Russische Schattenflotte und Großbaustelle: Risikogebiet Fehmarn?

Stand: 14.02.2025 19:22 Uhr

Immer mehr Tanker der sogenannten russischen Schattenflotte fahren durch die verengte Fahrrinne bei der Baustelle zur Fehmarnbeltquerung. Ein Sicherheitsrisiko, sagt Risikoexperte Carsten Baeck.

von Nicola von Hollander

Die Zahl der Rohölfahrten durch die Ostsee ist nach Greenpeace-Angaben seit 2021 um etwa 70 Prozent gestiegen. Häufig erfüllen diese Frachter laut der Organisation die technischen Standards nicht, sind etwa alt und ohne modernes Doppelwandsystem. Zudem fahren viele unter fremder Flagge wie Barbados oder Panama und sind unterversichert. Durch sie steigt das Sicherheitsrisiko für die Ostseeinsel Fehmarn. Die Baustelle der Fehmarnbeltquerung (Kreis Ostholstein) verengt die Fahrrinne des Schiffsverkehrs.

Durch dieses Nadelöhr fahren aber immer mehr Tanker der sogenannten "russischen Schattenflotte". Russland nutzt laut Bundeswehr die sogenannte "Schattenflotte", um die gegen das Land verhängten Sanktionen zu umgehen. Die Schiffe fahren russisches Rohöl nach Indien oder China, wo es aufbereitet wird und verkauft. Die Herkunft ist dann nicht mehr Russland.

Experte: Politische Lage im Ostseeraum verändert Lage Fehmarns

Der Risikoexperte Carsten Baeck, Geschäftsführer der Deutschen Risikoberatung, sieht durch die politische Lage im Ostseeraum eine komplett neue Lage im Fehmarnbelt - auch hinsichtlich des Projektes Fehmarnbelttunnel. "Mit Blick auf die Sabotageakte in der Ostsee muss auch ein Anschlag in Zusammenhang mit dem Tunnel evaluiert werden", sagt er und ergänzt, dass das Tunnelprojekt zu verantworten sei, aber man solle noch einmal nachdenken, ob alle Bedingungen geprüft wurden. Baeck berät deutsche Konzerne und Unternehmen vor Angriffen jedweder Art. Er ist ein gebürtiger Fehmaraner, der die Insel kennt.  

Sensible Infrastruktur zwischen Fehmarn und Lolland

Ein zusätzliches Risiko seit Beginn der Sabotageakte in der Ostsee ist die sensible Infrastruktur wie Glasfaserkabel zwischen Fehmarn und dem dänischen Lolland. Mit Blick auf deren Schutz meint Baeck: "Es gibt Unterwasserdrohnen, die deutlich bezahlbarer sind als die Einsätze der Deutschen Marine zur Begleitung und Überwachung von Frachtern, um Sabotageakte zu verhindern." Unterwasserdrohnen könnten die Marine entlasten.

Für Fehmarn mit Fehrmarnbeltquerung, Baustelle, alten Rohöltankern und sensibler Infrastruktur sollten laut dem Experten regelmäßig Risikoanalysen gemacht werden, um das Zusammenspiel aller Bereiche und Institutionen zu prüfen.

Das sieht auch Fehmarns Bürgermeister Jörg Weber (SPD) so. NDR Schleswig-Holstein sagt er zur Risikobewertung: "Die machen wir schon für unsere Insel, in den letzten Monaten und Jahren natürlich auch im Größeren, hier im Kreis und im Land. Da passiert schon etwas. Man sollte nicht so blauäugig durch die Gegend laufen wie vielleicht noch vor zehn Jahren."

Regelmäßige Risikobewertung mit Kreis und Land

Er ergänzt, dass man damit beginne, alle Institutionen und Ämter für eine Bewertung des Gefahrenpotenzials miteinander zu vernetzen. In Vorbereitung auf den Tunnel baue er gerade aus den Freiwilligen Feuerwehren der Insel eine Hauptwehr auf. Außerdem bestätigt er eine regelmäßige Risikobewertung mit dem Kreis und dem Land.

Aufgrund des aktuellen Gefahrenpotenzials sorgt sich Weber: "Es ist die Gesamtheit - Fährverkehr, Baustelle, die alten maroden Tanker - das macht uns schon Sorge. Unsere Fehmarnsundbrücke war im russischen Fernsehen schon als Angriffsziel zu sehen. Man sollte es nicht so abschütteln."

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 14.02.2025 | 19:30 Uhr

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