Eine Backsteinfassade mit Logo und Schriftzug der Agentur für Arbeit spiegelt sich in einer Glasfront. © Hauke-Christian Dittrich/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Eine Backsteinfassade mit Logo und Schriftzug der Agentur für Arbeit spiegelt sich in einer Glasfront. © Hauke-Christian Dittrich/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
Eine Backsteinfassade mit Logo und Schriftzug der Agentur für Arbeit spiegelt sich in einer Glasfront. © Hauke-Christian Dittrich/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
AUDIO: Wirtschaft: Konjunkturschwäche hinterlässt Spuren im Arbeitsmarkt (4 Min)

Trübe Lage auf dem Arbeitsmarkt: Bald drei Millionen Arbeitslose?

Stand: 28.02.2025 11:09 Uhr

Schwache Konjunktur, Stellenabbau, weniger Einstellungen: Der Arbeitsmarkt steht vor großen Herausforderungen. Auch für dieses Jahr erwarten Experten eine noch weiter steigende Arbeitslosigkeit.

Entgegen ersten Erwartungen ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland laut Bundesagentur für Arbeit (BA) im Februar doch knapp unterhalb der Grenze von drei Millionen geblieben. Dennoch sind im Moment etwa 175.000 Menschen mehr arbeitslos als vor einem Jahr. NDR Info Wirtschaftsredakteur Markus Plettendorff erläutert, wie sich der Arbeitsmarkt künftig weiter entwickeln könnte.

Schon im Januar war die Arbeitslosigkeit auf mehr als 2,9 Millionen gestiegen. Wie ist dieser Anstieg zu erklären?

Markus Plettendorff: Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit zum Jahresanfang ist ganz normal. Da ist das Weihnachtsgeschäft vorbei und die Außenberufe sind noch nicht wieder voll aktiv. Aussagekräftiger ist der Blick in die sogenannten saisonbereinigten Zahlen: Und da hat sich im Januar die Zahl der Arbeitslosen um 11.000 erhöht. Und auch im Februar sehen wir einen Anstieg um 5.000 - obwohl die absolute Zahl gesunken ist. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor waren die absoluten Zahlen im Januar zwar auch deutlich angestiegen, saisonbereinigt waren da dann aber 2.000 Menschen weniger arbeitslos als im Vormonat.

Das heißt, wir sehen hier jetzt die Auswirkungen der schwachen Konjunktur auf den Arbeitsmarkt?

Ein Porträtbild des Journalisten Markus Plettendorff © NDR Foto: Christian Spielmann
Wirtschaftsexperte Markus Plettendorff: "Es gibt Branchen, die nach wie vor einstellen."

Plettendorff: Exakt. In der Vergangenheit haben die Unternehmen versucht, ihre Fachkräfte zu halten, weil man davon ausging, dass die Konjunktur auch wieder anzieht. Diese Hoffnung scheint verschwunden zu sein oder zumindest gedämpft. Es wird nicht nur weniger eingestellt, sondern eben auch entlassen. Laut Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung IAB blicken die Arbeitsagenturen pessimistisch auf das Jahr und erwarten eine noch weiter steigende Arbeitslosigkeit.

Nun hört und liest man immer wieder vom Fachkräftemangel, dass Zuwanderung nötig sei. Gleichzeitig werden mehr Menschen arbeitslos. Wie passt das zusammen?

Plettendorff: Das klingt paradox und ist es auch ein bisschen, aber wir haben in den vergangenen Jahren einen ungeheuren Beschäftigungszuwachs gehabt und damit ging auch ein großer Fachkräftemangel einher. Die schwache Konjunktur hat das Ganze jetzt zwar gebremst und gedämpft, aber der Fachkräftemangel ist dadurch nicht weg. Zudem muss man sich die Branchen etwas genauer angucken. Auf dem Bau, im Handel und vor allem in der Industrie werden Stellen abgebaut. Man spricht von 10.000 Jobs im Monat, die in der Industrie verloren gehen. Auf der anderen Seite aber gibt es Branchen, die nach wie vor einstellen und Leute suchen: in der Pflege, der Gesundheit oder auch im Energiesektor.

Jetzt hoffen ja alle auf eine europäische und deutsche Weichenstellung, damit die Konjunktur wieder anspringt. Sinken dann auch umgehend die Arbeitslosenzahlen wieder und der Fachkräftemangel wird wieder stärker?

Plettendorff: Der Arbeitsmarkt wird gerne als sogenannter nachlaufender Faktor bezeichnet. Das heißt, er reagiert auf Konjunkturschwankungen mit Verzögerung. Allerdings bringen die kommenden Jahre besondere Herausforderungen, weil die Babyboomer in Rente gehen. Geschätzt verliert der Arbeitsmarkt in den kommenden 15 Jahren sieben Millionen Arbeitskräfte. Das dürfte den Fachkräftemangel so oder so deutlich verschärfen. Darum fordern Experten auch, Menschen jetzt nicht in die Arbeitslosigkeit zu schicken oder gar in die Frührente, sondern fortzubilden und umzuschulen, damit diese dem Arbeitsmarkt nicht verloren gehen.

Die sogenannte Generation Z kann diesen Verlust an Arbeitskräften in den kommenden Jahren nicht ausgleichen. Darum sagt man ja auch: Der Markt hätte sich gedreht - von einem Arbeitgebermarkt zu einem Arbeitnehmermarkt. Sprich: die Jüngeren können sich die Jobs aussuchen und weitreichende Forderungen stellen. Stimmt das noch?

Plettendorff: Aktuell nur noch eingeschränkt. Das hat damit zu tun, dass die Firmen mit Neueinstellungen sehr zurückhaltend sind. Im Januar zählte die Bundesagentur für Arbeit weniger als 100.000 neu ausgeschriebene Stellen. So niedrig war die Zahl in einem Januar seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr. Dazu kommt, dass die Unternehmen zurückhaltender werden bei Extra-Wünschen wie Homeoffice oder überdurchschnittlichem Gehalt. Und als letzter Punkt ist davon auszugehen, dass die Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt abnehmen wird, weil sich die Menschen angesichts steigender Arbeitslosenzahlen stärker an ihre Jobs klammern - selbst, wenn sie unzufrieden sind.

Wenn nun aber mehr Menschen arbeitslos werden: Wie steht es um die Finanzierung von Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld?

Plettendorff: Im Moment scheint die Rechnung noch aufzugehen. Für das vergangene Jahr hatte die BA mit Einnahmen von rund 45 und Ausgaben von rund 44 Milliarden Euro gerechnet. Ob das so gekommen ist, werden wir voraussichtlich in ein paar Wochen erfahren. Das Problem: Die Rücklagen der BA sind in der Corona-Krise weitestgehend aufgebraucht worden und müssen eigentlich wieder aufgebaut werden. Ob das mit so geringen Überschüssen zeitnah gelingt, darf man bezweifeln. Eine Erhöhung des Beitragssatzes der Arbeitslosenversicherung wird man vor allem der Arbeitgeberseite aktuell nicht zumuten wollen. Denn die 2,6 Prozent des Arbeitsentgelts teilen sich ja Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, sowie die Firmen. Zur Erinnerung: Der Beitragssatz hat auch schon einmal 6,5 Prozent betragen.

Weitere Informationen
Hinter Abrissmarken warten im Arbeitsamt Menschen auf ihren Aufruf. © dpa picture-alliance/ dpa/dpaweb Foto: Uwe Zucchi

Arbeitslosigkeit im Norden steigt: Immer weniger offene Stellen

Die wirtschaftliche Flaute trifft alle norddeutschen Bundesländer - es gibt deutlich mehr Arbeitslose. Offene Stellen werden vor allem im Pflegesektor angeboten. mehr

Ein Auszubildener steht an einer Bohrmaschine. © NDR

Mehr Stellen als Bewerber: So sieht der Ausbildungsmarkt 2025 aus

In Schleswig-Holstein gibt es deutlich mehr Ausbildungsstellen als Bewerberinnen und Bewerber. Mehr als 12.000 Stellen sind laut Agentur für Arbeit frei. mehr

Themenbild Arbeitsmarkt © dpa

FAQ: Erklärungen zu Arbeitsmarkt-Begriffen

Monatlich veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit Zahlen zur Beschäftigungssituation auch im Norden. Hier erklären wir die wichtigsten Begriffe, die darin auftauchen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 28.02.2025 | 07:41 Uhr

Ein Smartphone mit einem eingeblendeten NDR Screenshot (Montage) © Colourbox Foto: Blackzheep

NDR Info auf WhatsApp - wie abonniere ich die norddeutschen News?

Informieren Sie sich auf dem WhatsApp-Kanal von NDR Info über die wichtigsten Nachrichten und Dokus aus Norddeutschland. mehr

Eine Frau hält ein Smarthphone in die Kamera, auf dem Display steht "#NDRfragt" © PantherMedia Foto: Yuri Arcurs

#NDRfragt - das Meinungsbarometer für den Norden

Wir wollen wissen, was die Menschen in Norddeutschland bewegt. Registrieren Sie sich jetzt für das Dialog- und Umfrageportal des NDR! mehr

Mehr Nachrichten

Der Angeklagte sitzt neben seiner Verteidigerin Daniela Post in einem Gerichtssaal im Landgericht Verden und wird von Medienvertretern gefilmt. © Hauke-Christian Dittrich/dpa Foto: Hauke-Christian Dittrich

Dreifachmord von Rotenburg: Soldat zu lebenslanger Haft verurteilt

Der 33-jährige Angeklagte hatte vor Gericht gestanden, gezielt Menschen aus dem Umfeld seiner Ex-Frau erschossen zu haben. mehr