Nils Mönkemeyer & William Youn: Zuhören und Vertrauen ist alles
Bratschist Nils Mönkemeyer lässt sich gerne von seinem Musikerkollegen, dem Pianisten William Youn, inspirieren. Sie profitieren beide von ihrer langen gemeinsamen Freundschaft, wie sie im Interview verraten.
Nils Mönkemeyer zählt unbestritten zu den weltbesten Bratschisten und hat seinem oft unterschätzten Instrument zu einer neuen und verdienten Aufmerksamkeit verholfen. Mönkemeyers Repertoire umfasst nahezu alle Epochen, seine zahlreichen Einspielungen als Solist werden von der Kritik gefeiert und haben zahlreiche Preise gewonnen. Seine große Liebe zur Kammermusik teilt er mit herausragenden Kolleginnen und Kollegen wie der Klarinettistin Sabine Meyer oder dem Pianisten William Youn.
Mit letzterem verbindet Mönkemeyer eine besonders enge und fruchtbare musikalische Freundschaft. Durch ihre ähnliche Wahrnehmung von Musik gelingt es Youn und Mönkemeyer im Zusammenspiel besonders gut, eine gemeinsame Sprache zu sprechen und wechselseitig das Fundament für künstlerische Höchstleistungen zu schaffen. Der Südkoreaner Youn hat unter anderem alle Klaviersonaten von Mozart und Schubert eingespielt. Bei NDR Kultur EXTRA spielen die beiden Künstler Werke von Brahms, Bach, Mozart und anderen Komponisten.
Denkt Ihr während des Spielens?
Nils Mönkemeyer: Das ist sehr unterschiedlich. Ich muss sagen, dass es für mich ein Teil meiner persönlichen Reise ist. Früher war ich sehr negativ. Ich war sehr perfektionistisch, besonders in der Zeit, wo ich sehr viele Wettbewerbe gemacht habe. Man muss unter diesem Druck Leistung bringen und wenn das nicht klappt, habe ich mich geärgert. Ich habe zum Beispiel gedacht, jetzt habe ich auf der ersten Seite einen Fehler gemacht und jetzt darf nichts mehr passieren. Ich hatte einen sehr negativen inneren Monolog und das ist sehr kontraproduktiv. In dem Moment hat es auch nichts mit der Musik zu tun. Im besten Fall höre ich zu, was William macht oder was die Person macht, mit der ich spiele. Dann bin ich ganz im Moment. Wenn man die Aufmerksamkeit auf alle diese Dinge lenkt, dann hören tatsächlich die Gedanken auf oder sind nur am Rand. Wenn etwas passiert, dann sind die Gedanken kurz da, aber wenn man im Fluss ist, dann fließt alles und die Gedanken sind im Hintergrund.
Für mich ist Spielen etwas, was aus der Kindheit kommt. Zum Beispiel, wenn man mit Lego spielt und was baut. Dabei kann man sich auch mal streiten. Funktioniert dieses Spielen bei Euch im übertragenen Sinne ähnlich?
William Youn: Wir spielen seit 17 Jahren zusammen, wir kennen uns sehr gut. Es gibt immer auch ein Hin und Her. Aber ich habe Freude daran, mit Nils zu spielen, weil ich weiß, dass er darauf reagieren wird. Er kann sich auch auf mich verlassen, dass ich ihm zuhöre. Es ist einfach eine Freude, denn Musik zu machen ist eine Form des Ausdrucks - ob die Musik jetzt traurig, positiv oder fröhlich ist. Man muss in der Lage sein, sich zu öffnen und zu kommunizieren. Kammermusik braucht das natürlich.
17 Jahre ist eine lange Zeit. Ich könnte mir vorstellen, wenn ich 17 Jahre mit einer Person im Austausch bin, dann kennt man sich. Vielleicht weiß man auch, was die andere Person auf Fragestellungen antwortet. Baut Ihr gegenseitig manchmal Überraschungsmomente ein, damit es im Zusammenspiel nicht langweilig wird?
Mönkemeyer: Das ist für mich der Vorteil daran, dass man so lange zusammenspielt. Die Stücke wachsen quasi zu zweit. Wir spielen die Stücke immer wieder. Ich habe immer diese Momente, und daran merke ich auch, dass es nicht zu lange ist, sondern, dass das was Tolles ist. Ich höre zu und finde es einfach schön. Das inspiriert mich auch. Es ist die ganze Zeit ein Geben und Nehmen. Ich denke ganz oft daran. Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt hat mal gesagt: "Das beste Musizieren entsteht am Rande der Katastrophe." Wenn man diesen schmalen Grat geht, wo etwas fast nicht mehr klappen kann, ist das toll. Denn dafür braucht man sehr viel Vertrauen und das haben wir. Das ist für mich die Hauptsache daran.
Ein Aspekt, den ich raushöre, ist das Zuhören. In den vergangenen Wochen war Wahlkampf. Wir waren ständig mit Formaten konfrontiert, in denen Menschen gesprochen haben. Ich frage mich, ob man aus der Musik etwas herausziehen kann, damit wir alle wieder lernen, besser zuzuhören. Was würdet Ihr sagen, was habt Ihr durch das gemeinsame Musizieren gelernt?
Youn: Ich denke, die beste Kammermusikpartnerin oder der beste -partner für mich ist jemand, der gerne zuhört, und der auch darauf reagiert. Mit jemandem zu spielen, der sich nur auf sich konzentriert, ist sehr schwer. Es muss wie ein Dialog sein und man muss sich entfalten können. Man kann nicht sagen, ich habe recht und ich bleibe dabei. Das geht nicht. Es braucht ein demokratisches Musizieren.
Ihr habt uns Musik von Johannes Brahms mitgebracht. Im Prinzip ist es, wenn man die Werke eines vor langer Zeit verstorbenen Komponisten spielt so, als ob man einer Stimme aus der Vergangenheit zuhört. Was sagen Euch die Werke von Brahms heute?
Mönkemeyer: Ich finde, es ist ein bisschen wie die griechische Tragödie. Es sind Dinge, die wir behandeln, seit wir Menschen existieren. Wir erleben sie immer wieder neu, mit verschiedenen Stimmen und immer wieder neu erzählt. Bei Brahms ist es so - das hört man besonders im Klavier: Die Melodien schweben auf einem dunklen Urgrund. Das hat nur er. Das ist eine besondere Klanglichkeit, die sehr tief ist. Oft gibt es sehr viele tiefe Töne im Klavier und darüber glänzt die Melodie. Dieses Gefühl von Aufgehobensein in der Harmonie, das ist für mich als Spieler sehr besonders bei Brahms.
Das Gespräch führte Charlotte Oelschlegel. Einen Ausschnitt davon lesen Sie hier, das ganze Gespräch und Konzert finden Sie in der ARD Mediathek.
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