Fußballer Julian Brandt von Borussia Dortmund bejubelt sein Tor gegen Werder Bremen © IMAGO/Mika Volkmann

Dortmunds Brandt in der Datenanalyse: Bundesliga-Star - und EM-Hoffnung?

Stand: 26.10.2023 09:35 Uhr

Julian Brandt spielt seine bisher beste Bundesliga-Saison. Dem gebürtigen Bremer fehlte lange die Konstanz in seinen Leistungen. Doch rechtzeitig zur Heim-EM liefert der Offensivmann von Borussia Dortmund ab, der gerade ein besonderes Jubiläum gefeiert hat.

Auf einmal ging alles ganz schnell. Emre Can passte den Ball zwischen den verdutzten Bremer Verteidigern hindurch in den Strafraum. Genau in den Lauf von Julian Brandt, der sich geschickt davongestohlen hatte. Der Edeltechniker nahm den Ball mit einem Kontakt mit und traf Werder mit dem zweiten ins Mark. Über den heranrauschenden Keeper Michael Zetterer hinweg traf Brandt mit einem feinen Lupfer zum 1:0 für den BVB.

Es sollte das einzige Tor des Abends bleiben. Ausgerechnet Brandt - der gebürtige Bremer, der nie für Werder gekickt hat, war der Mann des Spiels. Und dieses Spiel war nicht irgendeines, es war bereits das 300., das der Offensivmann in der Ersten Liga für Leverkusen und Dortmund absolviert hat. Mit 27 Jahren und 171 Tagen. In der Bundesliga-Geschichte waren nur Charly Körbel (27/119) und Eike Immel (27/116) noch jünger, als sie zu ihrem 300. Einsatz kamen.

Nicht nur BVB-Trainer Edin Terzic findet dies "außergewöhnlich" und nennt Brandt "ein Kind der Bundesliga", das einst 2014 im Alter von 17 Jahren für Leverkusen sein Debüt gefeiert hat.

Brandt in der Form seines Lebens

Aktuell sieht Fußball-Deutschland einen Brandt in der Form seines Lebens - wie ein Blick in die Daten von GSN deutlich zeigt. Mit einem Performance-Score von 64,91 spielt der Mann, der mit seinen hellblonden Haaren und dem frechen Grinsen im Gesicht auch zehn Jahre nach seiner Premiere noch wie ein Lausbub wirkt, auf Dortmunds linkem Flügel die mit großem Abstand beste Saison seiner Karriere (bisheriger Bestwert 61,47).

Drei Tore und vier Vorlagen sind bereits notiert. Sein Scorer-Rekord datiert aus seiner letzten Leverkusener Saison 2019/2020, als ihm am Ende sieben Tore und 15 Vorlagen gelungen waren (sein Trefferrekord liegt bei neun). Anders als für Brandt gewöhnlich, ist er in dieser Saison allerdings in herausragender Frühform.

In der Regel braucht er immer einige Wochen mehr, um heiß zu laufen. In seiner Rekordsaison hatte er zum Beispiel nach acht Spieltagen erst zwei Vorlagen auf dem Konto. 2021/2022 waren es zwei Treffer, 2022/2023 je zwei Tore und Vorlagen.

Sind die Tage als schlampiges Genie gezählt?

Die Stärken des Spielers aus dem Nachwuchs des VfL Wolfsburg, der ihn vor dem ersten Profieinsatz schon ziehen lassen musste, sind hinlänglich bekannt: vom offensiven Eins gegen Eins, über Technik und Passspiel bis zu Kreativität und Übersicht. Beim 1:0 gegen Bremen zeigte er zudem, wie gut er antizipieren kann und wie schnell sein Antritt ist.

Gleichzeitig wird aus Brandt sicher genauso wenig noch ein Kopfballungeheuer wie ein defensives Arbeitstier. Viel schwerwiegender ist allerdings, dass ihm in den vergangenen Jahren die Konstanz gefehlt hat, weil er nicht immer bei der Sache zu sein schien - ein schlampiges Genie, wenn man so will.

Womöglich hat seine aktuelle Leistungsexplosion auch damit zu tun, dass Coach Terzic ihn in dieser Saison deutlich seltener auf seiner Lieblingsposition als Spielmacher aufstellt. In Leverkusen einst noch mit der 10 auf dem Rücken, läuft Dortmunds Nummer 19 nunmehr vor allem auf dem linken, aber auch auf dem rechten Flügel auf. Wohlgemerkt mit der Erlaubnis, immer wieder Richtung Tor ins Zentrum zu ziehen. Im Daten-Jargon ist vom "inversen Außenstürmer" die Rede, Brandt selbst sprach zuletzt von einer "Hybrid-Position".

Brandt ist viertbester Deutscher der Liga

Auf dieser Position braucht er in der Liga keinen Vergleich zu scheuen. Brandt ist in nahezu allen relevanten Statistiken ganz vorne mit dabei. Mit 3,32 Torschuss-Vorlagen pro Spiel ist er sogar ligaweit der Beste - genauso mit seiner Beteiligung an 1,55 Dortmunder Angriffen pro Spiel, die zum Tor führen und seinen 0,59 Expected Assists, also Vorlagen, die (eigentlich) zu Toren führen müssten.

In Leroy Sané, Mats Hummels, Chris Führich und Leon Goretzka haben nur vier Deutsche in der Bundesliga derzeit einen besseren Performance-Score als Brandt. Da dürfte auch Namensvetter Julian Nagelsmann hellhörig werden. Aber setzt der neue Bundestrainer auch auf ihn?

Auf der USA-Reise nur 19 Minuten auf dem Platz

Ein weiterer Grund für Brandts Herausstechen könnte die anstehende Europameisterschaft im eigenen Land sein. Am 14. Juni 2024 geht es mit dem Eröffnungsspiel in München los. Und Brandt wird nicht nachlassen dürfen, um bei der Heim-EM eine nennenswerte Rolle zu spielen. Zwar nominierte Nagelsmann Brandt, der bisher auf 45 Länderspiele mit drei Toren kommt, für die jüngste Länderspielreise in die USA. Dabei kam er allerdings gegen die Gastgeber nur für 19 Minuten zum Einsatz und saß im anschießenden Spiel gegen Mexiko die komplette Zeit auf der Bank.

Große Konkurrenz in der deutschen Offensive

Das liegt nicht etwa daran, dass ihm mit Führich (Performance-Score 65,08/2 Tore/5 Vorlagen) auf seiner Position starke Konkurrenz erwachsen ist. Der Stuttgarter, mit seinen langen Sprints über den linken Flügel ohnehin ein ganz anderer Typ, spielte in den USA sogar nur neun Minuten. In Nagelsmanns favorisiertem 4-4-2 agierten hinter den beiden Angreifern vier eher zentrale Mittelfeldspieler und in Jamal Musiala und Florian Wirtz zwei 20-Jährige, denen beim DFB die Zukunft gehört.

Und dann gibt es noch ein weiteres Problem: Das "Kind der Bundesliga" Brandt, 2014 mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet, hat bisher weder in der Champions League noch in der Nationalmannschaft auch nur halbwegs an seine starken Vorleistungen anknüpfen können. Vor allem mit dem Adler auf der Brust war der BVB-Profi kaum wiederzuerkennen. Sein Performance-Score in den vergangenen fünf Jahren lag in Länderspielen bei gerade einmal 55,86 Punkten.

Bringt Brandt Konstanz in seine Leistungen?

Mit seinem aktuellen GSN-Index von 82,98 und dem möglichen Wert von 84,59 kratzt Brandt aber an der Weltklasse. Für die Nationalmannschaft ist er auch deshalb so interessant, weil er in der Offensive (bis auf den Mittelstürmer) eigentlich alle Positionen besetzen kann. Sollte es ihm gelingen, sein Potenzial auch nur ansatzweise in der Nationalmannschaft abzurufen, kommt Nagelsmann nicht an ihm vorbei.

Was ist der GSN-Index?

Vier-Säulen-Prinzip:

  • 1. "fußballerische Eigenschaften": Technik, Spielübersicht oder der erste Kontakt: Einschätzungen über 130 fußballspezifische Eigenschaften von mehr als 300 Scouts weltweit.
  • 2. "fußballerisches Potenzial": Wo werden Spieler besser, wo stagnieren sie oder entwickeln sich zurück? Ein Algorithmus analysiert Daten aus der ersten Säule und vergleicht Spielertypen.
  • 3. "Performance auf dem Spielfeld": Tore, Pässe, Fouls, Schüsse oder auch Abseitspositionen: die Spiel-Basisdaten und weiterführende Analysen wie "Expected goals" oder "Action scores" werden durch einen Algorithmus in einen übergeordneten Kontext gesetzt - zum Beispiel positionsbezogen.
  • 4. "Spielniveau": Jede Mannschaft oder Liga hat einen Zahlenwert, der ihre Stärke bemisst. Oberliga oder Champions League: Umso höher das Spielniveau des Gegners, desto positiver wirkt es sich auf den GSN-Index aus.
Bewertungs-Skala:
  • 85 - 100: Weltklasse
  • 70 - 85: internationale Klasse
  • 60 - 70: Durchschnitt Bundesliga bzw. der Top 5 Ligen
  • 50 - 60: Durchschnitt 2. Bundesliga
  • 40 - 50: Durchschnitt 3. Liga
  • 30 - 40: Durchschnitt Regionalliga
Zwei GSN-Index-Werte:
  • aktueller GSN-Index: zeigt die aktuelle, allumfassende Qualität eines Spielers basierend auf den Daten der vier Säulen und Algorithmus-Berechnungen.
  • möglicher GSN-Index: Künstliche Intelligenz ermittelt anhand der Daten das bestmögliche, zukünftige Leistungsniveau eines Spielers.

Mehr Fußball-Meldungen

Die Wolfsburger Spielerinnen in Barcelona © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Andres Lopez Sheridan

Analyse zu den VfL-Frauen: Erwartungen ändern, Investitionen tätigen

Der renommierte und lange so erfolgreiche Club droht abgehängt zu werden - und das, obwohl sich die Verantwortlichen beim VfL Wolfsburg nicht viel vorzuwerfen haben. mehr