Kolumne: Zeckenkaviar
Während Tiere wie die Haselmaus oder der Schweinswal bei uns im Land stark gefährdet sind, geht es Zecken aufgrund der Klimakrise besser denn je. Unsere Kolumnistin fragt sich, wofür die Blutsauger überhaupt gut sind. Oder, ob diese Frage nicht das eigentliche Problem ist.
Vergangenes Jahr im Sommer. Eigentlich sollte es ein romantisches Picknick im Wald werden. Die Sonne schien auf die kleine Lichtung auf der Steilküste. Unten schwappten die Wellen an den Strand und oben saß ich in barfuß und in kurzer Hose auf der Decke. Alles war so schön, bis ich die erste Zecke entdeckte. Spät am Abend dann, als es schon wieder so merkwürdig am Rücken juckte, fand ich dann die Zwölfte. Ich habe Spritzenphobie, die Vorstellung des blutsaugenden spitzen Stechrüssels in meinem Gewebe: maximal unangenehm. Schlimmer noch: Ich wusste, dass die Parasiten Krankheitsüberträger sind und jede Minute bei der Entfernung zählt. Mit grausen ahnte ich: Die Zwölfte hatte schon zu viele Stunden gehabt ...
"Über Wiese gelaufen ... 99 Zecken gefällt das"
In den Tagen und Wochen nach dem Zwölf-Zecken-Vorfall sah und las ich nur noch von den Spinnentieren. "Über Wiese gelaufen ... 99 Zecken gefällt das", den beschämend witzigen Spruch, auf einem Mottoshirt entdeckt, werde ich wahrscheinlich nie mehr vergessen. Wie besessen suchte ich meinen Körper ab, hielt Ausschau nach der berüchtigten Wanderröte. Ergebnis: Nichts. Irgendwann dann, das Picknick war Anfang Juni gewesen und wir hatten mittlerweile August, atmete ich auf. Alles klar, sie hatten mich offenbar verschont, die Zwölf.
Die Wahrheit schmerzt
Wie naiv ich doch war, wie unfassbar gutgläubig. Natürlich hatten sie mich nicht ausgespart, die zwölf Biester, deren Henkersmahlzeit mein Blut war. Nein, nein. Es war Mitte September, die Bäume begannen sich schon zu färben, als ich auf meiner Haut auch eine Verfärbung bemerkte. Eine Druckstelle? Ein blauer Fleck? Als ich mich dazu aber tagelang abgeschlagen fühlte, müde, matt, krank, stellte ich die Verbindung her. Kopfschüttelnd grinste ich in mich hinein: welch Perfidität. Hatten sie es doch tatsächlich geschafft? Der Bluttest bei meiner Hausärztin gab den Beweis: Ja, sie hatten, und ich, ich hatte eine Borreliose.
Eine der Auserwählten
Entgegen meiner gefühlten Wahrnehmung, dass um mich herum jeder Zweite schon mal eine Borreliose hatte, ist sie statistisch selten. Laut Untersuchungen, auf die sich das RKI bezieht, wurde nach einem Zeckenstich bei 2,6 bis 5,6% der Betroffenen eine Borrelien-Infektion nachgewiesen. Das bedeutete, die Zecken (deren Eier absurderweise "Zeckenkaviar" genannt werden) hatten mich auserwählt. Ich war eine der Wenigen. "Aber warum ich?", schoss es mir kurz verzweifelt durch den Kopf. Dann fiel mir meine Lebensmaxime wieder ein: Alles ist nur eine Erfahrung, hinter die ich nun meinen Haken setzen kann. Been there, done that. Amen.
Und mehr noch: Ich hatte es früh genug gemerkt und die Antibiotika-Therapie, die meine Ärztin mir verschrieb, wirkte. Beim Blut-Check Wochen später der Beweis: Alle Borrelien verschwunden. Ha! Wer sich dagegen mit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) durch Zecken angesteckt hat, ist möglicherweise schlimmer dran. Zwar ist Schleswig-Holstein noch kein Risikogebiet, allerdings werden immer wieder ein paar Fälle gemeldet. Und zu spaßen ist mit einer Hirnhautentzündung nicht. Das ist dann wahrlich eine Erfahrung, die nicht auf die Liste mit Dingen gehört, die man im Leben gehabt haben möchte.
Und wofür gibt's diese kleinen Teufel überhaupt?
Was mich zum letzten Punkt meiner Zwölf-Zecken-Vorfall-Erfahrung bringt: Die Sinnfrage. Wie wir wissen, hat jedes Tier im Ökosystem seine Aufgabe und ja, anscheinend ernähren sich in Afrika einige Vögel von ihnen. In unseren Breitengraden allerdings werden die Parasiten von Forschenden hauptsächlich als ein "Immunbooster" gesehen, auf den ich persönlich gut und gerne verzichtet hätte. Was bringen Zecken dann überhaupt, außer Unglück? Wofür sind sie bitteschön gut? Ich möchte behaupten: Für nichts und das ist auch gut so.
Du darfst sein, du nicht
Die Frage nach dem Sinn von Zecken offenbart mal wieder unsere menschliche Arroganz, sich über das Tierreich zu erhöhen. Anthropozentrisch (und genervt) blicken wir auf die Welt, die Natur und die Tiere und entscheiden: Du süßes Ding darfst sein. Dich nehm ich sogar mit ins Haus. Und du, Spinne, Mücke, Schlange, gehörst weg und ausgelöscht. Nicht nur sorgen wir durch diese Einstellung für den größten Artenschwund überhaupt. Dieser Logik nach (und wären die Machtverhältnisse umgekehrt), gäbe es uns Menschen sicher auch nicht mehr.
Ein kleines Schlussplädoyer also fürs Sein. Alles was ist, ist da. Nicht mehr und nicht weniger. In vielen Fällen braucht es dabei gerade unsere Hilfe. Vielleicht nicht die Zecke, die schafft das offenbar ganz gut alleine, aber all die anderen Tiere, die momentan ums überleben kämpfen.