Vor der Bürgerschaftswahl: Unterwegs in Neuallermöhe
Am Sonntag findet in Hamburg die Bürgerschaftswahl statt. In der Hansestadt ist die Wahlbeteiligung im Trend der letzten 20 Jahre rückläufig, lag zuletzt bei 63 Prozent. Besonders wenig Menschen gaben das letzte Mal im Hamburger Osten in Neuallermöhe ihre Stimme ab. Zwei Frauen werben in dem Stadtteil für mehr Wahlbeteiligung.
Dichter Frühnebel hängt über dem kleinen Marktplatz in Neuallermöhe, das zum Bezirk Bergedorf gehört. Dick eingepackt und fröhlich lächelnd sind Cornelia Springer-Fouad und Hanna Gellrich mit einem Einkaufstrolley vorgefahren. "Wir packen gerade die Flyer aus, die darüber informieren: Du hast die Wahl, dass man wählen geht, und warum wählen so wichtig ist. Und das wollen wir jetzt hier unter die Leute bringen und hoffen, viele Nichtwähler*innen noch motivieren zu können", erläutert Gellrich.
Netzwerk "Bergedorf für Demokratie"
Dafür haben die beiden vor einem Jahr das Netzwerk "Bergedorf für Demokratie" ins Leben gerufen. Auslöser waren die Recherchen von "Correctiv" über Pläne von Rechtsextremen, Millionen von Eingewanderten aus Deutschland ausweisen zu wollen. Springer-Fouad erzählt: "Und weil wir gesehen haben, dass es eine Lücke gibt auf diesem demokratischen Markt, wo man sich zwar positionieren kann, aber eigentlich auch immer direkt in eine Gruppe reingesteckt wird. Wir wollten eine Plattform bieten, die ganz offen ist."
Wofür steht welche Partei?
Viele Menschen hätten die Orientierung verloren, wüssten nicht, wofür welche Partei stehe, ist den Frauen bei ihrem Engagement aufgefallen. Mit dem Flyer in der Hand gehen sie auf die Menschen zu. Eine Mutter und ein junger Mann sind noch unentschlossen bei den Parteien. Die Frau berichtet: "Also wählen auf jeden Fall, nur noch nicht ganz so stimmig, wie, wo, was. Man möchte sich ja noch ein bisschen mehr informieren, bevor man nachher eine Entscheidung trifft, die man vielleicht doch nicht so gut findet." Der Mann sagt: "Also wählen tue ich, aber was ich wähle, weiß ich noch nicht ganz genau."
Vor fünf Jahren nur 44 Prozent Wahlbeteiligung
Bei der Bürgerschaftswahl 2020 lag die Wahlbeteiligung in Neuallermöhe bei mageren 44 Prozent. Gellrich trifft auf einen Mann, der sich als Nichtwähler zu erkennen gibt. Jeder Versuch mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen, ist vergeblich. Er verschwindet sofort in der Sparkasse, auch später will er nichts sagen.
Dass die Wahlbeteiligung in dem Stadtteil beim letzten Mal zu den niedrigsten in Hamburg gehörte, kann sich ein anderer Mann nicht erklären. Damit verschenke man doch seine Stimme, findet er. "Also ich war wählen. Alle in meinem Umfeld sind wählen gegangen. Die, die nicht wählen gegangen sind, interessieren sich wahrscheinlich dann nicht für die Politik."
"Ich wähle einfach nicht und Punkt"
Springer-Fouad und Gellrich treffen auf eine Frau, die nach eigener Aussage nicht wählen gehen wird. Auf die Rückfrage, ob sie nicht wählen gehe, weil sie enttäuscht sei, antwortet sie: "Ja, weil ich einfach kein Interesse daran habe. Ich wähle einfach nicht und Punkt." Ende der Diskussion. Wirklich reden will an diesem Morgen offensichtlich keiner.
Eine S-Bahnstation weiter, weitere Versuche in einer in die Jahre gekommenen Einkaufspassage. Ein Mann sagt: "Egal welche Partei man wählt, dann machen sie, was sie wollen. Das System spielt immer gleich." Die Frauen fragen zurück: "Und finden Sie nicht, dass manche Parteien demokratischer sind als andere? Und wäre es dann nicht wichtig, gerade diese Parteien zu unterstützen?" Der Mann antwortet: "Ja, könnte man machen, aber ich habe kein Interesse." Auf eine weitere Diskussion will er sich nicht einlassen. Es kommen noch einige weitere Nichtwählerinnen und Nichtwähler vorbei. Reden will keiner.
Resignation und Ohnmacht zu spüren
Die Frauen vom Netzwerk "Bergedorf für Demokratie" haben nach zwei Stunden in der Kälte rote Nasen, kalte Füße und kein Lachen mehr im Gesicht. "Ich finde es ziemlich frustrierend, weil die Menschen einfach überhaupt keine Lust haben, mit uns über Demokratie und Politik zu sprechen", so Springer-Fouad. Gellrich ergänzt: "Und Resignation nehme ich auch wahr. Die machen doch eh was sie wollen, egal wen ich wähle oder egal, was passiert. Also die Ohnmacht wieder."
Bereitschaft zur Stimmabgabe trotzdem gestiegen?
Was die beiden aber auch gemerkt haben: Viel mehr Menschen als früher wollen offenbar auf jeden Fall ihre Stimme abgeben. Bei den Bürgerschaftswahl 2020 war in Neuallermöhe die SPD mit über 40 Prozent die stärkste Kraft, gefolgt von den Grünen, die AfD erzielte mit mehr als 11 Prozent eines ihrer besten Ergebnisse in Hamburg.
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