Plötzlich Pandemie - Als Corona in Niedersachsen ankam
Es war vor genau fünf Jahren, am 29. Februar 2020: Ein neues, unerforschtes Virus erreicht Niedersachsen. Ein 68-Jähriger erkrankt in der Gemeinde Uetze. Der damalige Bürgermeister Werner Backeberg erinnert sich noch genau daran.
Hochansteckend, lebensbedrohlich und wahrscheinlich aus China. Das war schon fast alles, was man im Februar 2020 über das Virus wusste. Schaute man die Nachrichten, stieß man dort auf Bilder von Dutzenden Särgen in Italien, Berichte vom Ausbruch im Skiort Ischgl und kurz darauf auch auf Meldungen aus München von den ersten bestätigten Fällen in Deutschland. Das Gefühl: Das Virus kommt immer näher. Werner Backeberg (SPD) war zu dem Zeitpunkt 64 und schon seit 18 Jahren Bürgermeister der Gemeinde Uetze, östlich von Hannover. Fünf Jahre nach den dramatischen Tagen sprach er mit NDR.de.
Herr Backeberg, der erste bestätigte Coronafall Niedersachsens bei Ihnen in der Gemeinde. Wie erinnern Sie sich an den Moment, als Sie diese Nachricht erreichte?

Werner Backeberg: Es gibt Dinge, die man nicht vergisst. Und das gehört sicher dazu. Ich weiß genau, es war der 29. Februar 2020, kurz nach 18 Uhr. Ich war gerade dabei, mich fertig zu machen, um zu einer Feier der Feuerwehr nach Katensen zu fahren, als das Telefon klingelte. Ich konnte am Display erkennen, dass das die Gesundheitsdezernentin der Region Hannover war. Und da habe ich geahnt, da könnte was sein. Und sie teilte mir dann mit, dass der erste bestätigte Coronafall Niedersachsens tatsächlich in meiner Gemeinde festgestellt wurde.
Nun gab es zu dem Zeitpunkt ja noch keine Abläufe oder Strukturen, um mit so einer Situation umzugehen. Fühlten Sie sich vorbereitet?
Backeberg: Es war ein großer Schreck, weil wir nicht viel wussten. Wir hatten ja alle die Bilder aus Bergamo in Norditalien im Kopf, wo innerhalb kurzer Zeit 5.000 Menschen verstorben waren. Es waren so viele Opfer in so kurzer Zeit, dass man die nur mit Militärlastwagen abtransportieren konnte. Das Bild saß tief fest. Gedanklich waren wir dabei, zu ahnen, was auf uns zukommt. Richtig vorbereitet waren wir nicht. Weil es die Situation so noch nicht gab. Und dann war da natürlich ein Heidenrespekt, weil klar war, dass jetzt eine Situation kommt, die nicht einfach in vier Wochen vorbei ist. Dass wir uns darauf einstellen müssen, dass sich alles verändert, was vorher normal gelaufen ist.
Das Virus war hoch ansteckend, für langwierige Entscheidungsprozesse blieb also keine Zeit. Mussten Sie improvisieren?
Backeberg: Am selben Abend sollte im Ort noch ein Winterball mit über 100 Leuten stattfinden. Den habe ich dann kurzerhand abgesagt und das war rückblickend die richtige Entscheidung. Außerdem habe ich am selben Abend noch eine Telefonkette in Gang gesetzt und für den nächsten Tag, dem Sonntag, unseren Krisenstab im Rathaus Uetze einberufen. Dort standen wir dann erstmal aber ziemlich unvorbereitet da. Wir hatten ja nichts. Wir waren auf eine Pandemie nicht vorbereitet. Wir hatten keine Masken. Wir wussten nicht, welche Maßnahmen helfen eigentlich, um uns und andere zu schützen. Da war schon eine Anspannung da.
Trotz ihres schnellen Handelns hatte der Patient noch vor seiner Corona-Diagnose zehn weitere Menschen angesteckt. Was wussten Sie von dem Mann?
Backeberg: Der Mann war 68 Jahre alt und kam aus einem Urlaub in Norditalien, da hat er sich wahrscheinlich angesteckt. Und noch bevor er richtig symptomatisch wurde, hat er hier in der Gemeinde mit vielen Menschen Kontakt gehabt. Hat hier im Schützenverein geschossen, Freunde und Enkel getroffen. Halt seinen normalen Alltag gelebt. Wir haben versucht, die Kontakte zurückzuverfolgen und die Schule des Enkels zunächst geschlossen. Aber das war ja die Zeit, in der das Virus sehr infektiös war, das ging dann mit der Ansteckungswelle ruckzuck.
Hätten Sie sich da mehr Unterstützung von der Regierung gewünscht?
Backeberg: Am Anfang fehlte es an Informationen, aber ich glaube, das ist in jeder Krise normal. Wenig hilfreich war, dass sich die Maßnahmen später von Bundesland zu Bundesland unterschieden haben. Das verunsicherte die Menschen. Das hätte ich mir einheitlicher gewünscht.
Wenn morgen eine neue Pandemie vor der Tür stünde, wären Sie diesmal besser vorbereitet?
Backeberg: Auf der einen Seite denke ich, dass wir besser vorbereitet sind. Krise können wir jetzt. Es gibt Abläufe, die sind eingeübt, es gibt einen Krisenstab, der ist eingespielt, es gibt einen Vorrat an FFP2-Masken. Auf der anderen Seite sind das alles nur Erfahrungen aus der Vergangenheit. Ob die dann bei der nächsten Pandemie helfen, entscheidet das Virus. Nicht wir. Wir können nur dafür sorgen, dass die Abläufe funktionieren.
Das Interview führte Gino Egbers, NDR.de.
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