"Wie der Punk nach Hannover kam": Revolte gegen die Langeweile

Stand: 12.07.2023 06:00 Uhr

"Hannovers Image ist schlecht: Die Menschen gelten als stur, steif und ohne Stimmung. Man hält sie für sauber und moralisch, prüde", heißt es 1970 in einem Tagesschau-Bericht über die Stadt. Wenige Jahre später ist Hannover ein Zentrum des deutschen Punk.

von Joschka Brings

Vielleicht weil der Samen der rebellischen Subkultur in der empfundenen Spießigkeit der Stadt auf besonders fruchtbaren Boden fällt. Dabei waren die Voraussetzungen über das gesellschaftliche Klima hinaus denkbar schlecht: Es gab zwar eine gewisse musikalische Infrastruktur, die beschränkte sich aber auf Rockbands wie die Scorpions, erinnert sich Hollow Skai heute. Der ehemalige Punk hat gemeinsam mit Klaus Abelmann und Detlef Max ein Buch über die Anfangszeit des Punk in Hannover herausgegeben: "Wie der Punk nach Hannover kam". Darin beschreibt er mit vielen weiteren Weggefährt*innen die Aufbruchsstimmung der Szene zwischen 1977 und 1983.

Rebellion - Marke Eigenbau

Hollow Skai betont vor allem, was die Punks mit viel Kreativität auf die Beine gestellt haben. "Der Gedanke Do-it-yourself, also es alles selbst zu machen, war natürlich sehr wichtig", erklärt Hollow Skai eines der Grundprinzipien der Punks Ende der Siebziger. "In Hannover gab es keine Plattenfirmen - also haben wir eine gegründet. Es gab keine Musik-Medien - also haben wir Fanzines gemacht."

Das Label "No Fun Records" betrieb Hollow Skai aus seiner Wohnung. Hier veröffentlichte er auch Alben der Band Hans-A-Plast. Die schaffte es 1980 sogar in den WDR-Rockpalast - und damit auf die Fernsehbildschirme der Bundesrepublik.

Punk als eine treibende Kraft der Emanzipation

Eine alte Aufnahme zeigt eine Punkband auf der Bühne. © Screenshot
In der Band Hans-A-Plast spielten neben Sängerin Annette Benjamin noch die Bassistin Renate Baumgart und die Schlagzeugerin Bettina Schröder.

Die ehemalige Hans-A-Plast-Sängerin Annette Benjamin hat ein Kapitel zu dem Buch beigetragen. Sie findet an der Hannoveraner Punkszene besonders, dass schon früh viele Frauen aktiv waren - und sich selbstverständlich ihren Raum nahmen, obwohl sie oft belächelt wurden. "Ich fand das erstaunlich, dass so viele Frauen sich in Hannover auf die Bühne getraut haben", erinnert sich Benjamin, die damals mit zwei weiteren Frauen bei Hans-A-Plast spielte. "Das fand ich ganz einzigartig, da ging es mir in meiner Band richtig gut. Wir hatten eine Menge Kraft, gegen das anzusingen, was uns damals aufgefallen ist."

Und das war auch: Die männlich geprägte Gesellschaft der Bundesrepublik. Dass auch die vorgeblich alternative Punk-Szene nicht frei von Sexismus war, verarbeitete Benjamin musikalisch: "Deshalb hat ja Hans-A-Plast auch den Song 'Für ne Frau gut' gemacht. Weil immer so gesagt wurde: Also für ne Frau macht ihr das gut."

Mehr als drei Akkorde und Biertrinken

Mit ironischen Texten gegen das Patriarchat - auch Hollow Skai ist sich sicher, dass Hannover immer ein bisschen politischer war als die entsprechenden Szenen in den anderen Punk-Hochburgen Hamburg, Berlin oder Düsseldorf. Für ihn machte der konstruktive Ansatz hinter dem vermeintlich destruktiven Image den Reiz des Punk aus. "Uns ging es darum, was Neues zu machen. Das Alte musste erstmal weg, um Raum zu schaffen", sagt Skai. "Das ist ja heute in der Kunsttheorie gang und gäbe, das ist ja nichts Neues mehr - aber damals war es eben schon was Neues."

Auch sein Mitstreiter Klaus Abelmann ist Fan der Kraft, die Punk in den jungen Menschen ausgelöst hat. Für den Mit-Herausgeber des Buchs geht die Definition von Punk weit über laute Musik und Schnorren hinaus. "Punk kann alles sein. Und ist vor allen Dingen tatsächlich eine Haltung und nichts, was man vorm Bahnhof mit einer Büchse Bier aussitzt."

Der Bruch der ersten Generation mit der Szene

Polizisten blicken auf brennende Barrikaden. © picture alliance Foto: Westphal
Polizisten blicken bei den Chaostagen 1995 auf brennende Barrikaden.

Wenig verwunderlich, dass das Buch 1983 endet - in dem Jahr, in dem sich Punks und Skins bei den Chaostagen gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei liefern. "Es gab nur noch Jugendliche, die völlig unorganisiert Randale machen wollten. Aber wofür? Wogegen? Das brachte doch nichts", blickt Hollow Skai auf die Zeit zurück. Für ihn waren die Chaostage ein Bruch mit den Idealen, die die erste Generation Punks hatte. Klaus Abelmann und Hollow Skai ließen den Punk hinter sich.

Heute wollen sie in ihrem Buch aber nicht "wie die zwei Opas aus der Muppet-Show sitzen und sagen: Wir waren die ersten, die keine Zukunft hatten". No Future, das Credo der Punks von damals, gelte zum Beispiel im Angesicht der Klimakrise heute mehr denn je. Die Herausgeber hat die kurze, intensive Begegnung mit Punk ein Leben lang geprägt. Annette Benjamin singt auch heute noch in einer Band: Die Benjamins.

Sie alle sind überzeugt, dass die Ideale des Punk auch heute noch eine große Strahlkraft haben. Inspirierende Geschichten zu einer legendären Subkultur an einem unwahrscheinlichen Ort finden sich gesammelt in ihrem Buch "Wie der Punk nach Hannover kam".

Weitere Informationen
Zahlreiche Punks befinden sich naher einer errichteten Barrikade, während der Chaostage 1995 in Hannover. © dpa-Bildfunk Foto: Holger Hollemann

August 1995: Drei Tage Chaos in Hannover

Vor 25 Jahren, Anfang August 1995, kam es in Hannover zu massiven Krawallen und Ausschreitungen. Die Chaostage - ein Rückblick auf die Straßenschlachten zwischen Punks und Polizei. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur - Das Journal | 10.07.2023 | 22:45 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Die 70er-Jahre

Die 80er-Jahre

Rote und rosafarbene Bücher stehen vor einen rosafarbenen Hintergrund. © IMAGO / Panthermedia

Neue Bücher 2025: Was erschienen ist - und was noch kommt

Neues gibt es beispielsweise von Wolf Haas, Antje Rávik Strubel oder Kristine Bilkau und vielen weiteren. Ein Blick aufs Literaturjahr. mehr

Logo vom NDR Kultur Podcast "eat.READ.sleep" © NDR Foto: Sinje Hasheider

eat.READ.sleep. Bücher für dich

Lieblingsbücher, Neuerscheinungen, Bestseller – wir geben Tipps und Orientierung. Außerdem: Interviews mit Büchermenschen, Fun Facts und eine literarische Vorspeise. mehr

Eine Grafik zeigt einen Lorbeerkranz auf einem Podest vor einem roten Hintergrund. © NDR

Legenden von nebenan: Wer hat Ihren Ort geprägt?

NDR Kultur erzählt die Geschichte von Menschen, die in ihrer Umgebung bleibende Spuren hinterlassen haben - und setzt ihnen ein virtuelles Denkmal. mehr

Der Arm einer Frau bedient einen Laptop, der auf einem Tisch in einem Garten steht, während die andere Hand einen Becher hält. © picture alliance / Westend61 | Svetlana Karner

Abonnieren Sie den NDR Kultur Newsletter

NDR Kultur informiert alle Kulturinteressierten mit einem E-Mail-Newsletter über herausragende Sendungen, Veranstaltungen und die Angebote der Kulturpartner. Melden Sie sich hier an! mehr

NDR Kultur App Bewerbung © NDR Kultur

Die NDR Kultur App - kostenlos im Store!

NDR Kultur können Sie jetzt immer bei sich haben - Livestream, exklusive Gewinnspiele und der direkte Draht ins Studio mit dem Messenger. mehr

Mehr Kultur

Illustration zum neuen ARD Radio Tatort "Das regelt der Markt". © ARD/Jürgen Frey Foto: Jürgen Frey

Erpresserische Erotikpartys: Der neue NDR Radio Tatort von Simone Buchholz

Erotikpartys in Niedersachsen, veranstaltet von einer kleinen Gruppe Marktradikaler, um die Wirtschaftskontrolle in der Region auszuhebeln. mehr