Nord-Stream-Anschläge: "Da gingen viele seltsame Dinge vor sich"
In monatelanger Kleinarbeit hat der dänische Datenexperte Oliver Alexander öffentlich zugängliche Quellen ausgewertet und rekonstruiert, was sich im Umfeld der Nord-Stream-Anschlagsorte im September 2022 abgespielt haben könnte. Spuren führen demnach nach Russland. Mit Ergebnissen der staatlichen Ermittlungen rechnen Experten erst nach dem Ende der heißen Phase des Krieges.
Rund sieben Monate nach den Anschlägen auf die Nord-Stream-Pipelines am 26. September 2022 in der Ostsee nahe Bornholm sind die genauen Abläufe und Hintergründe weiter unklar. Aus den staatlichen Untersuchungen zu den Anschlägen ist bislang nur wenig durchgesickert. Dafür gibt es umso mehr Spekulationen. Nicht zuletzt deshalb stießen jüngst die Erkenntnisse des dänischen Datenanalysten Oliver Alexander auf großes Interesse. Der 29-jährige Jütländer, der eigentlich in der Finanzbranche arbeitet, hat den Schiffs- und Flugverkehr im Gebiet rund um die Pipelines-Lecks in der Ostsee untersucht. Er stützt seine Recherche größtenteils auf sogenannte Open-Source-Intelligence (OSINT) - also öffentlich zugängliche Informationsquellen wie etwa Fotos und Positionsdaten von Schiffs- und Flugzeugtrackern. Alle diese Daten gleicht er miteinander ab - und wertet diese mit wissenschaftlicher Akribie aus. Der Historiker und Geheimdienstexperte Thomas Wegener Friis von der Universität Odense ordnet das so ein: "Noch vor ein paar Jahren wären viele dieser Daten als geheim eingestuft gewesen, aber die Digitalisierung macht vieles öffentlich, was früher nur Armee und Geheimdiensten zugänglich war."
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Eine Spur führt nach Baltiysk bei Kaliningrad
Auf seinem Substack-Blog hat Alexander seine Ergebnisse ausführlich dargelegt. "Da gingen viele seltsame Dinge vor sich", sagt er im Gespräch mit dem NDR in MV. Konkret konnte Alexander einige ungewöhnliche Schiffsbewegungen in der Ostsee in den Tagen vor den Anschlägen am 26. September 2022 rekonstruieren. Diese Erkenntnisse lassen Zweifel an der Version mit der Segeljacht "Andromeda" aufkommen und deuten in eine andere Richtung - nach Russland, genauer gesagt Kaliningrad:
- Ab dem 19. September operieren Schiffe der russischen Ostseeflotte im Rahmen eines größeren Marinemanövers in der Ostsee. Auch daran beteiligt sind Kampfschwimmer einer im russischen Flottenstützpunkt Baltiysk (früher Pillau) bei Kaliningrad stationierten Spezialeinheit, wie aus einer Pressemitteilung des russischen Verteidigungsministeriums hervorgeht.
- Am 21. September verlassen die beiden russischen Rettungsschlepper "Aleksandr Frolov" und "SB-123" ihren Heimathafen Baltiysk. Aus Satellitenbildern geht hervor, dass auch das Hebeschiff "SS-750" vom 22. September an für einige Tage nicht an seinem Liegeplatz in Baltiysk liegt. Anhand eines AIS-Signals (Automatic Identification System, das auf Schiffs-Trackern wie marinetraffic.com angezeigt wird) der beiden Schlepper liegt der Schluss nahe, dass sie Kurs in Richtung Bornholm nehmen.
- Ebenfalls am 21. September kreuzt das dänische Patrouillenboot "Nymfen" über einem der späteren Sabotage-Orte. Das sei ungewöhnlich, so Alexander, "denn in den vergangenen Jahren sind sie höchstens zweimal zu dieser Stelle gefahren." Kurz darauf steuern auch ein schwedisches Saab-Aufklärungsflugzeug und die schwedische Korvette "Visby" die Stelle an und kreuzen in dem Gebiet. Anschließend fährt die Korvette bis kurz vor Kaliningrad. "Es gab einen Grund, warum sie dorthin fuhren", so Alexander. Verdächtig: Nach Alexanders Veröffentlichung wurden die AIS-Daten der "Visby" auf Marinetraffic.com wieder gelöscht.
In Rostock gebautes russisches Hebeschiff beteiligt?
Für Alexander legen diese Ergebnisse nahe, dass die russischen Schiffe an den Vorfällen beteiligt gewesen sein könnten. Darauf deutet auch eine Recherche des Nachrichtenportals "t-online", das sich auf einen Hinweis aus Sicherheitskreisen stützt. Sechs russische Schiffe sollen in den Tagen vor den Anschlägen in dem Seegebiet nahe Bornholm verdeckt operiert haben. Neben drei Marineschiffen aus dem russischen Manöververband hätten auch die beiden russischen Rettungsschlepper "Aleksandr Frolov" und "SB-123" sowie das Ende der 1980er-Jahre auf der Neptun-Werft in Rostock gebaute, 98 Meter lange Hebeschiff "SS-750" an der Mission teilgenommen. Meist fahren diese Schiffe mit ausgeschaltetem AIS. Nur für kurze Zeit waren die Positionsmelder in diesen Tagen eingeschaltet, so dass ihr Kurs auf Schiffs-Trackern nachvollzogen werden konnte. Weitere Bestätigung lieferten Satellitenbilder.
Rege Aufklärungsaktivität in der Ostsee
Die russischen Schiffe blieben nicht lange unbemerkt. Eine ganze Armada heftete sich an ihre Fersen - zur See und in der Luft. Neben den genannten Schiffs- und Flugbewegungen des dänischen und schwedischen Militärs waren auch Einheiten Polens, Deutschlands und der USA aktiv. So steuerten etwa die Fregatte "Schleswig-Holstein" und das mit moderner Aufklärungstechnik ausgestattete Flottendienstboot "Oste" der Deutschen Marine das Seegebiet bei Bornholm an, laut Alexander kreuzte auch ein US-Verband mit dem Mehrzweckschiff "USS Kearsarge" in dem Gebiet.
Auf unbekannter Mission: Die Fahrten der "Nymfen" und der "Visby"
Besonders interessant sind allerdings die Routen des dänischen Patrouillenbootes "Nymfen" und der schwedischen Korvette "Visby". Sie bewegten sich nur wenige Tage vor den Anschlägen im Seegebiet östlich und nordöstlich von Bornholm - genau dort, wo später die Explosionen erfolgten. Für den Wissenschaftler Wegener Friis sind das spannende Fakten. "Als ich Kind war in den 1980er-Jahren, da war das alles streng geheim". Heutzutage könne man sich dagegen "quasi per Knopfdruck" ein Bild der Lage machen. Für den Historiker legt Alexander nachvollziehbar dar, dass die "Nymfen" und die "Visby" abseits ihrer üblichen Routen unterwegs waren. Normalerweise beschatten Dänen und Schweden alle größeren russischen Schiffe lückenlos. Warum "Nymfen" und die "Visby" letztendlich teilweise in voller Fahrt zu den Koordinaten nahe Bornholm fuhren, bleibt offen.
Notschlepper als Tauchschiffe
Sicher ist, die beiden russischen Notschlepper "Aleksandr Frolov" und "SB-123" sowie das Hebeschiff "SS-750" verfügen jeweils über die notwendige Ausrüstung, um an Leitungen in rund 80 Metern Tiefe zu operieren. So hat die "SS-750" ein Rettungs-U-Boot des Typs Projekt 1855 "Priz" mit Greifarmen an Bord. Nach NDR Informationen sind auch die beiden rund 50 Meter langen Rettungsschlepper mit ihren Lastkränen, großen Arbeitsdecks und Tauchcontainern für Sabotage-Operationen geeignet.
Alexander: Hinweise, aber keine Beweise
Im Gegensatz zu anderen Erklärungsversuchen, wie etwa jenem des bekannten US-Journalisten Seymour Hersh, der Norwegen und die USA als Urheber der Anschläge identifiziert haben will und sich dabei auf eine einzige anonyme Quelle beruft, betont OSINT-Analyst Alexander, dass er nur Indizien, aber keine Beweise liefern könne. "OSINT ist wie ein Werkzeug in einem Werkzeugkoffer. Es ist nicht so, dass man etwas mit 100-prozentiger Sicherheit herausfinden kann. Aber es ist definitiv etwas, das helfen kann, in die richtige Richtung zu weisen."
Kalter-Krieg-Experte Wegener Friis: "Können quasi in die Quellen gucken"
Der Historiker Wegener Friis, Direktor des Center of Cold War Studies an der Universität Odense, beschäftigt sich seit gut zwei Jahrzehnten mit dem Kalten Krieg. Er kennt sich rund um die Ostsee aus, ist Fachmann für Geheimdienste und deren Operationen. Er hält die Arbeit Alexanders für inhaltlich überzeugend: "Das ist wahnsinnig spannend, was er da gemacht hat. Hier können wir in die Quellen quasi mitreingucken." Es sei eben nicht genug, eine Geheimquelle zu haben, die vermeintlich alle offenen Fragen beantwortet, vielmehr gelte es, nachzuweisen, auf welche Fakten sich die aufgestellten Behauptungen stützen, so der Wissenschaftler weiter.
"Wenn der Honig da ist, dann kommen auch die Wespen und die Bienen"
Und für Wegener Friis steht auch fest, dass die dänischen und schwedischen Militärschiffe vor Bornholm etwas Bestimmtes gesucht oder verfolgt haben müssen: "Wenn der Honig da ist, dann kommen auch die Wespen und die Bienen." Aber um letztendlich Gewissheit zu erlangen, müsse man wohl die offiziellen Untersuchungen abwarten. Denn nur die Ermittler könnten auf geheime Daten von Nachrichtendiensten und Militärs zurückgreifen. Es gebe zwar keine gemeinsamen Ermittlungen, aber einen engen Informationsaustausch zwischen den Behörden Dänemarks, Deutschlands und Schwedens, ist sich Wegener Friis sicher.
Leichte Antworten, die dem Bauch guttun
Das eiserne Schweigen von offizieller Seite bietet weiten Raum für Spekulationen. Manche vermuten geheime Machenschaften, die unter den Teppich gekehrt werden sollen. "Viele suchen leichte Antworten, die dem eigenen Bauch guttun", so Wegener Friis. Das habe er selbst erlebt. "Es vergingen keine Stunden nach diesem Anschlag, bis ich auf meiner Facebook-Seite erste Leuten hatte - vor allem aus Deutschland -, die sagten, die Amerikaner haben das getan. Da bräuchte man keine Beweise. Das ist politisches Wunschdenken - ein politisches Wunschdenken, das bisher jedenfalls auf unserer (dänischen) Seite keine ernsthaften Befürworter gefunden hat."
"Am Ende kriegen wir in den demokratischen Gesellschaften durch die Debatte und die hartnäckige Diskussion die besseren Antworten. Eine Lehre, die wir aus der Zeit des Kalten Krieges ziehen können, ist, dass eben die Demokratie vielleicht leichter angreifbar ist, aber die Diskussion führt schlussendlich zu den nachhaltigeren Lösungen." Thomas Wegener Friis, Direktor des Center of Cold War Studies an der Universität von Süddänemark
Schwedische Ermittler "drehen jeden Stein um"
Ihm falle auf, dass die Skandinavier gelassener mit den sich hinziehenden Ermittlungen umgehen. "Zum einen, weil es in Dänemark ein großes Vertrauen gibt insgesamt in die Behörden und zweitens, weil das ja auch eine sehr, sehr schwierige Sachmaterie ist." Die schwedische Staatsanwaltschaft äußerte sich kurz vor Ostern zum Stand der Ermittlungen und unterstrich deren Komplexität. Der Vorfall sei offenbar zum "Spielplan für diverse Versuche der Einflussnahme" geworden, erklärte Bezirksstaatsanwalt Mats Ljungqvist. "Diese Spekulationen sind nichts, was die vorläufige Untersuchung beeinflusst, die auf Fakten und Informationen basiert, die aus Analysen, Tatortuntersuchungen und der Zusammenarbeit mit Behörden in Schweden und anderen Ländern hervorgegangen sind", so der Ermittler weiter.
Nach einer Phase "komplexer Voruntersuchungen" führe man nun "konkrete Ermittlungsmaßnahmen" durch und "drehe jeden Stein um". Immerhin haben die schwedischen Behörden laut Ljungqvist den verwendeten Sprengstoff bestimmen können. Damit ließe sich schon eine große Anzahl von Akteuren ausschließen - wen genau, verriet der Bezirksstaatsanwalt nicht. Die Stockholmer Ermittler gehen aber davon aus, "dass ein Staat dahintersteckt". Die Ermittlungen auf deutscher Seite leitet der Generalbundesanwalt mit einem kleinen Ermittler-Team.
Auch die Recherchen von ARD, SWR und "Die Zeit", die auf ukrainische Hintermänner als Drahtzieher der Anschläge deuteten, gründeten sich auf Erkenntnisse deutscher Ermittler. Danach soll die Charterjacht "Andromeda" Anfang September in Rostock ausgelaufen und später an den Anschlägen beteiligt gewesen sein. Ermittler hatten das Boot nach der Rückgabe durchsucht und in der Kajüte Reste von Sprengstoff gefunden. Die Quellen dafür sind unklar. Fakt ist: Eine Aktion, mit der absichtlich eine falsche Fährte gelegt wurde, eine sogenannte "False-Flag-Operation", kann auch nicht ausgeschlossen werden.
"Sie wissen mehr, als sie sagen"
Datenanalyst Alexander hat sich mittlerweile mehr als 400 Stunden mit den Recherchen zu den Nord-Stream-Anschlägen beschäftigt. "Ich glaube, sie wissen viel mehr, als sie sagen", meint er mit Blick auf den Kenntnisstand der offiziellen Ermittler. Wegener Friis und sein Landsmann sind sich einig: "Ergebnisse werden erst veröffentlicht, wenn der Krieg in der Ukraine vorbei ist." Für den Fall, dass Russland hinter den Anschlägen steckt, stelle sich die Frage, was mit einer Veröffentlichung eines solchen Ergebnisses zu gewinnen wäre, so Alexander. Es würde viele Menschen verunsichern, wenn Russland gefährlicher erscheint, als es ist. Auch müsste man zugeben, Russland habe "es tatsächlich geschafft, so etwas in einem Meer zu tun, das von vielen als 'NATO-Binnenmeer' bezeichnet wird".
Parallele zu 1950er-Jahren: "Keiner hat Interesse an Eskalation"
Wegener Friis zieht eine Parallele von der gegenwärtigen Situation zu den 1950er-Jahren, "als der Kalte Krieg sehr heiß war" und der Funken der Korea-Krise auch auf den Ostseeraum überzuspringen drohte. Bereits damals stand die Insel Bornholm im Brennpunkt. Der Westen hatte von dort Waffen und Partisanen ins sowjetische Baltikum geschleust. "Aber die Sowjetunion, die diese Operation kannte, hat das nicht an die große Glocke gehängt." Die Lage sei eh schon sehr angespannt gewesen. Keine Seite hatte Interesse an einer weiteren Eskalation. "Auf gleiche Weise würde ich sagen, heute haben wir auch kein Interesse an einem offenen Konflikt", so Wegener Friis.
Eine weitere spannende Episode in der Geschichte des Kalten Krieges in der Ostsee
Der Historiker ist sich sicher: Eines Tages werden die Staatschefs von Dänemark und Schweden vor die Presse treten und die Ergebnisse der Untersuchungen zu den Nord- Stream-Sprengungen verkünden. Spätestens dann weiß Datenanalyst Alexander, ob die vielen kleinen Puzzleteilchen, die er so aufwendig ermittelt hat und weiter recherchiert, ins offiziell verkündete Bild passen. Später wird es dann ein Fall für den Historiker. Für Wegener Friis sind die Nord-Stream-Anschläge eine weitere spannende Episode in der langen Geschichte des Kalten Krieges in der Ostsee. Irgendwann kommt die ganze Wahrheit ans Licht, da sind sich der Datenanalyst und der Historiker jedenfalls ziemlich sicher.