Statt Elterntaxi: Was Schüler wieder aufs Fahrrad bringt

Stand: 08.04.2025 14:29 Uhr

In Bad Segeberg soll eine neue Idee den Schulweg sicherer machen - und grüner. Der "BiciBus" ist eine Art Konvoi aus Kindern auf dem Fahrrad. Ohne Elterntaxis funktioniert es auch im Unterricht besser.

von Stella Kennedy

Ins Morgenlicht getaucht steht die Gruppe aus Kindern auf dem Schulhof rund um das Lastenrad von Katharina Kohl. Sie bekommen hier gleich einen Stempel für ihre erfolgreich mit dem Fahrrad absolvierte Fahrt zur Schule - mit dem "BiciBus". "Karte vergessen? Das macht nichts", sagt Kohl, "dann stempeln wir das beim nächsten Mal nach". Dann geht es für die Kinder in den Unterricht.

Begleitet Fahrrad fahren: Eine Idee aus Barcelona im hohen Norden

Katharina Kohl ist eine der Organisatorinnen der Initiative, die das "BiciBus"-Konzept nach Bad Segeberg (Kreis Segeberg) an die Franz-Claudius-Grundschule gebracht hat. Die Idee stammt ursprünglich aus Barcelona. "Bici" ist die spanische Kurzform für "Bicicleta", auf Deutsch "Fahrrad".

So funktioniert der "Bici-Bus"

Eine Frau und einige Kinder stehen in Fahrradmontur vor einigen Fahrradständern. © NDR Foto: Stella Kennedy
Co-Initiatorin Katharina Kohl verteilt den mitfahrenden Kindern des "BiciBus" Stempel auf ihre Stempelkarten.

Einmal im Monat, an einem ausgewählten Freitag (nächster Termin 16. Mai), radelt eine Gruppe aus erwachsenen Begleitpersonen eine feste Route bis zur Grundschule. Auf dem Weg dahin können sich Kinder jeglicher Altersgruppen - auch schon Erst- und Zweitklässler - den Radlern anschließen, die dann auf der Straße als Kolonne zur Schule fahren. Mittags werden die Kinder auch zurückbegleitet.

Immer weniger Kinder können sicher Fahrrad fahren

Während im Jahr 1976 in Deutschland noch 92 Prozent aller Erstklässler alleine zur Schule gingen oder radelten, werden heute etwa die Hälfte der Kinder mit dem Auto zur Grundschule gebracht. Dies hat unter anderem zur Folge, dass an manchen Grundschulen rund 40 Prozent der Kinder bei der Fahrradprüfung durchfallen.

Verkehrswacht und Landespolizeiamt besorgt

Elisabeth Pier von der Verkehrswacht kann das bestätigen. "Grundsätzlich können Grundschulkinder heute schlechter Fahrradfahren also noch vor einigen Jahren", sagt Pier. "Die motorischen Fähigkeiten der Kinder insgesamt gehen deutlich zurück". Auch das Landespolizeiamt zeigt sich besorgt: "Fahrradfahren nimmt in der Freizeitgestaltung vieler Familien einen immer geringeren Stellenwert ein, was dazu führt, dass viele Kinder vielleicht noch das Fahrradfahren erlernen, aber durch mangelnde Praxis einfach nicht befähigt werden, ihr Fahrrad auch sicher zu führen".

Im "BiciBus" begleitet Fahrrad fahren und Verkehrsregeln lernen

Das "BiciBus"-Konzept will das ändern. So kann das regelmäßige Radfahren laut Experten die motorischen Fähigkeiten stärken und das Verständnis für Verkehrsregeln schulen. Der "BiciBus" kann einen geschützten Rahmen für die erste eigenständige Fortbewegung ermöglichen - das findet nicht nur die Bad Segeberger Co-Initiatorin Katharina Kohl.

Mehr als 40 Orte mit "Bici-Bus"

Eine Computergrafik illustriert das Prinzip des "Bicibus", Kinder fahren in Verbindung mit Erwachsenen auf der Straße © BICIBUS Deutschland Foto: BICIBUS Deutschland
Gefahren wird beim "BiciBus" so, dass die Erwachsenen die Schülerinnen und Schüler nach außen gegen den (Kfz-)Verkehr abschirmen.

In Deutschland ist das Konzept mittlerweile in mehr als 40 Städten und Gemeinden etabliert und wurde im vergangenen Jahr sogar mit dem ersten Platz beim Deutschen Fahrradpreis in der Kategorie Ehrenamt ausgezeichnet. "Elterntaxis sind eben oft gar keine schnellere und zeitsparende Alternative zum eigenen Radfahren oder zu Fuß Gehen", sagt Katharina Kohl. Oft sei die Entfernung zwischen Wohnort und Grundschule so kurz, dass Kinder sie problemlos zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen könnten.

Für die Fietsbande - so nennt sich die "BiciBus"-Initiative um Katharina Kohl - heißt das: Gefahren wird so, dass die Erwachsenen die Schülerinnen und Schüler nach außen gegen den Verkehr abschirmen. Auch Kinder unter acht Jahren dürfen auf der Straße fahren, Ampeln und Kreuzungen werden als geschlossene Gruppe passiert. Verkehrsrechtlich gilt die Kolonne als ein zusammenhängendes Fahrzeug.

Weiße Warnwesten für die Sichtbarkeit

Drei Kinder stehen mit Fahrradhelm vor einigen Fahrradständern. © NDR Foto: Stella Kennedy
Anouk (10), Hanna (9) und Elin (10) lieben es, zur Schule zu radeln: "Die frische Luft und mit den Freundinnen zu fahren, das macht einfach Spaß".

Was wichtig ist: Der gesetzliche Versicherungsschutz für den Schulweg gilt auch für den "BiciBus". Für optimale Sichtbarkeit und Gemeinschaftsgefühl sorgen ihre weißen Warnwesten: "Fietsbande - Kinder aufs Rad" prangt in bunten Lettern darauf. Aus einer Musikbox am Fahrrad von Katharina schallen motivierende Songs.

Wer morgens mit Rad zur Schule fährt, kann besser lernen

Aber nicht nur Fahrradfahren soll durch die morgendliche Radelroute zur Schule geübt werden. Mehrere Studien belegen, dass Kinder, die den Schulweg zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen, insbesondere in den ersten Unterrichtsstunden wacher, aufmerksamer und konzentrationsfähiger sind als die Schülerinnen und Schüler, die mit dem Auto gebracht werden.

Selbstwirksamkeit der Kinder wird gestärkt

Das gemeinsame Fahren stärke zudem das Gemeinschaftsgefühl, das Selbstbewusstsein und das Gefühl der Selbstwirksamkeit der Kinder und Jugendlichen, sagt "BiciBus"-Begleiterin Katharina Kohl. In Bad Segeberg sieht man das den strahlenden Kindergesichtern an, die nach rund zwanzigminütiger Tour die Franz-Claudius-Grundschule erreicht haben. Mit roten Wangen und leuchtenden Augen wird ein letztes Mal kollektiv geklingelt, bevor die Räder über den Schulhof zu den Fahrradständern geschoben werden. Das mit dem gemeinsamen Klingeln ist übrigens wichtig: Das macht den "BiciBus" im Straßenverkehr nicht nur unübersehbar, sondern auch unüberhörbar.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.04.2025 | 19:30 Uhr

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