Kontroverse um Michael Jackson-Musical "MJ" in Hamburg
Seit 2022 begeistert "MJ: The Musical" am Broadway in New York. Ende 2024 soll "MJ - Das Michael Jackson Musical" auch in Hamburg laufen. Das sorgt für eine Kontroverse. Denn gegen den "King of Pop" gibt es Vorwürfe des Kindesmissbrauchs.
Braucht Hamburg ein Michael Jackson-Musical? Über diese Frage wird schon jetzt, weit vor der Premiere diskutiert. Im Dezember kommenden Jahres soll das Musical im Stage Theater an der Elbe laufen. Petra Volquardsen berichtet für NDR 90,3 regelmäßig über Musicals in Hamburg und hat sich Gedanken über das Für und Wider gemacht.
Petra Volquardsen, was genau sorgt für Diskussionen? Dass Michael Jackson mit seiner Musik und seinem Tanz ein Ausnahmekünstler war, daran besteht kein Zweifel.
Petra Volquardsen: Daran nicht, nein. Problematisch aber ist in diesem Fall nicht, was erzählt wird im Musical, sondern was nicht erzählt wird. Seit vielen Jahren gibt es Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen Michael Jackson. Zwar gab es nie ein Gerichtsurteil gegen ihn. Aber doch immer wieder Hinweise darauf, dass Michael Jackson eben nicht nur Opfer, sondern möglicherweise auch selbst Täter war. Gut, man möchte sich jetzt nicht vorstellen, dass ein so ernstes Thema wie Kindesmissbrauch mal so beiläufig auf der Musical-Bühne abgehandelt wird. Aber zumindest eine Einordnung, ein Signal: Der Mann, um den es hier geht, war zwar künstlerisch ein Genie, menschlich aber durchaus problematisch. Irgendeine Einordnung würde man sich schon wünschen. Die Frage ist: Ist das überhaupt eine gute Idee, jemanden mit einer ganzen Show zu würdigen, wenn es so viele offene Fragen gibt?
Unsere Korrespondentin in New York war bei der Premiere des Musicals dort dabei. Sie hat erzählt, dass einerseits das Publikum begeistert war, dass es aber andererseits auch Proteste gab, Demonstrierende vorm Theater. Wird das Musical hier bei uns 1:1 so umgesetzt wie am Broadway?
Petra Volquardsen: Das wird es. Im Stück geht es darum, wie Michael Jackson zu dem Künstler wurde, der er war. Wie sich seine Musik, seine Art zu tanzen entwickelt haben. Die Musik und die geradezu ikonischen Tanzbewegungen kennen wir natürlich alle.
Dazu gibt es immer wieder Rückblenden in seine Kindheit. Es geht vor allem auch um die Vorbereitungen zur "Dangerous"-Welttournee 1992. Genau dann - 1992 - aber hört die Handlung auf. Ein Jahr später, 1993, sind zum ersten Mal Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gegen Michael Jackson laut geworden. Zufall oder Absicht? Das hab ich Stephan Jaeckel von Stage Entertainment gefragt: "Ich glaube, es war den Produzenten wichtig, kein komplettes Biographical zu schreiben. Sondern ein Stück über das künstlerische Genie von Michael Jackson", erklärte Stephan Jaeckel.
Eine Einordnung, vielleicht eine Vorabansage, nach dem Motto: Wir sind uns bewusst, dass der Künstler, den wir hier feiern, nicht unumstritten ist, so etwas ist nicht geplant. Man halte sich, sagt Stephan Jaekel, komplett zurück, was eine moralische Bewertung angeht. "Ich glaube, dass es eine Entscheidung des Publikums selber sein muss. Wir bieten ein Stück an und dann kann das Publikum für sich selber entscheiden, wie es das findet", sagt Jaeckel.
Wie groß ist denn noch der Fan-Rückhalt für Michael Jackson?
Petra Volquardsen: Das werden wir am Ende wohl an den Verkaufszahlen ablesen können. Ich habe neulich gerade mit einer Bekannten gesprochen, die drei Kinder hat. Sie sagt, wenn sie irgendwo einen Michael Jackson-Song hört, dreht sie gleich aus oder leise, weil sie ihn nicht mehr hören möchte. Die geht ganz sicher nicht ins Musical. Andere, zum Beispiel Passanten, die ich auf der Straße befragt habe, sind durchaus interessiert und nach wie vor große Fans.
Laut Stage Entertainment läuft der Vorverkauf richtig gut. Zum jetzigen Zeitpunkt rechnen sie dort auch nicht mit Protesten bei der Hamburg Premiere.
Mal sehen, wie es im Frühjahr in London wird. Dann hat die Show nämlich dort Premiere. Es kann übrigens durchaus sein, dass doch noch ein Prozess die Vorbereitungen oder die Spielzeit hier in Hamburg überschatten. Im Sommer kam die Nachricht: Kalifornische Richter haben entschieden, dass Zivilklagen gegen Jacksons Produktionsfirmen nun doch zulässig sind.
Mein Gefühl im Moment ist: Wäre ich Verantwortliche im Musical-Business, ich würde es sein lassen und lieber ein anderes Stück auf die Bühne bringen - so toll Musik und Tanzchoreographie auch sein mögen. Aber ich bin ja nicht im Musicalbusiness, sondern berichte als Reporterin über Musicals. Wenn die Show bei uns anläuft, werde ich sie mir ansehen und dann sprechen wir sicher noch einmal. Am 1. Dezember 2024 soll Premiere bei uns in Hamburg sein. Zurzeit laufen noch die Castings, aber erst in einer sehr frühen Phase.
Das Gespräch führte NDR 90,3 Reporter Peter Helling.