"Mit der Faust in die Welt schlagen": Wie Kinder zu Neonazis werden

Stand: 02.04.2025 15:28 Uhr

Regisseurin Constanze Klaue erzählt die Geschichte einer Familie, die an den Umständen und sich selbst zerbricht und ihre Söhne an die Neonazi-Szene verliert. Einer der spannendsten deutschen Filme der letzten Zeit.

von Lars Meyer, MDR

Der Titel "Mit der Faust in die Welt schlagen" steht für ein doppeltes Debüt. Der Debütroman von Lukas Rietzschel erschien 2018, machte den jungen Autor schlagartig bekannt und drängte ihn in die Rolle eines "Ost-Erklärers". Constanze Klaue war bei der Verfilmung, ihrem Langfilm-Debüt, entsprechend auf der Hut. Einen Film, der den Osten erklärt, wollte sie nicht machen, sondern eine Geschichte erzählen, die möglichst nah an ihr ist.

Regisseurin Klaue dreht im Haus ihres Vaters

Eine idyllische Gartenszene: Die Familie Zschornak und ihre Nachbarn schieben sich Sahnetorte rein, während sie sich spitzfindige Duelle liefern. Es geht darum, wer sich wie in dieser Umbruchszeit arrangiert. Der Film spielt in den Nuller-Jahren in der Lausitz, wo alles brach liegt. Die postindustrielle Kulisse und die grassierende Arbeitslosigkeit prägen das Aufwachsen der Kinder. Gedreht wurden die Familienszenen im Haus von Klaues Vater, der kurz zuvor gestorben war.

"Ich bin in dem Haus groß geworden, und es ist sehr ähnlich zu dem Roman, dass meine Familie ein Haus gebaut hat ein Stück weit mit der Idee, dort ihr Glück zu finden", sagt Klaue. "Die damit verbundene Baustelle steht sehr symbolisch auch für die Zeit."

Eine Dauerbaustelle, an der die Familie zerbricht.

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Die Überforderung der Erwachsenen

Dass Klaue den Stoff zu ihrem eigenen macht, ist das Beste, was ihm passieren konnte. Sie tut es mit einem sicheren Gespür dafür, was weggelassen oder dramatisch verdichtet werden kann und wo ein Stück Humor guttut. Konsequent wählt sie die Perspektive der Kinder: Phillip, zwölf, Tobi, neun Jahre alt. Zunächst beobachten sie, mit abgründiger Faszination, wie Uwe, ein ehemaliger Kollege des Vaters, arbeitslos, alkoholabhängig und verstrickt in seine DDR-Vergangenheit, vor die Hunde geht. Doch dann betrifft es die eigenen Eltern.

"Aber deine Mutter ist doch die Krankenschwester, oder?"
"Ja."
"Verdient ihr doch gutes Geld."
"Ich würde mich aber nicht wundern, wenn die bald verreckt, so müde wie die immer ist." Filmszene

Die Kinder finden irgendwie allein zurecht. Von ihren Eltern übernehmen sie vor allem deren destruktives Verhalten. Die Überforderung der Erwachsenen arbeitet Klaue besonders heraus. In einer symbolträchtigen Szene hüpfen die Brüder wild im offenen Kofferraum eines Autos herum. Das steckt zur Hälfte - kopfüber - im Eis, im ehemaligen Steinbruch. Die Mutter beobachtet die Szene ohnmächtig von der anderen Seite des Sees.

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Im Sumpf der Neonazi-Szene

Bald darauf tauchen Nazi-Symbole in der Schule auf, und es werden Hitlergrüße gezeigt und nachgeahmt. Phillip fühlt sich von einem der Neonazis angezogen und gewinnt dessen Anerkennung, als er ihm in der Werkstatt zur Hand geht.

"Mein Vater hat den ganzen Scheiß hiergelassen. Richtig gutes Werkzeug aus DDR-Zeiten. Nicht so ein Billigkack, den du heute zu kaufen kriegst."
"Und wo ist dein Vater jetzt?"
"Fickt sich durch Polen." Filmszene

Der Umgang ist rau, war es aber unter der Oberfläche bereits in Phillips Familienumfeld. Als ihm die Gewalt zu krass wird, wird statt seiner Tobi reingezogen und findet bei der Gruppe ein Ventil für seine aufgestaute Wut. Constanze Klaue will damit keine Erklärung für den angeblich "rechten Osten" finden. Überhaupt vermeidet sie die Klischees. Nur am Ende springt der Film in die Zeit der Pegida-Demonstrationen um 2015, deutet die Mobilmachung gegen Geflüchtete aber in diesem Epilog nur an. "Ich glaube, der ist wichtig, um diesen heute-Bezug herzustellen. Aber ich finde, erst mal soll das eine Geschichte sein, die aus sich selbst heraus erzählt wird", so die Regisseurin.

Eindringliche Bilder, immer auf Augenhöhe mit den jungen Protagonisten, unverbrauchte Darsteller und eine ganz eigene, vom Buch unabhängige Dramaturgie machen "Mit der Faust in die Welt schlagen" zu einem der spannendsten deutschen Filme der letzten Zeit.

Mit der Faust in die Welt schlagen

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2025
Produktionsland:
Deutschland
Zusatzinfo:
mit Anton Franke, Camille Loup Moltzen, Anja Schneider und anderen
Regie:
Constanze Klaue
Länge:
110 Minuten
FSK:
ab 12 Jahren
Kinostart:
3. April 2025

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 02.04.2025 | 06:20 Uhr

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