Fazil Say: "Deutschland sollte stolz sein auf das SHMF"
Der diesjährige Porträtkünstler beim Schleswig-Holstein Musik Festival ist der Starpianist Fazil Say, der 1970 in Ankara geboren wurde. Im Interview spricht er über das Programm und über Brücken, die durch Musik entstehen können.
Das neue Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals, das in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag feiert, steht fest. Versprochen wird eine "extralange Geburtstagsparty" bis Ende August. Die Jubiläumsausgabe des international renommierten Festivals hat diesmal einen besonderen Schwerpunkt: die Musikmetropole Istanbul.
Herr Say, 2011 wurde Ihr Konzert für Klarinette und Orchester mit der Solistin Sabine Meyer beim SHMF uraufgeführt - Sie kennen also dieses Festival. Was bedeutet es Ihnen, in diesem Jahr der Porträtkünstler zu sein?
Fazil Say: Es ist eine große Ehre für mich. Das Schleswig-Holstein Musik Festival ist eines der weltgrößten Festivals, und es hat viele neue Ideen in die Festivalwelt, die Kulturwelt gebracht. Das ist schon wichtig. Deutschland sollte stolz sein auf dieses Festival.
Als Porträtkünstler dieser 40. Festivalausgabe werden Sie rund 20 Konzerte und zusätzlich Workshops geben, fast 30 Veranstaltungen insgesamt. Was für Impulse wollen Sie setzen als Pianist oder als Komponist?
Say: Viele meiner sinfonischen Werke werden gespielt. Es gibt ein Auftragswerk: Das ist ein Mandolinen-Konzert, das Avi Avital uraufführen wird. Es sind auch meine Kammermusik-Werke dabei. Ich spiele viele Klavierkonzerte, Bach, Ravel, Mozart, Beethoven, Schumann, viele Konzerte mit renomierten Orchestern. Ich tue mein Bestes, dass jedes Konzert ein Erlebnis wird. Jeder Moment ist für mich ein Genuss.
Komponist und Pianist Fazil Say - sind die trennbar oder sind die untrennbar miteinander verbunden?
Say: Ich denke untrennbar, weil ich das mache, seit ich fünf Jahre alt bin.
Was macht für Sie die Musik-Metropole Istanbul aus, die in diesem Jahr im Fokus steht?
Say: Istanbul ist eine sehr interessante Musikstadt mit sehr vielen Musiksorten aus vielen Jahrhunderten. Die Stadt inspiriert mich als Komponist und jeden Künstler. Ich habe einige Werke, die Istanbul thematisieren, als Artist in Residence hier, und das Schleswig-Holstein Musik Festival hat viele Künstler und Projekte aus Istanbul geholt. Das ist sehr, sehr schön. Ich denke, das Publikum wird das genießen.
Sie wurden bezeichnet als ein Künstler, der mit Kopf und mit Herz arbeitet. Könnten Sie uns erläutern, was damit gemeint ist?
Say: Ein Klavier ist ja eine Perkussion, und um eine Perkussion zum Singen zu bringen, müssen wir diese Elemente: Kopf und Herz.
2008 wurden sie von der Europäischen Union zum "Botschafter des interkulturellen Dialogs" ernannt. Wie kann ein Festival wie das SHMF zum Dialog zwischen den Kulturen beitragen?
Say: Das macht es ja mit diesem Thema. Ich finde, das ist schon ein sehr starkes Zeichen von einem Dialog zwischen den Kulturen.
In dem Zusammenhang: Wie politisch darf Musik sein?
Say: Wenn wir unsere Vorurteile ablegen, dann ist die Brücke schon da.
Wichtige Brücken?
Say: Für mich sind die Brücken ein natürliches Ergebnis. Ich spiele Mozart, Beethoven, Chopin seit meiner Kindheit in türkischen Städten, die noch nie klassische Musikkonzerte hatten, um die türkischen Leute zur Erleuchtung zu bringen, dass diese Musik auch ihre Musik ist. Und die türkischen Musikelemente sind in allen meinen Werken. Die türkische Musik, die türkische Kultur kommt durch diese Brücke nach Schleswig-Holstein. Das ist aber mein ganzes Leben lang so. Das ist keine gemachte Brücke, sondern ich bin so.
Sie gelten auch als politischer Mensch. Können Sie sich vorstellen, das SHMF als Porträtkünstler auch politisch zu nutzen? Oder schließen Sie das von vornherein aus?
Say: Ich bin kein politischer Mensch, ich bin kein Politiker. Ich bin Pianist und Komponist. Ich lebe nur in schwierigen Zeiten - das sind nicht nur schwierige Zeiten in der Türkei, sondern jetzt auch in Deutschland.
Das Gespräch führte Benedikt Stubendorff.
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