Anzeige gegen Tourismusverband schlägt bundesweit Wellen
Solidarität nach Anzeige: Tourismusverbände aus zehn anderen Bundesländern zeigen sich in einem offenen Brief an die Landesregierung besorgt und stellen sich demonstrativ hinter den Partner-Verband in Mecklenburg-Vorpommern.
Die Anzeige des Wirtschaftsministeriums in Schwerin wegen des Verdachts des Fördermittelmissbrauchs hat den Tourismusverband in eine tiefe Krise gestürzt. Weil das Land seine Zahlungen eingestellt hat und offenbar auch Geld zurückfordert, droht dem Verband möglicherweise die Insolvenz. Das Land ist mit jährlich knapp sechs Millionen Euro der nahezu einzige Geldgeber des Verbandes. Die Spitzen der Tourismusverbände aus zehn Bundesländern sind alarmiert über die aktuelle Lage kurz vor dem Saisonstart.
"Hohe Achtung und Wertschätzung"
Man blicke mit großer Sorge auf die Situation, heißt es in dem offenen Brief, der an die Staatskanzlei von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), Wirtschaftsminister Wolfgang Blank (parteilos) und an Verbandspräsidentin und Landtagspräsidentin Birgit Hesse (SPD) adressiert ist. Der Landestourismusverband genieße ein sehr hohes Ansehen und stehe für beachtliche Leistungen - das gelte für den ganzen Verband, seine Gremien, die Mitarbeiter, aber auch für den Geschäftsführer Tobias Woitendorf, der "eine besonders hohe Achtung und Wertschätzung genießt".
Appell an Schwesigs Staatskanzlei
Die Chef-Touristiker appellieren an die Landesregierung, die Tourismusstrukturen im Land weiter "zu gestalten", also nicht zu zerschlagen. Sie schreiben der Politik ins Stammbuch, dass das Reiseland Mecklenburg-Vorpommern sich in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt habe und "gestärkt aus der Corona-Pandemie herausgegangen" sei. Der offene Brief hat den Charakter einer Solidaritätsadresse an den in die Schusslinie geratenen Woitendorf.
Bleibt Woitendorf Geschäftsführer?
Inzwischen mehren sich die Spekulationen über Woitendorfs Verbleib an der Verbandsspitze. Er wird intern für mögliche Buchungsfehler und Abrechnungstricks verantwortlich gemacht. Insbesondere soll es um angeblich unerlaubte Rücklagen beziehungsweise Gewinne bei Projekten gegangen sein, an deren Ende Geld übrig blieb. Die vermeintlichen Fehler sollen bei einer Tiefenprüfung im Januar und Februar aufgefallen sein. Beauftragt waren die Rostocker Wirtschaftsprüfer Hardt & Ketelsen.
Aus der Branche kommt Kritik
Der Staatssekretär Jochen Schulte (SPD) gab wegen "Unstimmigkeiten bei der Abrechnung" die Angelegenheit an die Staatsanwaltschaft Schwerin. Die prüft Unterlagen und hat bisher formal keine Ermittlungen aufgenommen. Dass das Ministerium die harte Gangart mit dem quasi angegliederten Verband einschlägt, hat aber schon vor dem offenen Brief zu Unmut in der Branche geführt. Die Sache hätte intern geklärt werden können, immerhin sei das Ministerium stets in die Fördervorgänge eingebunden gewesen. Der Verband habe mit politisch gewollten Projekten ein ums andere Mal für die Landesregierung die Kohlen aus dem Feuer geholt. Immer wieder ist von einer politisch gesteuerten Kampagne gegen Woitendorf die Rede.
Klärung über Zukunft in der kommenden Woche
Verbandspräsidentin Hesse gibt sich in der Sache wortkarg, man sei mit dem Ministerium und den Prüfern im Gespräch, ließ sie mitteilen. Ähnlich kommuniziert das Wirtschaftsministerium nach außen. Es erklärte zuletzt, man sei mit dem Verband schon seit mehreren Monaten im Austausch darüber, "wie Zuverlässigkeit und Zahlungsfähigkeit gewährleistet sein können". Inzwischen scheint ein harter Schnitt möglich. Der Verband wird in eine Art Landesgesellschaft mit einer neuen Führung umgewandelt. Hesse müsste dann ihren prestigeträchtigen Verbandsvorsitz aufgeben, Woitendorf würde als Geschäftsführer verabschiedet. Geklärt werden soll all das nach NDR Informationen in der kommenden Woche.
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