Bis zu 2.100 Tonnen: Stahl-Giganten für Windparks aus Nordenham

Stand: 04.04.2025 08:39 Uhr

Die Energiewende ist ein gigantisches Transformationsprojekt, sagen sie bei Steelwind Nordenham. Riesig sind auch die Fundamente, die das Unternehmen in Nordenham (Landkreis Wesermarsch) herstellt.

von Peter Becker

An der Kaimauer, die das Werksgelände von Steelwind Nordenham von der Weser trennt, schaut Steven Büchner-Stelljes in rund 25 ausgeschlafene Gesichter. Der stellvertretende Terminal-Manager geht mit dem Team, das nur aus Männern besteht, die Sicherheitsregeln durch: "Jeder hat das Recht, 'Stopp und Aus' zu rufen, wenn er eine Gefahrensituation feststellt." Ein Kollege wiederholt alle Regeln auf Englisch. Der Selbstschutz des Teams, das überwiegend aus deutschen und polnischen Mitarbeitern besteht, steht an oberster Stelle: Niemand darf unter den sogenannten Monopiles stehen, sobald die riesigen Stahlrohre verladen werden.

Videos
Mehrere Männer geben ein symbolisches Startsignal. © Screenshot
1 Min

Cuxhaven: Hafenausbau soll Windenergie stärken

Die drei neuen Liegeplätze sind Teil des Offshore-Industrie-Zentrums. Die Region erhofft sich bis zu 2.500 neue Arbeitsplätze. 1 Min

Fundamente werden nach Polen transportiert

Projektleiter Dirk Lankenau hat das Load Out, wie das Verladen der Rohre genannt wird, akribisch vorbereitet. Der 59-Jährige hat alle Lasten berechnet, die Mitarbeiter für ihre Aufgaben eingeteilt und viele Dokumente ausgefüllt. Es ist bereits das fünfzehnte Verladen von Fundamenten für den Windpark Baltic Power in der polnischen Ostsee. Beim heutigen Load Out werden drei Stahlrohe auf eine Barge verladen. Das ist der Fachausdruck für den Lastkahn ohne eigenen Antrieb, der von einem anderen Schiff zum Windpark geschleppt wird. Die Monopiles wiegen diesmal zwischen 1.480 bis 1.535 Tonnen und sind zwischen 75 und 78 Metern lang. Die größten Monopiles, die das Unternehmen Steelwind Nordenham im Werk in Nordenham-Blexen bisher hergestellt hat, hatten ein Gewicht von 2.100 Tonnen und waren mehr als 110 Meter lang.

Kräne werden per Fernsteuerung gelenkt

Ein Stahlrohr für den Windpark Baltic Power in Polen wird verladen. © NDR Foto: Peter Becker
Mehr als 70 Stahlrohre produziert Steelwind Energy für den Windpark Baltic Power in der polnischen Ostsee.

Die Stahlgiganten werden mit zwei Stahlkränen angehoben, die noch einmal deutlich größer als die Rohre sind: Die Kräne heben die Monopiles simultan an beiden Enden an und werden von zwei Mitarbeitern per Fernbedienung gesteuert. Es sitzt also niemand in den Kränen, sondern die Mitarbeiter steuern alles mit einem kleinen Bedienpult, das sie sich umgehängt haben - ungefähr so groß wie eine Lenkertasche am Fahrrad. Die Kranfahrer und ein sogenannter Liftvizer, der sie anleitet und den Gesamtüberblick über die Aktion hat, sind die einzigen, die sich den Monopiles nähern dürfen, während diese angehoben werden. Das Verladen auf den Lastkahn geht behutsam vonstatten - Hektik gibt es hier nicht. Nach rund 45 Minuten ist das erste Monopile passgenau auf der Barge abgeladen.

Viele Aufträge kommen aus dem Ausland

So gigantisch die Dimensionen der Windräder und ihrer einzelnen Komponenten sind, so riesig sind auch die Herausforderungen, vor denen die Offshore-Branche steht. Andreas Liessem, einer von zwei Geschäftsführern von Steelwind Nordenham, sagt, die Auftragslage sei gut. Allerdings werde das Unternehmen in den kommenden zwei Jahren keine Monopiles produzieren, die in der deutschen Nordsee installiert werden. Liessem hofft, dass die neue Bundesregierung nicht vom Ausbauziel von 70 Gigawatt an Leistung aus Offshore-Windparks bis zum Jahr 2045 abweicht. Aktuell sind rund 9,2 Gigawatt Offshore-Windenergie vor der deutschen Küste installiert.

Videos
Ein Windpark mit vielen Windrädern im Wasser. © Screenshot
4 Min

Ziel verfehlt: Zu wenig Windenergie in Nord- und Ostsee

Das Ausbauziel von 30 Gigawatt bis 2030 wird nicht erreicht. Zu viele Turbinen aus Cuxhaven gehen ins Ausland oder sind noch nicht am Netz. 4 Min

Neue Jobs sollen entstehen

Steelwind Nordenham will zu seinen 360 Beschäftigten in den kommenden Jahren 140 weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Dafür erwartet der Geschäftsführer aber auch eine Gegenleistung von der Politik: "Firmen, die in die Energiewende investieren, brauchen Planungssicherheit, weil sich diese Investitionen nur über Jahrzehnte rechnen." Allein in Nordenham investiere das Unternehmen innerhalb von fünf Jahren 100 Millionen Euro.

Branchen-Stiftung: Offshore-Ausbauziel wird verfehlt

Auch Karina Würtz von der Denkfabrik Stiftung Offshore Windenergie fordert von der Politik Kontinuität bei der Umsetzung der Energiewende. Würtz hält es allerdings nicht für realistisch, dass das nächstliegende Ausbauziel von 30 Gigawatt Offshore-Windenergie bis zum Jahr 2030 noch erreicht werden kann: Es sei versäumt worden, rechtzeitig schwerlastfähige Seehafenflächen auszubauen und die Kapazitäten in der Produktion auszuweiten. Auch die dafür erforderlichen Finanzierungsmodelle gebe es nicht.

Schuldenpaket vom Bund weckt Hoffnungen

Doch auch, wenn die Ausbauziele zunächst wohl nicht erreicht würden, wäre es aus Sicht von Karina Würtz falsch, wenn eine neue Bundesregierung diese in Frage stellen würde. Die Stiftung Offshore Windenergie hofft vielmehr auf Impulse durch die 100-Milliarden-Euro Sonderschulden, die dem Klimaschutz zugutekommen sollen. Würtz sieht in den 100 Milliarden "ein sehr ermutigendes Zeichen". Teile des Geldes könnten dann auch dazu genutzt werden, die Hafeninfrastruktur auszubauen.

76 Monopiles für Offshore-Windpark in Polen

Zurück nach Nordenham: Nach gut fünf Stunden Arbeit - unterbrochen von einer kurzen Mittagspause - hat das Team von Projektleiter Dirk Lankenau die drei Stahl-Fundamente ohne Zwischenfälle auf den Lastkahn verladen. In den kommenden Wochen folgen weitere Load Outs, bis alle 76 Monopiles von der Weser auf dem Weg zum Windpark Baltic Power sind.

Weitere Informationen
Nicole Betke im Interview. Sie trägt einen Schutzhelm mit Kamera. © Screenshot
3 Min

Offshore: Der erste Einsatz im Windpark

Bislang hat Nicole Betke die Wartung von Windkraftanlagen vom Büro aus betreut. Jetzt arbeitet sie auf einer Anlage vor Borkum. 3 Min

Ein Offshore-Windpark in der Nordsee © picture alliance / imageBROKER/Wolfgang Diederich Foto: imageBROKER/Wolfgang Diederich

Neue Windparks vor Borkum: Betreiber vergeben Großaufträge

Die Offshore-Anlagen sollen 1,7 Millionen Haushalte mit Energie versorgen. Geplanter Baubeginn ist laut Betreiber 2026. mehr

Ein Gründungspfahl (l) wird auf der Baustelle für neue Liegeplätze in den Boden getrieben. © Philipp Schulze/dpa Foto: Philipp Schulze

Cuxhaven: Drei neue Liegeplätze für den Ausbau der Windenergie

Am Donnerstag war Baustart. Der Hafenausbau soll die Energiewende in Deutschland voranbringen. mehr

Luftaufnahme zeigt einen Offshore-Windpark in der Nordsee. © Screenshot

Salzgitter AG liefert Stahl für dänische Offshore-Windtürme

Für 36 Windtürme eines Windparks vor der dänischen Küste kommen 25.000 Tonnen Grobblech von der Salzgitter AG. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 04.04.2025 | 19:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Eine Pferdekutsche ist auf der Insel Juist zu sehen. © NDR

Juist entscheidet sich für die Bimmelbahn - und die Pferdekutsche

Der Gemeinderat hat mit einer Mehrheit für die Bahn gestimmt. Bisher sind Kraftfahrzeuge auf der ostfriesischen Insel verboten. mehr

Aktuelle Videos aus Niedersachsen