"Karfreitagsgefecht": Bundeswehr in Afghanistan hautnah erzählt
Das Buch "Das Karfreitagsgefecht - Deutsche Soldaten im Feuer der Taliban" erzählt erstmals die Geschichte des bekanntesten Gefechts der Bundeswehr. Im Detail rekonstruiert, beleuchtet es auch die unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten.
Wenn der Begriff "Karfreitagsgefecht" fällt, dann wissen die meisten Bundeswehrsoldaten und Militärexperten, was damit gemeint ist. Es geht um den 2. April 2010 und um einen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Mehr als acht Stunden kämpften deutsche Soldaten gegen Kämpfer der Taliban. Nils Bruns, Robert Hartert und Martin Augustyniak kamen dabei ums Leben.
Es ist seither einiges darüber berichtet worden, auch im Podcast des NDR "Killed in Action - Deutschland im Krieg" von 2019. Jetzt hat der Mecklenburger Bundeswehrveteran Wolf Gregis ein Buch über die damaligen Stunden geschrieben.
"Karfreitagsgefecht" treibt die Beteiligten immer noch um
Was ist an jenem 2. April 2010 tatsächlich geschehen? Diese Frage stand am Anfang. Dann fing Wolf Gregis an zu schreiben. "Das Karfreitagsgefecht ist das bekannteste Gefecht in der Geschichte der Bundeswehr, nicht das verlustreichste und vielleicht auch nicht das bedeutendste - wobei das umstritten ist. Ich habe mich schon immer gefragt, warum es dazu keine vollständige Erzählung gibt?"
Wolf Gregis ist 1981 in Wismar geboren und in Schwerin aufgewachsen. Er diente zehn Jahre lang in der Bundeswehr, bis 2010. Vor vier Jahren veröffentlichte Gregis sein erstes Buch. "Sandseele" ist ein Roman über den Krieg in Afghanistan aus deutscher Sicht: "Nach der Veröffentlichung von 'Sandseele' haben sich dann die ersten Beteiligten des Karfreitagsgefechts bei mir gemeldet und haben gesagt: 'Mich treibt dieses Thema noch um.'"
Erzählendes Sachbuch mit wahren Begebenheiten
Zweieinhalb Jahre hat Gregis an seinem neuen Buch gearbeitet: "Ich knüpfe an die amerikanische Tradition des 'Narrative Journalism' an, gerade im Bereich der militärischen Aufarbeitung ist das ein übliches Format. Wenn Sie den Film 'Black Hawk Down' kennen oder 'Der Soldat James Ryan', dann ist das genau diese Form."
Gregis' Buch ist also ein erzählendes Sachbuch und nicht fiktional. "Es erzählt wahre Begebenheiten, die recherchiert sind." Er hat Zeitzeugen befragt und öffentliche und nichtöffentliche Quellen zur Recherche genutzt und zu einer Erzählung verwoben.
Detailgenaue Beschreibung des Geschehens
Das Buch beginnt mit der Beschreibung eines Taliban-Videos vom 2. April 2010: "Die Kamera hält auf eine Blutlache am Boden. Dunkelrot ist sie, fast braun. Sie scheint zu glänzen, als ob sie noch feucht wäre. Über einen halben Meter misst sie, Liter müssen geflossen sein. An drei Rändern ist die Lache zertreten. Stiefel haben kleine Äste und Zweige in das Blut getragen. Nur an einer Seite gibt es einen geraden Verlauf. Dort muss der Blutende gelegen haben. Die Kamera schwenkt den Boden ab."
Danach beschreibt Gregis sehr genau, was sich an jenem Karfreitag vor mittlerweile 15 Jahren ereignete: "'Ich hol euch hier raus!' Stabsgefreiter Maik Mutschke stemmte die Hände auf den Ackerboden, stützte sich auf sein Knie und drückte sich ab. Mit dem Sturmgewehr in der Hand durchbrach er den Nebel und stürmte auf die Kusselgruppe zu. Hinter ihm lagen Naef, Martin und Paul. Naef war verwundet, Martin hatte einen Helmtreffer einstecken müssen, und Paul setzte das Morphin zu. Wie lange würden sie dem Feuer der Taliban noch standhalten können? Ihm blieb keine Wahl."
Überlebender erzählt: "Die wollten uns komplett vernichten"
Maik Mutschke, der dieses Gefecht schwer verletzt überlebte, kommt auch im NDR- Podcast "Killed in Action - Deutschland im Krieg" zu Wort: "Die wollten uns einfach nur erwischen und uns an diesem Tag komplett vernichten. Das war die Absicht und die Intensivität von dem Gefecht. Das war vorher nicht. Da merkte man, die haben etwas Größeres vor."
Der Feind sei immer dichter gekommen und war nur noch zwischen 30 und 50 Meter entfernt, erinnert sich Mutschke. "Man hat ungefähr drei, vier Sekunden Zeit, wo man in der Gefechtssituation an sich selbst denkt. Danach denkst du nur noch, dass du deine Jungs links und rechts einfach alle wieder mit nach Hause nehmen möchtest und gibst einfach alles."
Keine Glorifizierung - Buch soll den Opfern gerecht werden
"Das Karfreitagsgefecht" sei ein detailreiches Sachbuch, das weder beschönige noch glorifiziere, dafür aber den Opfern gerecht werde, erzählt Gregis. "Je länger es zurückliegt, umso mehr wuchert es. Tatsächlich ist es so, dass sich über die Jahre immer mehr Soldaten und Veteranen im Grunde für sich in Anspruch genommen haben, in diesem Gefecht gekämpft zu haben, weil es so bedeutend ist. Es werden jedes Jahr mehr."
Bei dem Gefecht habe es drei Gefallene und fünf Verwundete gegeben, sagt Gregis. Dennoch scheint diese Auseinandersetzung so "attraktiv" gewesen zu sein, dass sich immer mehr Teilnehmer meldeten: "Weil da irgendwie auch ein bisschen Glanz auf den Einzelnen abfällt." In Gregis' Augen sei das ungerecht gegenüber den Angehörigen und vor allem gegenüber denen, die damals wirklich gekämpft hätten, verwundet worden oder gar gefallen seien.
Wolf Gregis engagiert sich in der Veteranenarbeit
Seit vielen Jahren unterrichtet Gregis als Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Rostocker Gymnasium. Seine Zeit bei der Bundeswehr hat der heute 43-Jährige nicht verdrängt, er engagiert sich umfangreich in der Veteranenarbeit und veröffentlicht den Podcast "Helm ab - Der Veteranencast". Sein Buch "Das Karfreitagsgefecht" wird am 24. März in Berlin gemeinsam mit dem Deutschen Bundeswehrverband präsentiert.
Das Karfreitagsgefecht - Deutsche Soldaten im Feuer der Taliban
- Seitenzahl:
- 304 Seiten
- Verlag:
- Econ
- Veröffentlichungsdatum:
- 27.02.2025
- Bestellnummer:
- 978-3-430-21117-8
- Preis:
- 24,99 €
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