Cover des Buches "Der doppelte Erich" von Tobias Lehmkuhl © Rowohlt Berlin
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AUDIO: "Der doppelte Erich": Tobias Lehmkuhl über Kästner (55 Min)

"Der doppelte Erich. Erich Kästner im Dritten Reich."

Stand: 23.02.2024 13:02 Uhr

Die Bücher von Erich Kästner wurden verbrannt, er hatte Publikationsverbot in Deutschland. Dennoch ging Kästner nicht ins Exil. Wie erlebte er das Dritte Reich? Darüber hat der Journalist und Autor Tobias Lehmkuhl ein Buch geschrieben.

von Martina Kothe

Fast täglich schreibt Erich Kästner seiner Mutter einen Brief oder eine Postkarte. Nicht immer sollte man diese Zeilen als ehrlichen Bericht lesen, denn der Sohn schreibt oft betont leicht und locker, um seine Mutter nicht zu beunruhigen. Dennoch geben die Briefe einen Einblick in die Gefühlswelt Kästners. Nach dem Reichstagsbrand, als etliche Kollegen bereits die Koffer packten, schreibt er aus dem österreichischen Meran an die Mutter:

"Also, mit dem Draußenbleiben, das kommt gar nicht in Frage. Ich habe ein gutes Gewissen, und ich würde mir später den Vorwurf der Feigheit machen." Erich Kästner

Ob sich Kästner später Vorwürfe gemacht hat, ist nicht bekannt. Durch seine Texte zieht sich jedenfalls das Motiv des Doppelgängers, des Zwillings, der Maske. Ob der Autor auch ein Mensch mit zwei Gesichtern war, bleibt offen. Buchautor Lehmkuhl fand die ehrlichste Beschreibung dieser zwei Seiten von Kästner in den "Briefen an mich selbst" aus dem Jahr 1940: "Und darin beklagt er diese Gespaltenheit, die er selbst verspürt hat. Dass er ganz viele Freunde hat, aber niemand ihm wirklich nahe ist. Ich glaube, das war so ein Grundproblem, das er mit sich herumtrug, das vielleicht auch jeder Schriftsteller hat, dass man einerseits Literatur lebt und auch die Literatur ist, die man produziert, andererseits aber auch im wirklichen Leben verhaftet ist."

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Schatten auf Kästners Leben und Werk

Sein Verbleiben im Dritten Reich rechtfertigte Erich Kästner einerseits mit der engen Bindung an die Mutter. Er wollte sie nicht allein lassen. Andererseits nahm er sich vor, einen großen - wenn nicht DEN großen - Roman über die NS-Diktatur zu schreiben. Wenn alles vorüber wäre. Er begann zwar mit Notizen dazu, schrieb das Buch aber nie.

Lehmkuhl sieht darin den Kern für Kästners Unglück: "Allerdings muss man festhalten, dass keines seiner Werke, weder die Briefe noch die Romane noch das Tagebuch nach 1933, eine Art Erkenntnisprozess dokumentiert, eine Infragestellung des eigenen Lebens und Schreibens angesichts der äußeren Umstände. Was zu beobachten ist: Es hat sich eine Art Schatten auf Leben und Werk gelegt, etwas ist beidem entzogen, dass bis dahin dem Ganzen einen gewissen Schmelz, seinen Witz gegeben hatte."

Viele Denkanstöße in "Der doppelte Erich"

Als Sachbuchautor befasst sich Lemkuhl nicht zum ersten Mal mit der NS-Zeit und ihren Nachwirkungen. Zuletzt schrieb er über die Pop-Ikone Nico, die 1938 geboren wurde. Lehmkuhl beschäftigt sich auch deshalb mit dieser Zeit, weil ihm die Gegenwart Unwohlsein bereitet: "Weil man natürlich auch eine Verwandtschaft der Zeit spürt. Die Gefährdung der Demokratie 1933 war vielleicht graduell eine andere als heute, aber ich denke, viele verspüren auch heutzutage, dass da eine Bedrohung herrscht und dass die Demokratie in Gefahr ist und dass schlimme Dinge vor sich gehen, in den Köpfen der Menschen und auch in der Wirklichkeit, und dass es da speziell nahe liegt, sich mit dieser Zeit zu beschäftigen."

So gibt auch "Der doppelte Erich" viele Denkanstöße, die mit uns in unserer heutigen Zeit zu tun haben. Ob man Kästner am Ende in seinem Tun versteht oder nicht, man kann nicht anders, als ihn in der Beschreibung von Lehmkuhl zu mögen.

"Der doppelte Erich. Kästner im Dritten Reich"

Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Rowohlt Berlin
Veröffentlichungsdatum:
17.10.2023
Preis:
24 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 23.02.2024 | 13:00 Uhr

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