Holstein Kiel empfängt Werder Bremen: Tore satt garantiert?
Tabellenschlusslicht Holstein Kiel empfängt heute Werder Bremen zum Nordduell. Es ist das Aufeinandertreffen der beiden Teams mit den meisten Gegentreffern in der Fußball-Bundesliga. Der Druck im vermeintlichen "Spektakel"-Spiel liegt eindeutig bei der abstiegsbedrohten KSV.
Bei nur noch acht Partien bis zum Saisonende und einem Rückstand von acht Zählern auf den ersten sicheren Nichtabstiegsplatz könnte man an der Förde so langsam mal nervös werden. Werden sie aber bei Holstein nicht. Zum einen, weil Relegationsrang 16 eben nur drei Punkte enfernt ist. Und zum anderen, weil die Verantwortlichen des Aufsteigers ohnehin in sich ruhen.
"Es ist ja immer so im Leben, dass man die Mitte zwischen Anspannung und Entspannung finden muss. Das sollte man auch während der Saison machen", sagte Coach Marcel Rapp vor der Begegnung heute (15.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) gegen Werder Bremen auf die Frage, ob er vor dem Saisonfinale aufgewühlter als sonst sei.
Dabei verleugnet der 45-Jährige nicht, dass der Druck auf ihn und sein Team nun mit jedem Spiel zunimmt. "Klar ist, dass die Ergebnisse nun ein größeres Gewicht haben als am zehnten Spieltag. Aber die Herangehensweise für mich als Trainer ist noch die gleiche. Wir bereiten die Mannschaft immer so vor, dass sie maximal peformen kann", erklärte Rapp.
Duell zweier angeschlagener Boxer
Bei der KSV liegt also weiter in der Ruhe die Kraft. Die Länderspiel-Pause kam den Schleswig-Holsteinern nach der bitteren 1:3-Pleite im Kellerduell beim 1. FC Heidenheim gerade recht. "Wir konnten uns alle gut erholen. Alle haben mal etwas anderes gemacht, sodass es nun auch andere Themen in der Kabine gibt", so Rapp. Die Köpfe scheinen also frei zu sein bei den Kielern vor der Partie gegen Werder, das ebenfalls mit einem Negativ-Erlebnis (2:4 gegen Borussia Mönchengladbach) in die Pause gegangen war.
Anders als für die KSV geht es für die Bremer nach ihrem Absturz im neuen Jahr (nur zwei Siege in elf Begegnungen) realistisch betrachtet nur noch ums Prestige und eine ordentliche Platzierung, um sich den einen oder anderen Euro mehr an Fernsehgeld zu sichern.
Angeschlagene Boxer aber sind bekanntlich die gefährlichsten. Und in Kiel treffen am Sonnabend nun gleich zwei derer aufeinander. Und dann auch noch zwei mit einer sehr offenen Deckung, um im Box-Jargon zu bleiben. Kiel hat bereits 64 Gegentore kassiert, bei Bremen schlug es schon 53 Mal im eigenen Kasten ein. Klingt also nicht unbedingt nach einem Kampf im Superschwergewicht, sondern eher nach einem zünftigen Duell zweier "Rummelboxer".
Rapp: "Sind überzeugt, dass wir es schaffen können"
Doch Rapp will auf diese für beide Kontrahenten wenig schmeichelhafte Defensiv-Statistik nicht viel geben. "Meistens gehen solche Spiele dann ja 0:0 aus", sagte der Coach. Nahezu im selben Atemzug war der KSV-Coach bemüht, den Gegner passend zu dessen Vereinsfarben über den grünen Klee zu loben: "Werder ist ja auch eine Mannschaft, die offensiv spielen will. Da muss man dann auch mal ein Tor mehr in Kauf nehmen. Fakt ist, die Leute können sich auf ein schönes Fußballspiel einstellen, der Ball wird, glaube ich, meistens auf dem Boden sein."
Das Hinrunden-Duell gewann Werder durch ein "Joker"-Tor von Oliver Burke mit 2:1. Der Schotte konnte aber nur zum Bremer Helden werden, weil die KSV zuvor in Person von Max Geschwill einen langen Ball nicht hatte sauber klären können. Es war ein ziemlich typisches Gegentor für Holstein. Immer wieder führten individuelle Fehler beim Low-Budget-Aufsteiger zu Punktverlusten. Das war in Anbetracht der begrenzten finanziellen Möglichkeiten aber eigentlich bereits vor Saisonbeginn klar. Dementsprechend ruhig sind die Verantwortlichen geblieben.
Und überhaupt ist das Glas ja aktuell noch eher halbvoll als halbleer. Das sieht zumindest Rapp so. Seine nüchterne Sicht auf die Dinge: "Drei Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz bei noch acht Spielen. Wir sind überzeugt, dass wir es schaffen können." Sollte das Unterfangen am Ende tatsächlich gelingen, würden die "Störche" Geschichte schreiben. Denn: Kiel hat nach 26 Bundesliga-Spieltagen erst 17 Punkte auf dem Konto - mit einer so schlechten Bilanz zu diesem Zeitpunkt der Saison hat noch kein Team den Klassenerhalt geschafft.
Fritz stärkt Coach Ole Werner den Rücken
Während Holstein in den kommenden Wochen ums sportliche Überleben in der Beletage kämpft, geht es für Werder bei neun Punkten Rückstand auf einen Europapokal-Platz wohl noch darum, die bestmögliche Platzierung im grauen Tabellenmittelfeld zu erreichen. Die Hanseaten haben im Kalenderjahr 2025 die schlechteste Punkteausbeute aller Bundesligisten. Und das Aus imDFB-Pokal beim Drittligisten Arminia Bielefeld war auch nicht gerade ein Ruhmesblatt.
Bei anderen Clubs wäre in Anbetracht einer solch desaströsen Bilanz der Trainer wohl schon zur Bundesagentur für Arbeit geschickt worden. Nicht aber bei Werder. Ole Werner, der erstmals als gegnerischer Trainer für ein Pflichtspiel an seine alte Wirkungsstätte zurückkehrt, braucht sich um seinen Job keine Sorgen zu machen, wie Clemens Fritz vor dem Kiel-Spiel noch einmal betonte.
"Wir haben volles Vertrauen in Ole und sein Trainerteam - weil wir auch inhaltlich total überzeugt von seiner Arbeit sind. Mit einem anderen Trainerszenario beschäftigen wir uns nicht", erklärte der Profifußball-Geschäftsführer dem "kicker". Von Nervosität also keine Spur bei Werder. Kiel und Bremen haben somit nicht nur die vielen Gegentore gemein, sondern auch, dass sie von vergleichsweise weitsichtigen Verantwortlichen geführt werden.
Mögliche Aufstellungen:
Holstein Kiel: Weiner - Becker, Zec, Ivezic - Porath, Remberg, Bernhardsson, Gigovic, Holtby -Machino, Skrzybski
Werder Bremen: Zetterer - Stark, Friedl, Jung - Weiser, Lynen, Agu, Stage, Schmid - Njinmah, Ducksch
