St. Jakobi in Lübeck: Eine Schwalbennest-Orgel und mehr
Die Jakobi-Kirche in Lübeck birgt gleich mehrere Orgeln - so auch eine Schwalbennest-Orgel von Friedrich Stellwagen.
St. Jakobi ist eine der wenigen Kirchen mit mehreren historischen Orgeln, die zudem weltweit bekannte Raritäten sind. Die beiden großen Instrumente sind die beiden letzten historischen Orgeln in Lübeck, hinter deren Fassaden noch originale Pfeifen stehen. Außerdem reicht ihre Entstehungszeit bis ins 14. Jahrhundert zurück: Die ältesten Teile, die heutigen Hauptwerke, sind gotische Orgelprospekte.
Die Große Orgel (Westorgel)
An der Westseite des Kirchengebäudes stand laut einer Inschrift an einem Fundamentbalken bereits 1466 eine Blockwerkorgel. Das heutige Hauptwerk war 1504 ein gotischer Prospekt von Peter Lasur, wurde 1573 von Hans Köster umgebaut und um ein verziertes Rückpositiv im Stil der Renaissance erweitert. 1673 vergrößerte Joachim Richborn das Rückpositiv und baute die flankierenden Basstürme sowie ein Brustwerk hinzu. Letzteres wurde 1740 ergänzt und als Oberwerk hinter dem Hauptwerk aufgestellt. Die Orgel ist gleichstufig gestimmt und hat auf vier Manualen und Pedal 63 Stimmen. Im 20. und 21. Jahrhundert wurden verschiedene Restaurierungen an der Großen Orgel durchgeführt - so beispielsweise 1935 eine von Karl Kemper.
Der Komponist Hugo Distler, Organist in St. Jakobi Lübeck von 1931 bis 1937, ließ sich von den alten Klängen der Stellwagen-Orgel (unten) inspirieren und veranlasste 1935 diesen Umbau. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Instrument in eine zum Bunker umgebaute Seitenkapelle der Kirche ausgelagert. Im Zuge des Wiederaufbaus (1957 bis 1965) erweiterte Emanuel Kemper jun. die Orgel um ein viertes Manual. Die grundlegende Wiederherstellung und Restaurierung in den Jahren 1983/1984 durch Karl Schuke orientierte sich am Zustand von 1673: Die erhaltene historische Substanz wurde bewahrt und restauriert, das prächtige Gehäuse stabilisiert und verloren gegangene Stimmen rekonstruiert. Maßgeblich für alle neu herzustellenden Pfeifen waren die erhaltenen Teile von 22 historischen Registern. Zusätzlich wurde ein schwellbares Oberwerk mit französisch-romantischer Ausrichtung gebaut.
Als Klangbeispiel der Großen Orgel finden Sie hier einen Ausschnitt von "Johann Sebastian Bach: Fantasia in G", gespielt von Arvid Gast.
Die Stellwagen-Orgel (Nordorgel)
Die Stellwagen-Orgel ist ein kulturgeschichtlich interessantes Instrument, denn es ist eine sogenannte Schwalbennest-Orgel - eingebaut hoch oben vor der Nordwand. Das gotische Hauptwerk von 1467/1515 ergänzte Friedrich Stellwagen 1636/37 um ein Rückpositiv, ein Brustwerk und ein schwach besetztes Pedal. Die Windladen und fast alle Pfeifen der Manualwerke sind heute noch original vorhanden. 1935 erneuerte die Firma Kemper die Mechanik, inklusive einer Erweiterung des Pedals. Nach strengen denkmalpflegerischen Grundsätzen restaurierten schließlich die Gebrüder Hillebrand die Orgel 1977/1978 auf hohem orgelbautechnischem Niveau. Dabei wurden die Spiel- und Registertraktur, der Spieltisch und der Subbass rekonstruiert. Das ohnehin nicht mehr originale Pedalwerk wurde hinsichtlich Tonumfang und Registerzahl gegenüber dem Konzept Stellwagens erweitert und hinter dem Hauptwerkgehäuse aufgestellt. Das gotische Hauptwerkgehäuse korrespondiert mit dem der Westorgel - und wie bei dieser sind auch bei der Stellwagen-Orgel alle Labien der Pfeifen im Hauptwerk mit goldenen Gesichtern bemalt. Das berühmte Instrument blieb als einzige historische Orgel Lübecks optisch und klanglich weitgehend erhalten. Neben der Schnitger-Orgel in St. Jacobi zu Hamburg und der Totentanz-Orgel in St. Marien zu Lübeck übte die Stellwagen-Orgel ab der Organistentagung 1925 einen großen Einfluss auf die junge Orgelbewegung aus.
Die Stellwagen-Orgel ist besonders geeignet für Musik der Renaissance, des frühen Barock und der Buxtehude-Zeit. Doch auch später entstandene Werke bis ins 20. Jahrhunderts gewinnen einen einzigartigen Esprit durch die besondere Farbigkeit dieses Instruments. Als Klangbeispiel der Stellwagen-Orgel finden Sie hier einen Ausschnitt von Dietrich Buxtehude: Präludium, Fuge und Ciacona C-Dur, gespielt von Arvid Gast.
Das Richborn-Positiv
Seit 2003 steht in der St. Jakobi-Kirche wieder die alte Lettner-Orgel, das Richborn-Positiv von 1673. Das Gehäuse ist alt, die Windlade und das Pfeifenwerk wurden von Mads Kjersgaard (Uppsala/Schweden) rekonstruiert. Als Klangbeispiel des Richborn-Positivs finden Sie hier einen Ausschnitt von Richard Eggar: Esce Mars bereit, gespielt von Arvid Gast.