seit einigen Jahren bei mir einen immer größeren Platz ein - also Solopiano-Jazz oder auch mal im Ensemble. Das sind so zwei Pole, die mich weiter beschäftigen werden.
Das Gespräch führte Andrea Wilke.