Wahlverhalten junger Menschen: Warum wählen so viele AfD und Linke?
Bei der Bundestagswahl haben die meisten jungen Menschen die Linke oder die AfD gewählt, also Parteien am politischen Rand. Liegt das wirklich nur an deren Präsenz auf TikTok? Ein Besuch an einer Hamburger Schule zeigt, dass auch bei jungen Wählern Inhalt zieht - und nicht bloße Anbiederei.
An der Stadtteilschule Alter Teichweg in Hamburg-Dulsberg bereiten sich Chima (19 Jahre), Kevin (19), Lina (18), Can (18), Hoai-My (18), Suhail (19) und Dennis (18) aufs Abitur vor. Die Ergebnisse der Bundestagswahl in ihrem Viertel erfuhren sie aus erster Hand, denn sie waren als Wahlhelfer im Einsatz und zählten die Stimmen mit aus. Auch bei der Hamburger Bürgerschaftswahl am kommenden Sonntag werden sie sich engagieren. Was Jugendliche bewegt und warum sie mehrheitlich Parteien an den Rändern wählen, erzählen die Schülerinnen und Schüler im NDR Interview.
Was habt ihr bei der Bundestagswahl in den Wahllokalen erlebt?
Dennis: Wir waren in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe ging von 8 bis 12.30 Uhr, dann haben wir getauscht. Um 18 Uhr sind alle wieder zusammengekommen, und dann haben wir alles ausgezählt, sortiert und gecheckt, ob auch die entsprechenden Stimmen zu den Wahlzetteln da sind.

Lina: Man hat gesehen, dass es viele Erstwähler gab, die nicht genau wussten, wie die Wahl abläuft, da mussten wir teilweise auch helfen. Man hat gesehen, dass viele vielleicht auch wählen gegangen sind, die vorher Nichtwähler waren, aus Angst vor den Wahlergebnissen. Das fand ich schon schön zu sehen.
Can: Wir haben auch häufiger die Wahlkabinen gecheckt, wie die aussehen. Da kam es vor, dass Leute in die Wahlkabine ihre Meinung reingeschrieben haben, um andere zu manipulieren: Da hatte zum Beispiel jemand geschrieben: "Wählt AfD!". Ein anderer hatte das durchgestrichen und hingeschrieben: "Wählt die nicht!" Wir hatten so weiße Kleber, die haben wir dann drübergeklebt, um das abzudecken.
Hoai-My: Das Auszählen war das Interessanteste an dem ganzen Tag, neben dem Reden mit den Leuten. Auch zu sehen, wie sie der Demokratie gegenüber aufgestellt sind. Und dass sie froh sind, bei der Wahl zu sein und wählen zu können.
Wie bewertet ihr das Wahlergebnis?
Chima: Ich persönlich fand es sehr schockierend, dass die AfD so viele Stimmen hatte, vor allem im Stadtteil Dulsberg, wo es wirklich sehr multikulturell ist, auch hier an der Schule - viele Nationen, alle Kulturen treffen aufeinander. Damit hätte ich nicht gerechnet. In Hamburg sehe ich hauptsächlich Leute, die gegen rechts sprechen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich schon mal jemanden getroffen habe, der sagt: Ich bin rechts und ich stehe dazu. Aber die Wahlergebnisse sagen eindeutig was anderes, das heißt, irgendjemand von denen, mit denen ich spreche, lügt. Das hat mich sehr verwirrt.

Kevin: Wir fanden es erstaunlich, dass die AfD sehr viele Stimmen hatte. Wir dachten, dass die Stimmen verteilter sind. Ich fühle mich auch ein bisschen verarscht. Wie Chima schon gesagt hat: Ich habe noch niemanden gesehen, der rechts ist und zu seiner Meinung steht. Die meisten würden eher sagen, sie sind links. Aber wenn es drauf ankommt, dann sieht das offenbar ein bisschen anders aus.
Suhail: Mich hat es sehr betroffen gemacht, dass viele in einer multikulturellen Umgebung die AfD wählen, viele die vielleicht auch selbst aus anderen Ländern kommen. Der Grund dafür könnte sein, dass sich manche denken: Ich bin der gute Ausländer und da sind die "bösen". Und dann wähle ich lieber eine Partei, die gegen die "Bösen" ist. Ich habe auch mitbekommen, dass die Grünen gesagt haben, dass sie mit der CDU mitregieren wollen und Friedrich Merz als Bundeskanzler akzeptieren. Ich denke, viele Wähler der Grünen waren aber gegen die CDU und haben sich dann entschieden, mit der Linken zu gehen.
Lina: Ja, es wurde viel AfD gewählt, aber man hat beim Auszählen auch gesehen, dass die Mitte die meisten Stimmen bekommen hat, danach kamen AfD und Linke, die ungefähr gleichauf waren. Das fand ich interessant zu sehen, dass auch hier im Stadtteil die beiden Extreme so gegeneinanderstanden.
Hoai-My: Die Stimmenverteilung insgesamt fand ich überraschend. Wir als Wahlhelfer waren nicht die Einzigen, die Angst davor hatten, dass die AfD so viele Stimmen bekommt, sondern auch die Menschen, die dort wählen waren. Manche haben mit uns geredet und gesagt: Hoffentlich kann ich heute Abend gut schlafen. Man hat da schon sehr viel Sorge in der wählenden Gruppe gesehen.
Can: Ein paar Tage vor der Wahl bin ich ein bisschen rumgegangen in der Gegend hier. Da waren auch Aufsteller von der AfD, aber so viele Menschen, die dagegen protestiert haben, die das weghaben wollten. Dann aber bei der Auszählung zu sehen, dass so viele die AfD gewählt haben, die von denen aus dem Land geschickt werden sollen, das ist schon Doppelmoral und ein komisches Gefühl für einen.
Viele aus eurer Generation haben die AfD gewählt und viele auch die Linkspartei. Woran liegt das?
Dennis: Wenn dieser starke Rechtsruck schon vorhanden ist, gibt es natürlich auch Leute, die einen Linksruck machen. Ich würde sagen, das ist hauptsächlich die Jugend. Die meisten wählen links, weil sie halt auch eine Veränderung in der Gesellschaft haben wollen. Sie möchten verhindern, dass die AfD oder andere rechte Parteien an die Macht kommen und deswegen wählen sie das Gegenteil, also linke Parteien. Ich würde sagen, das ist der Kontrast, den die Jugendlichen schaffen wollen.
Hoai-My: Ich kann mir schon vorstellen, dass viel Unmut in der Bevölkerung herrscht und die AfD halt DIE Lösung verspricht. Die AfD war noch nie in der Regierung, deswegen kann man ja nicht wissen, wie sie arbeitet. Die SPD, die CDU hatten jetzt schon lange Handlungsmöglichkeiten, da weiß man, wie sie regieren, was sie machen. Da kann ich mir vorstellen, dass viele Leute denken: Die AfD muss jetzt auch mal eine Chance bekommen. Ich sehe, woher das kommen kann, aber ich würde dem nicht zustimmen. Es hat ganz viel mit dem Bildungsaspekt und dass man Interesse daran zeigt und auch die anderen Perspektiven einnimmt, die es hier in Deutschland gibt.

Chima: Ich denke, das hat bei Leuten in unserem Alter auch viel mit Desinformation oder Falschinformation zu tun - dass Leute unwissend sind in dem, was sie wählen. Dass viele aus dem Osten hören: Der Ausländer macht dies und das, und dann nehmen die die Perspektive ein: Okay, ich will sicher sein, es kann nicht sein, dass Ausländer so etwas hier in Deutschland machen. Und dann nehmen sie die Haltung der AfD zur Migrationspolitik ein, ohne dass sie die anderen Faktoren der Politik der AfD mitbetrachten - zum Beispiel, dass die aus der EU austreten wollen, dass die die D-Mark zurückholen wollen. Ich würde gar nicht sagen, dass alle das unterstützen, sondern dass sie das gar nicht wissen.
Suhail: Ich habe mich vor der Bundestagswahl mit dem Wahl-O-Mat informiert. Was mich schockiert hat bei vielen Jugendlichen, dass die sich gar nicht so auskennen. Wenn ich so Sachen höre: Die wollen das machen, die wollen das machen. Und dann gucke ich mir das Wahlprogramm an und das stimmt gar nicht. Da denke ich schon, dass sehr viele falsche Sachen verbreitet werden, zum Beispiel über TikTok – ich glaube, fast jede Person schaut TikTok.
Die AfD und die Linkspartei sind in sozialen Medien wie TikTok am präsentesten. Warum sind sie eurer Meinung nach dort so erfolgreich?
Lina: Man sieht es in den Kommentarspalten - blaue Herzen oder pinke Herzen. Ich glaube, dass sich die Menschen damit auch pushen. Und je nachdem, in welchem Umfeld man sich befindet, schickt man sich dann Videos und kommt dadurch vielleicht auch in diesen Algorithmus und sieht mehr dieser Videos. Und natürlich posten die Parteien das so, dass es erst mal nur positive Aspekte gibt. Und je mehr man sich ins Wahlprogramm einliest, desto mehr kommen dann auch die negativen Aspekte hoch.
Suhail: Man ist ja in einer Bubble durch den Algorithmus. Und wenn man in dieser Bubble ist, ist es schwer, wieder rauszukommen. Wenn man bei TikTok zum Beispiel nur von der AfD Videos sieht und dann hört, die sind gegen die Migration und dann Sachen berichten wie in Magdeburg: Dieser Ausländer hat so und so viele Menschen getötet. Wenn man zum Beispiel zehn Videos über so etwas sieht, denkt man vielleicht, da muss irgendetwas davon stimmen. Man wird manipuliert, wenn man nichts anderes sieht und sich nicht woanders informiert. Genauso bei den Linken: Wenn man nur deren Videos sieht, entscheidet man sich wohl auch eher die zu wählen.
Hoai-My: Heidi Reichinnek hat zum Beispiel auf TikTok sehr viel informiert und Appelle veröffentlicht. Ich glaube, das ist ein großer Punkt, der die Jugend mitnimmt. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es damit zu tun hat, was man sich länger anschaut. Ich zum Beispiel sehe gar nichts von der AfD, viel mehr von Grünen oder SPD. Ich bin tatsächlich in so einem kleinen Kreis gefangen, der sich ähnlich verhält wie ich, der sich informiert und sich Gedanken darüber macht. Andere Leute haben nicht die Zeit oder auch nicht das Interesse und nehmen dann vielleicht das Schnellste, was für sie erreichbar ist. Daran dass die Linke und die AfD in der letzten Zeit so eine große mediale Aufmerksamkeit gewonnen haben, kann man sehen, dass viele Leute diese Meinung einfach so akzeptieren. Ich finde ganz wichtig, dass Aussagen belegt werden. Das machen viele im Internet nicht. Daher kommt auch die Desinformation, wenn zum Beispiel Studien genannt werden, die gar nicht existieren oder die gar nicht zu dem Kontext passen. Ich finde auch Faktenchecks bei Talkshows und den ganzen Wahldiskussionen total wichtig.
Warum hat eure Generation die Parteien der Mitte so abgestraft?
Dennis: Die Jugendlichen, die sich mit ihrer Zukunft beschäftigen, wollen klare Entscheidungen - links oder rechts und nicht irgendwas dazwischen. Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich glaube schon, dass da viele leere Versprechungen dabei sind. Ich denke, dass sich Jugendliche stark zu einer Partei hingezogen fühlen oder zur anderen und dass dann die mittleren Parteien eher wegfallen.
Hoai-My: Bei uns Jugendlichen hat das auch ganz viel damit zu tun, dass wir noch sehr unentschlossen sind. Die Linke und die AfD haben sich klar positioniert, wohingegen sich die mittleren Parteien eher ungenau positioniert haben bei einigen Themen, die uns wichtig sein könnten. Ich denke, dass die Jugendlichen vielleicht mehr Handlung sehen wollen als nur dieses Gerede, und auch zukunftsorientierte Sachen. Ich würde nicht von leeren Versprechungen bei den mittleren Parteien reden, aber das ist alles sehr schwammig gesagt. Die ganzen TikToks, die ich gesehen habe, das waren eher Videos, wo die Kanzlerkandidaten idealisiert wurden für unsere Generation, denn das folgt dem Trend und wird vom Algorithmus unterstützt. Es wurde nicht so viel über das Wahlprogramm verbreitet, sondern: Das ist unser Kanzlerkandidat - und er ist cool. Es ist ja klar, dass sich die gesamte Bevölkerung eher in der Mitte zusammenfindet, aber für Jugendliche ist ein wichtiger Aspekt, dass die Opposition unsere Zukunft im Blick hat.
Lina: Ich gehe da total mit Hoai-My mit. Die Videos, die ich gesehen habe, zum Beispiel auch von der SPD, waren eher Videos über Olaf Scholz, und dann Witze oder Videos, die sich nach dem Trend gerichtet haben. Bei der Linken oder der AfD geht es immer auf das, was sie vertreten. Und das hat man bei der SPD nicht so stark gesehen, sondern die haben versucht, durch Trends die Jugendlichen anzusprechen. Aber ich glaube, wenn es um Politik geht, will man den Inhalt sehen.
Chima: Ich finde es wichtiger, sich für eine Seite zu entscheiden, als in der Mitte zu bleiben. Ich stand der CDU immer sehr neutral gegenüber: Die sind nicht allzu schlimm, aber auch nicht die besten. Aber jetzt nach der Wahl, auch mit Friedrich Merz als Bundeskanzler, was ich bis jetzt von ihm gesehen habe, hat mich sehr enttäuscht. Das hat mich auch noch mal über die Wahl nachdenken lassen - wie wichtig es wäre, dass mehr Leute links wählen.
Dennis: Vor allem auf TikTok ist es ja so, dass der User sich in den ersten fünf Sekunden entscheiden kann, ob er das Video guckt oder ob er weiterswipt. Und ich denke, dass die linken und rechten Parteien ein besseres Management haben in den sozialen Medien, weil sie die Jugendlichen abgreifen. Ich merke das stark bei mir selber, die mittleren Parteien haben nicht so diesen Effekt und nicht so viel Präsenz dort.
Ihr habt viel von eurer Zukunft gesprochen. Was ist euch besonders wichtig?
Hoai-My: Auf jeden Fall Sicherheit, jetzt wo sich gerade alles verändert, in den USA, aber auch in Europa. Nicht nur wirtschaftliche Sicherheit, sondern auch Sicherheit im Land. Man merkt ja, dass die Bevölkerung unzufrieden ist und dass dadurch auch viel mehr Leute gewaltbereit sind. Ich finde auch wichtig, dass wir die Meinungsfreiheit behalten. Es gibt Beispiele in anderen Ländern, wo es schon weniger so ist. Auch Bildung und finanzielle Sicherheit ist mir wichtig und dass der Sozialstaat weiter bestehen bleibt. Ich denke, dass die Regierung kompetent ist, sonst würde es früher oder später ja wieder Neuwahlen geben. Nach den Ergebnissen glaube ich schon, dass da jetzt auch Sachen bewegt werden, die wir Jungen wichtig finden.
Chima: Ich würde den Fokus darauf richten, eine Einheit zu finden - nicht rechts und links gegeneinander, sondern versuchen, auf einen Nenner zu kommen, sodass alle in Frieden miteinander leben können. Ich würde vor der nächsten Wahl auch noch mehr Leuten klarmachen, wie wichtig es ist zu wählen und vor allem auch eine Position einzunehmen. Ich persönlich würde mich eher links einteilen und auch meinen Freunden und meiner Familie raten, eher links zu bleiben, um diesen Rechtsruck zu stoppen.
Suhail: Ich wünsche mir, dass man sich als Land nicht abschottet, sondern sich mit anderen Ländern verbindet, nur so kann man als Menschheit weiterkommen. Wenn man sich nur auf sich bezieht, vernachlässigt man andere, und dadurch entstehen andere Probleme, die katastrophale Auswirkungen haben - wie der Klimawandel.
Das Interview führte Caroline Schmidt.
Schlagwörter zu diesem Artikel
Bundestagswahl
