Lilienthal: Inklusionskonzert für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen
Menschen mit geistiger Beeinträchtigung sind oft von klassischen Konzerten ausgeschlossen: Sie klatschen oder lautieren. Nicht so bei den Inklusik-Konzerten, die ein Elternverein ins Leben gerufen hat. Ein Beispiel aus dem niedersächsischen Landkreis Osterholz.
Ein "exklusives Konzert" - das hört sich erst einmal toll an, nur für eine ganz spezielle Klientel. Es heißt aber auch, andere sind ausgeschlossen. Inklusik - das ist ein Musikprojekt, das alle ansprechen soll. Menschen mit und ohne Behinderung können zusammen Musik hören - eben "inklusiv". Ganz besonders ist das Kammerensemble Konsonanz, das Klassik-Konzerte gibt, bei denen niemand im Publikum leise sein muss.
So wie vor kurzem beim Konzert in der Lilienthaler Diakonie im niedersächsischen Landkreis Osterholz, einer Einrichtung, in der Menschen mit Behinderung leben und arbeiten. Am 23. März spielte das Kammerensemble Konsonanz, dass sonst auf ganz großen Bühnen spielt, ein Inklusives-Konzert in Lilienthal mit wunderbarer Frühlingsmusik.
Peter Stuke und Gerhild Alf haben Projekt mit ins Leben gerufen
In der Martins-Kirche der Lilienthaler Diakonie ist es voll. Manche lauschen, manche tanzen. Musik einfach so genießen, so wie man es eben fühlt. Mittendrin ist Jonas mit seinem Vater Peter Stuke und seiner Mutter Gerhild Alf. Sie hat Inklusik mit ins Leben gerufen - für ihren Sohn, wie die Mutter erzählt. "Weil wir den sonst nicht mit in ein klassisches Konzert nehmen können, weil er seine Begeisterung spontan kundtut : mit Lauten, mit Klatschen, mit Brummen. Das geht schlicht nicht im klassischen Setting."
Musikprojekt vor fünf Jahren gegründet
Vor knapp fünf Jahren wurde das Musikprojekt von Gerhild Alf, dem Kammerensemble Konsonanz und Katrin Anders gegründet. Seitdem gibt es Konzerte für alle Menschen. Annette Robens ist anderthalb Stunden durch Ostfriesland nach Lilienthal gereist, um mit ihrer Tochter Caren Musik zu erleben. Auch sonst gehen sie zusammen in klassische Konzerte, aber bei denen traut sich kaum jemand zu husten. "Da ist die Frau mit dem behinderten Kind. Das arme Kind, die armen Eltern. Es ist immer eine gewisse Anspannung, weil ich nicht weiß, wie sie reagiert: Hat sie vielleicht einen epileptischen Anfall? Letztes Mal hat sie mit den Zähnen geknirscht, als es mucksmäuschenstill war. Das erfordert von mir eine ganz andere Präsenz und eine Stärke. Traue ich mir das heute zu? Gehe ich heute mit ihr in ein normales Konzert oder nicht? Hier kann ich es eigentlich nur genießen", so Annette Robens.
Direktes Feedback an die Musiker
Anders als bei einem klassischen Klassik- Konzert gibt es keinen festen Ablauf. Wenn ein Stück besonders gut ankommt, wird als nächstes ein ganz ähnliches gespielt, erzählt Kontrabassist Daniel Tolsdorf:
"Die Leute gehen einfach mit ab, oder man merkt, dass die Geräuschkulisse leiser wird und sich beruhigt. Wenn man sonst auf der Bühne sitzt, starren einen die Leute im Publikum fast böse an, bewegen sich nicht und sagen danach: Das war das schönste Konzert meines Lebens", sagt Daniel Tolsdorf. "Dann denkt man, das ist wohl norddeutsche Begeisterung. Beim inklusiven Konzert bekommt man beim Spielen sofort alles mit, was passiert."
Viele Konzerte nicht barrierefrei, zu laut und zu hell
Oft sind Konzerte nicht barrierefrei, zu laut, zu hell oder oft viel zu spät am Abend - übrigens auch für Menschen ohne Behinderung. Nina Schikulski und Frank Podleschny leben in der Lilienthaler Diakonie. Für die beiden war das Konzert ein ganz besonders schönes Erlebnis. "Musik beruhigt mich, macht mich fröhlich und ich weiß genau, dass lenkt mich eher ab als alles andere", sagt Nina Schikulski. Und Frank Podleschny findet: "Man kann man schön einschlafen, schön entspannen und zuhören."
Inklusive Konzerte als Orte der Begegnung
"Musik löst ja Emotionen aus und behinderte Menschen sind oft emotional gar nicht behindert. In Konzerten ist das eine Gelegenheit, sich zu begegnen und zu sehen. Menschen mit Beeinträchtigung haben auch kulturelle Bedürfnisse und so anders sind die gar nicht" sagt Gerhild Alf.
Wann genau das nächste Inklusik-Konzert in Niedersachsen stattfinden wird, ist noch nicht klar. Sicher ist aber, dass dann wieder getanzt wird.
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