Persönliche Krisen: Jugendliche fühlen sich mental belasteter
Stress, Einsamkeit, Hilflosigkeit: Die seelische Belastung junger Menschen ist bundesweit gestiegen. Auch in Schleswig-Holstein werden bei ihnen immer häufiger psychische Störungen diagnostiziert.
Die 17-jährige Sandra aus dem Kreis Herzogtum Lauenburg geht offen mit psychischer Belastung um und sagt: "Ich finde Mental Health ist ein Tabuthema an Schulen. Man sagt immer: 'Wir sind so offen und wir reden über alles.' Trotzdem sehe ich jeden Tag, dass es Schülern nicht gut geht." Sie ist eine von etwa 70 Schülern und Schülerinnen des Marion-Dönhoff-Gymnasiums in Mölln, die an einem Gespräch über Mental Health von "deep und deutlich" teilnahm.
"deep und deutlich" mit Psychologen vor Ort
Das junge NDR Talk-Format möchte außerhalb des Studios mit denen sprechen, die sonst ihre Sendung schauen. Die "deep und deutlich"-Moderatoren und Moderatorinnen kommen mit dem Psychologen Marcel Moses. Nach seiner Beobachtung bestehe ein so großer Redebedarf bei den jungen Menschen, weil sie psychisch schon unter sehr vielen Dingen litten: "Wir leben gerade in politisch und gesellschaftlich sehr schwierigen Zeiten und mentale Gesundheit kommt da so ein bisschen ins Abseits. Deshalb denke ich, dass es wichtig ist, dass man es zum Fokus macht."
Schülerin Hannah erzählt: "Ich war lange in Therapie und habe mir auch Hilfe geholt. Und das wäre auch mein Appell an alle anderen, die Probleme haben: Es ist okay, sich Hilfe zu holen und man sollte auf jeden Fall darüber sprechen."
Ohnmachtsgefühle und Hoffnungslosigkeit
Laut der Trendstudie 2024 "Jugend in Deutschland" geben junge Menschen häufiger als in den vorangegangenen Jahren an, durch Stress, Einsamkeit und Angstzustände belastet zu sein. Auch ernstzunehmende Symptome wie Hilflosigkeit und Suizidgedanken nehmen zu. Langeweile und Depression scheinen dagegen abzunehmen.
Besonders Themen, die schwer greifbar und durch persönlichen Einsatz nicht zu ändern sind, bereiten Jugendlichen und jungen Erwachsenen Sorge: Inflation, Krieg in Europa, zu teurer Wohnraum, die Spaltung der Gesellschaft und der Klimawandel. Diese politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen vermitteln den jungen Menschen immer wieder das Ohnmachtsgefühl, das sie bereits während der Corona-Pandemie erlebten.
Social Media und schulischer Druck haben großen Einfluss
Im Gespräch mit den Schülern und Schülerinnen des Marion-Dönhoff-Gymnasiums wird klar: Sie fühlen sich unter anderem belastet von Leistungsdruck, Social Media oder Mobbing. Herablassende Kommentare von Mitschülern und Mitschülerinnen kennt die 16-jährige Mia: "Ich habe rote Haare. Bei mir war es einfach wegen der Haarfarbe und ich wurde oft auch als Hexe bezeichnet oder so."
Auch die HBSC-Studie 2022 des Robert Koch-Instituts zeigt: Knapp 14 Prozent der Heranwachsenden haben Erfahrungen mit schulischem Mobbing gemacht - als Täter oder Täterin oder als Betroffene oder Betroffener.
Teils mehr Diagnosen in Schleswig-Holstein als bundesweit

Auch in Schleswig-Holstein sind junge Menschen seelisch belastet, immer häufiger sogar krank: Nach Angaben des Gesundheitsministeriums Schleswig-Holstein stiegen die Diagnosen psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen zwischen 2011 und 2022 an. Die Diagnosehäufigkeit lag meist sogar über der des Bundes.
Nach einer Studie der Universität zu Lübeck bewerten zwei Drittel der Eltern die psychische Gesundheit ihres Kindes aber als gut bis ausgezeichnet. In der Altersgruppe der 14-bis 17-jährigen Kinder wurde der höchste Anteil an Kindern mit weniger guter bis schlechter psychischer Gesundheit mit etwa 18 Prozent verzeichnet.
Mental Health Coaches sollen helfen
Das bundesweite Präventionsprogramm Mental Health Coaches will Raum zum Austausch über psychische Gesundheit schaffen: Sozialpädagogische Fachkräfte erarbeiten mit Jugendlichen, wie sie schwierigen Situationen begegnen können und resilienter werden. Bundesweit unterstützen die Mental Health Coaches Heranwachsende an rund 100 Schulen - sechs davon in Schleswig-Holstein. Allein im Jahr 2024 erhielt das Land für das Projekt etwa 421.280 Euro vom Bundesjugendministerium.
