Pädophiler Vater: Wie er seine Neigung unter Kontrolle bekommt

Stand: 04.03.2025 05:00 Uhr

Die Präventionsmaßnahme "Kein Täter werden" therapiert Menschen mit pädophilen Neigungen seit 15 Jahren. Ein Familienvater aus Schleswig-Holstein hat sich behandeln lassen und ist so kein Täter geworden.

von Moritz Kodlin

Pascal Schumann steht mitten im Leben. Er hat Familie, arbeitet und lebt gemeinsam mit seiner Frau in Schleswig-Holstein. "Ich finde meine Frau natürlich sehr attraktiv", erklärt Pascal Schumann. Eigentlich heißt er anders. Wir haben ihm einen anderen Namen gegeben, damit er nicht erkannt wird. Der Grund: Er hat einen "schwarzen Fleck", wie Pascal seine pädophile Neigung nennt. Genauer gesagt hat Pascal eine nicht-exklusive Hebephilie. Das bedeutet, dass er sowohl auf Frauen als auch auf Mädchen im vorpubertären Alter steht.

Partnerin: "Entweder Therapie oder es ist vorbei"

Den ersten Kontakt hatte Pascal Schumann in seiner Jugend im gerade neu aufgekommenen Internet, erzählt er. Dort habe er Abbildungen von Mädchen geschickt bekommen und sei so auf den Geschmack gekommen. Seitdem hat er nach eigenen Angaben immer wieder Bilder mit Kindern im entsprechenden Alter konsumiert, bis ihn Ende 2023 seine Frau zur Therapie gedrängt hatte: "Entweder du machst das oder es ist vorbei mit uns", soll seine Frau damals zu ihm gesagt haben.

Der Grund: Eine Freundin eines Kindes hatte bei der Familie übernachtet. "Ich habe ein Kleidungsstück aus ihrem Rucksack entnommen und mich darauf befriedigt", erklärt Pascal merklich pikiert. Er habe dann das Kleidungsstück versteckt. Seine Frau habe es dann gefunden und ihn zur Rede gestellt. Pascal selbst ist Vater von mehreren Kindern. Dass er an ihnen seine Neigung auslebt, schließt er klar aus. Er hofft aber, dass ihm so etwas wie mit dem Kleidungsstück nie wieder passiert - auch wenn ein anderes Kind älter wird und Freundinnen mit nach Hause bringt, erzählt Pascal.

Das Ziel ist Opferschutz

Die Therapeutin Nora Hoffmann im Gespräch. © NDR Foto: Moritz Koldin
Nora Hoffmann im therapeutischen Gespräch mit Pascal. Insgesamt betreut Hoffmann derzeit 17 Männer mit pädophiler Neigung.

Seit diesem Vorfall ist er Teil des Präventionsnetzwerks "Kein Täter werden". Dort sollen Menschen mit entsprechender Neigung therapeutisch behandelt werden, damit Kinder oder Jugendliche nicht Opfer von sexueller Gewalt werden. Unterstützt wird dieses Projekt unter anderem vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und dem Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIB). Mit Psychologin Nora Hoffmann hat sich Pascal Schumann seit Ende 2023 etwa einmal die Woche getroffen, um "eine große Last von der Seele sprechen zu können", sagt Schumann. Das sei sehr hilfreich gewesen. Auch Psychologin Hoffmann sagt, dass ihm die Therapie geholfen habe, über diese Neigung zu sprechen.

Pascal: "Ich schaffe das"

Konkret ist das Ziel laut Hoffmann, dass kein Übergriff stattfindet. "Dafür hat der Patient gelernt, eine Verhaltenskontrolle aufzubauen und zu verstärken", sagt Hoffmann. Es gehe darum, Risikofaktoren zu minimieren und Schutzfaktoren aufzubauen. So hilft ihm zum Beispiel Sport, um sich selbst unter Kontrolle zu haben. Außerdem hat Pascal mit Hilfe seiner Therapeutin einen Satz entwickelt, um sich selbst zu kontrollieren. "Ich schaff` das - kurz und knapp. Das hilft gut", sagt Pascal.

Häufig sei es aber auch schon nur entlastend für die Patienten, einen Raum zu haben, wo über ihre Neigung gesprochen werden könne, erklärt Hoffmann. "Eine Neigung zu haben, die man niemals ausleben kann und die unterdrückt wird, ist für die Patienten sehr belastend", so die Psychologin.

Neigung wissenschaftlich nicht erklärbar

Der Leiter des Projektes "Kein Täter werden" Prof. Dr. Huchzermeier am Schreibstisch. © NDR Foto: Moritz Koldin
Prof. Dr. Huchzermeier leitet in Schleswig-Holstein das Projekt. Seit 15 Jahren gab es insgesamt 1.000 Kontaktaufnahmen. Häufig trauen sich die Männer dann nicht zu einem Erstgespräch.

Das bestätigt auch Prof. Dr. Christian Huchzermeier, der Leiter des Präventionsnetzwerks in Schleswig-Holstein, und sagt, dass man auch das persönliche Leid der betroffenen Männer verstärke. "Viele mit dieser Neigung verurteilen sich selbst, entwickeln vielleicht Depressionen, Suchtverläufe und oder werden sogar suizidal", erklärt Huchzermeier. Dadurch ginge es zum einen um Opferschutz, aber auch um das Leid der Männer, die sich die Neigung nicht selbst ausgesucht haben.

Warum in den allermeisten Fällen Männer diese Neigung entwickeln, ist wissenschaftlich nicht erklärbar. Unklar ist bislang auch, wie diese Neigung entsteht. Die Veranlagung könne auch nicht willentlich verändert werden, sagt Huchzermeier. "Es ist eine natürlich angelegte Veranlagung, wie Hetero-, Bi- oder Homosexualität."

Pascal selbst tut sich schwer damit, sein spezielles Interesse an Mädchen zu erklären. "Für Außenstehende ist es nicht zu verstehen", sagt Pascal über seine Neigung. Die Fantasien über Mädchen hätten aber im Laufe der Therapie abgenommen. Es gebe sie aber immer noch. Allerdings phantasiere er jetzt häufiger über Frauen.

Huchzermeier: Eigentlich eine positive Bilanz

Seit 15 Jahren gibt es in Schleswig-Holstein das Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden". Der Standort in Kiel gehört dabei zu den Gründungsmitgliedern des Netzwerks. Seit 2009 sind nach Angaben des Netzwerks 309 Menschen zu einem Erstgespräch gekommen. Davon sind 93 Behandlungen erfolgreich abgeschlossen worden. Das klinge erst mal wenig. "Man muss sich aber klar machen, dass so viel Leid verhindert wird und potentielle Opfer geschützt werden", sagt Huchzermeier.

Außerdem würden viele Männer nicht in der Therapie landen. Das habe unterschiedliche Gründe. "Es kann sich herausstellen, dass der Bedarf an einer Therapie nicht besteht oder es kann sich herausstellen, dass schon ein Strafverfahren läuft", so der Psychologe. Denn wenn bereits ein offizielles Strafverfahren gegen einen Mann läuft, nimmt das Projekt die Person nicht auf.

Neigung weiterhin unter Kontrolle

Pascal Schumann hat seine Therapie hinter sich. Er kommt jetzt seltener zu Nachsorge-Terminen. In etwa drei Jahren, zum voraussichtlich letzten Nachsorge-Termin, hofft er Nora Hoffmann sagen zu können, dass er die Neigung unter Kontrolle hat und ein weiterhin glücklicher Familienvater ist. Übrigens: Seine Frau und er sind immer noch ein Paar.

Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP) "Kein Täter werden"
Tel.: (0431) 500 98 609 oder praevention@uksh.de
https://kein-taeter-werden.de/

Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch
(bundesweit, kostenfrei und anonym)
Tel.: (0800) 22 55 530
https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/

Verein Wendepunkt
Tel.: (04121) 47 57 30
https://www.wendepunkt-ev.de/

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 04.03.2025 | 19:30 Uhr

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