"Rosenthal hat vor 1978 wenig von seiner Vergangenheit erzählt"
Heute wäre der legendäre Showmaster Hans Rosenthal 100 Jahre alt geworden. Regisseur Oliver Haffner hat den Film "Rosenthal" über den jüdischen "Dalli Dalli"-Moderator gemacht. Im Gespräch erzählt er, wie er sich dieser Figur genähert hat.
Der Film "Rosenthal" ist bereits in der ZDF Mediathek abrufbar. Florian Lukas spielt den Talkmaster in der Hauptrolle. Der 90-Minüter vermittelt Einblicke in den Zeitgeist und das Fernseh-Geschäft der 70er-Jahre mit Flashbacks in Rosenthals Vergangenheit. Außerdem läuft der Film am Montag, 7. April 2025 ab 20.15 Uhr, darauf folgt ab 21.45 Uhr eine Dokumentation über den Showmaster.
Herr Haffner, wie schwierig ist es für Sie gewesen, einen Film über einen Mann zu machen, den so viele Menschen in Deutschland gut zu kennen glauben, weil er jahrelang wie von selbst in ihr Wohnzimmer geflimmert ist?
Oliver Haffner: Ich habe ihn auch als Kind vom Sofa aus geliebt und bestaunt und war großer Hans-Rosenthal-Fan. Das ist immer eine besondere Herausforderung, wenn man die Geschichte einer realen Person verfilmt. Für mich ist es dann wichtig, die Aspekte einer Figur zu erzählen, die in der Öffentlichkeit vielleicht nicht so bekannt sind. Daher haben wir in der Vorrecherche den Kontakt zu den Kindern von Hans Rosenthal gesucht und sehr viel darüber gesprochen, wie die Atmosphäre in der Familie war, der Umgang miteinander. Für einen fiktionalen Film sind das die interessanten Aspekte, die zu der öffentlichen Person Hans Rosenthal hinzukommen.
Waren die denn sehr offen? Denn Hans Rosenthal - das wird auch im Film deutlich - hat sein Innerstes vor den Menschen gerne verborgen.
Haffner: Ja, mit Gert Rosenthal und Birgit Hofmann, den Kindern, haben wir ein tolles Verhältnis gehabt. Sie waren sehr auskunftsfreudig. Sie haben auch sehr schnell verstanden, dass das ein Projekt ist, das ihrem Vater gerecht wird. Sie haben uns sehr viel erzählt, waren sehr offen, haben sich auch mit den Schauspielern getroffen und haben uns da sehr unterstützt. Natürlich haben wir ihnen auch das Drehbuch vorgelegt. Aber sie haben auch berichtet, dass Hans Rosenthal selbst zum Beispiel über die Ereignisse vom 9. November 1978 gar nichts zu Hause erzählt hat.
Auch seine Vergangenheit in Nazi-Deutschland und das Schicksal seiner Familie, die Ermordung seines Bruders, wurden zu Hause nicht besprochen beziehungsweise nur einzelne kleine Geschichten. Sowohl Gert Rosenthal als auch Birgit Hofmann haben gesagt, dass sie vieles aus dem Leben ihres Vaters erst aus seiner Autobiografie "Zwei Leben in Deutschland" erfahren haben, die im Jahr 1980 herauskam.
Das ist ja genau das Thema dieses Films: Rosenthal, der mit seiner 75. Jubiläumssendung von "Dalli-Dalli" hadert, weil sie am 9. November 1978, am 40. Jahrestag der Reichspogromnacht, im ZDF laufen soll. Was sagt all das über die damalige Medienlandschaft, über die Erinnerungskultur einerseits und andererseits über Rosenthal, den jüdischen Fernsehstar aus?
Haffner: Über die Medienlandschaft spiegelt sich die gesamtgesellschaftliche Verfasstheit wider: eine Zeit Ende der 70er-Jahre, wo es darum ging, nach vorn zu schauen. Irgendwie war das Erinnern eine eher lästige Angelegenheit und eine, die man vielleicht nicht negiert hat, aber die unangenehm war. Ich hoffe, das kommt auch in dem Film so herüber. Es ist ja nicht so, dass die ZDF-Verantwortlichen Herrn Rosenthal bewusst haben demütigen wollen, sondern es war ihnen unangenehm, und man saß es irgendwie aus. Aber damit ist natürlich niemandem gedient.
Hans Rosenthal hat vor 1978 sehr wenig in der Öffentlichkeit über seine Vergangenheit erzählt, obwohl er in der jüdischen Gemeinde in Berlin sehr aktiv war. Er hat das nicht versteckt, aber er hat sich nicht in der Öffentlichkeit als jüdischer Deutscher zu erkennen gegeben. Das liegt vielleicht zum einen daran, dass er gesagt hat, dass er weder einen Vorteil noch einen Nachteil durch so eine Zuordnung in der Öffentlichkeit haben möchte. Auf der anderen Seite glaube ich aber auch, dass er diese Überzeugung hatte, dass er durch Freundlichkeit, Stil, Menschlichkeit und Zugewandtheit diese Vergangenheit, diese Verfasstheit, diese Verrücktheit in der deutschen Gesellschaft überwinden könne.
Glauben Sie, Rosenthal wäre ein so erfolgreicher und beliebter Fernsehstar geworden, wenn er von vornherein seine Zugehörigkeit zum Judentum viel mehr nach vorne gestellt hätte?
Haffner: Das ist natürlich eine spekulative Frage. Aber man sieht es in den späteren Sendungen in 1980er-Jahren, als Hans Rosenthal seine politische Haltung, die er immer hatte, mehr in die Öffentlichkeit getragen hat. Er hat zum Beispiel gegen ein SS-Veteranen-Treffen in Bad Hersfeld in der "Dalli-Dalli" Sendung Stellung bezogen und den Bürgermeister aufgefordert, dieses Treffen zu verhindern. Wenn wir uns die Anrufe zu den Sendungen anschauen, die alle dokumentiert sind, sehen wir, dass die Anzahl der antisemitischen Anrufe extrem in die Höhe gestiegen ist. Es gab immer antisemitische Anrufe, Kommentare und Leserbriefe, aber die waren gering, als Hans Rosenthal weniger politisch war. Und nach solchen Auftritten, wie als er damals über Bad Hersfeld gesprochen hat, waren es zwei Drittel antisemitische Anrufe.
Das Gespräch wurde geführt von Keno Bergholz.
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