Drohnen über Norddeutschland: Kritische Infrastruktur im Visier?

Stand: 26.02.2025 17:51 Uhr

Nicht nur über Bundeswehr-Arealen haben die Sichtungen zugenommen, auch über Industrieanlagen. Oft gehen Ermittler von Spionage aus. Behörden reagieren mit neuen Stellen zur Drohnenabwehr.

von Dörte Petsch und Lennart Richter

Die Drohnen kamen nachts in der Dunkelheit. Im Verlauf des Januars überfliegen sechs von ihnen an verschiedenen Tagen den Luftwaffenstützpunkt in Schwesing, Schleswig-Holstein. Eigentlich ein Hochsicherheitsbereich, umzäunt und streng bewacht.

Bildschirm einer Drohnen-Fernbedienung. © Screenshot
Der Bildschirm der Fernbedienung von Torben Clausens Drohne.

Für Torben Clausen bleibt seitdem "ein komisches Gefühl". Sein ganzes Leben hat der 51-Jährige in Schwesing verbracht. Er ist einer der wenigen, der die Drohnen sogar gesehen hat. Zufällig sind sie ihm aufgefallen, weil er das rote Blinken ihrer Positionsleuchten kennt. Clausen ist der Drohnenspezialist bei der örtlichen Feuerwehr. Mit seiner eigenen Drohne demonstriert er, was man in der Dunkelheit dank Wärmebildkamera sehen kann: Windräder am Horizont etwa, fahrende Autos und sogar Mäuse auf einem Feld.

Am Rand des Dorfes Schwesing werden seit Januar ukrainische Soldaten am Raketen-Abwehrsystem Patriot ausgebildet. Sollten sie ausspioniert werden? Die Staatsanwaltschaft Flensburg ermittelt - bisher ist unklar, woher die Drohnen kamen und wer sie steuerte.

Drohnen abschießen? So einfach ist es nicht

Frank Martin © Screenshot
Rechnet nicht damit, dass unerlaubte Drohnenüberflüge wieder abnehmen: Frank Martin vom Bundeswehr-Landeskommando Schleswig-Holstein.

In der Theodor-Steltzer-Kaserne in Kiel erzählt Frank Martin vom Landeskommando Schleswig-Holstein, dass überall dort, wo ukrainische Soldaten in Deutschland ausgebildet werden, Drohnenüberflüge zugenommen haben. "Grundsätzlich nehmen wir jetzt auch an, dass das erst mal so nicht aufhören wird. Das heißt, es ist immer Bestandteil der Betrachtung", sagt er.

Doch auch beim Luftwaffenstützpunkt in Schwesing konnte die Bundeswehr die Drohnen offenbar nicht am Weiterfliegen hindern. Warum wurden sie nicht einfach abgeschossen? Das sei so einfach nicht, sagt Martin. Man müsse "erstmal zu 100 Prozent sicher sein, dass Sie die Drohne treffen." Außerdem sei die Gefahr zu groß, Unbeteiligte zu treffen.

Eine andere Möglichkeit, um Drohnen aufzuhalten, sind Störsender. Sie werden von der Bundeswehr genutzt, um in den Frequenzbereich der Drohne einzudringen und sie so zu stoppen. Doch die Drohnen können zum Beispiel auf andere Frequenzen umschalten und sind so nicht zu stören.

Bundeswehr-Uni entwickelt Abfangdrohne

Ralf Heynicke neben einer Abfangdrohne der Universität der Bundeswehr Hamburg © Screenshot
Ralf Heynicke erklärt seine Abfangdrohne: Sie verschießt ein Netz und fängt die gegnerische Drohne so ein.

Ralf Heynicke und sein Team an der Bundeswehr Universität in Hamburg haben eine Drohne entwickelt, die fremde Flugobjekte einfach abfangen soll. "Das Ziel ist, dass man überhaupt mal etwas in der Hand hat, um eine Drohne, daran zu hindern weiterzufliegen", sagt Heynicke. Entdeckt die Abfangdrohne nun eine eindringende Drohne, wirft sie ein Netz und fängt diese ein. "Und die Chancen, dass man da trifft, sind relativ hoch", so Heynicke. Ist die fremde Drohne zu groß zum Fangen, versperrt ihr die Abwehrdrohne mit dem Netz den Flugweg. Gleichzeitig sagt Heynicke aber auch, dass Eindringen immer leichter sei als das Abwehren.

Wie gut sind die technischen Abwehrmöglichkeiten gegen Spionagedrohnen? Manuel Atug von der AG Kritis (Kritische Infrastruktur) berät Unternehmen der kritischen Infrastruktur in Schutzfragen. Grundsätzlich sei man hierzulande technisch in der Lage, Drohnen abzuwehren, sagt er. Trotzdem sei eine Abwehr "unrealistisch", denn "in der Realität ist es so, dass Überflüge sehr schnell stattfinden, in einem sehr kurzen Zeitraum und man dann an sehr vielen Stellen in Deutschland geeignete Gegenmittel haben müsste. Und auch die ausgebildeten Leute, die dann griffbereit sind", sagt Atug. Hoffnung setzt er in das KRITIS-Dachgesetz - es würde Betreiber kritischer Infrastruktur verpflichten, selbst Maßnahmen zu ergreifen.

Drohnen überfliegen auch kritische Infrastruktur

Denn Drohnen fliegen nicht nur unerlaubt über militärisches Gelände, sondern auch über Anlagen der kritischen Infrastruktur. Das niedersächsische Innenministerium registrierte allein im vergangenen Jahr 131 Drohnenflüge über Militärstandorten, kritischer Infrastruktur, Justiz- und Industrieanlagen. Alle anderen norddeutschen Bundesländer haben auf Anfrage keine Zahlen für das Jahr 2024 angegeben.

Zu den 131 registrierten Überflügen in Niedersachsen gehörten auch einige über die Chemieparks in Stade und Brunsbüttel und über das dortige stillgelegte Atomkraftwerk. Ingo Neuhaus, der zuständige technische Geschäftsführer, sagt, bei den Überflügen gehe es um mehr als nur mögliche Spionage. Denn bei dem AKW gebe es nichts auszuspionieren, was nicht ohnehin schon bekannt sei. "Das ist eine Anlage mit einer sensiblen Technologie, da gibt es Anflugbeschränkungen", erklärt er. "Ich darf da nicht mit einer Drohne drüber fliegen. Ich zeige aber, dass ich es kann. Und das ist sehr wahrscheinlich ein psychologischer Effekt, der dahintersteckt."

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Stellen für Drohnenabwehr

Drohnenüberflüge über kritische Infrastruktur als Drohszenario? In Schleswig-Holstein stellt das Innenministerium jetzt insgesamt 5,5 Millionen Euro zur Bekämpfung von Spionage und Sabotage und zur Stärkung der Drohnenabwehr in den Haushalt ein. Zehn neue Stellen für die Landespolizei und den Verfassungsschutz sollen geschaffen werden. Damit soll auch die Polizei gefördert werden, denn sie ist zuständig, solange die Drohnen nicht über Militärgelände fliegen.

Die Bundeswehr erneuere ständig ihre Technik, sagt Martin vom Landeskommando Schleswig-Holstein. Drohnensichtungen und Auswertung habe man auch in die Ausbildung aufgenommen. "Weil alle eben wissen, dass wir die Bedrohung nicht mehr loswerden, das wird Bestandteil unseres täglichen Lebens sein."

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Panorama 3 | 25.02.2025 | 21:15 Uhr

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