Das Wunder von Osnabrück - Wie Trainer Antwerpen den VfL umkrempelt
Fußball-Drittligist VfL Osnabrück ist unter Marco Antwerpen in acht Partien noch ungeschlagen und hat im Abstiegskampf eine kaum für möglich gehaltene Wende geschafft. Das auch, weil der neue Trainer die Potenziale des Teams gut nutzt, wie die Daten zeigen.
Mehr Tristesse als am 8. Dezember des vergangenen Jahres ging wohl wirklich nicht: 0:2 bei Viktoria Köln. Die zehnte Saisonniederlage bedeutete Platz 20. Letzter in der Dritten Liga mit acht Zählern Rückstand auf das rettende Ufer. Als Zweitliga-Absteiger.
Kurz darauf musste Coach Pit Reimers gehen - und damit hatte der VfL Osnabrück zu diesem Zeitpunkt genau so viele Trainerentlassungen wie Siege in der Saison: zwei. Im Englischen würde man sagen: Rock bottom. Der absolute Tiefpunkt.
Antwerpens Bilanz beim VfL: Fünf Siege und drei Remis
Mit Antwerpen übernahm ein Coach, der zuvor zwar schon einige Clubs gerettet hatte. Was in den gut zwei Monaten seither aber passiert ist, hätten wohl aber selbst die kühnsten Optimisten nicht zu hoffen gewagt. Acht Spiele, fünf Siege, drei Remis, keine Niederlage. Das Team holte unter seiner Regie 18 von 24 möglichen Punkten, steht mittlerweile mit 29 Zählern auf Rang 15.
Mit dem Spiel bei Aufsteiger und Überraschungs-Tabellenführer Energie Cottbus am Sonnabend (14 Uhr, live im TV und im Livestream bei NDR.de) kommt die bislang größte Aufgabe auf den 53-Jährigen und sein Team zu. Ein Erfolg - und das wäre auch ein Remis - ist in der aktuellen Verfassung aber durchaus möglich. Doch wie hat Antwerpen die Lila-Weißen dahin gebracht?
Umstellung auf eine 3-5-2-Formation als Basis
Zunächst hat er der Mannschaft ein neues System verpasst. Er wechselte die Grundformation vom 4-3-3 auf ein 3-5-2. Für die Experten des Global Soccer Networks (GSN) die Grundlage des Erfolgs der vergangenen Monate: "Das 3-5-2 nutzt die Stärken des Kaders optimal und gibt dem Team eine bessere Struktur, sowohl defensiv als auch offensiv."
Insbesondere in fünf Bereichen hat sich der VfL seither signifikant verbessert:
- Defensive Stabilität und weniger Gegentore
- Effizientere Chancenverwertung und höherer Torerfolg
- Bessere Nutzung von Standards und Flanken
- Mehr Durchsetzungskraft in Zweikämpfen
- Bessere Nutzung der Breite des Spielfelds und agileres Flügelspiel
Antwerpen setzt auf Disziplin und Dynamik. Aus einer gesicherten Defensive heraus soll sein Team nach vorne - insbesondere über die Flügel - gefährlich werden. Ein Plan, der gut zur Dritten Liga passt. Und ein Plan, der bislang aufgeht. Das auch, weil er "auf eine klare Aufgabenverteilung für alle Mannschaftsteile" setzt. Heißt: Jeder Spieler agiert "innerhalb eines definierten Rahmens, wobei die Freiheiten zur individuellen Interpretation eher begrenzt sind".
Während das 4-3-3 stärker auf "Ballbesitz, klassische Flügelangriffe und eine etwas fluidere Spielweise ausgerichtet war, fokussiert sich das 3-5-2 auf eine kompakte defensive Grundordnung, ein direkteres Spiel in die Tiefe und eine klarere Rollenverteilung". Die klaren Vorgaben scheinen in einer Situation maximaler Verunsicherung, in der Antwerpen die Mannschaft übernommen hat, ein probates Mittel zu sein.
Der VfL Osnabrück in dieser Saison ... | ... vor Antwerpen (nach 17 Spielen) | ... mit Antwerpen (in 8 Spielen) |
---|---|---|
Punkte | 11 | 18 |
Punktedurchschnitt | 0,65 | 2,25 |
Torverhältnis | 19:35 | 16:7 |
Siege | 2 | 5 |
Unentschieden | 5 | 3 |
Niederlagen | 10 | 0 |
Platzierung | 20. | 15. |
Defensiv stabiler, offensiv effizienter
Defensiv, weil die Mannschaft in acht Partien nur sieben Gegentore kassierte - weniger als eines im Schnitt. Vor Antwerpens Antritt hatten sich die Osnabrücker durchschnittlich mehr als zwei Gegentreffer pro Begegnung gefangen.
Auch in vielen anderen Werten sind die Lila-Weißen besser geworden in den vergangenen Wochen. Zum Beispiel lassen sie deutlich weniger Abschlüsse des Gegners zu - und auch die Konterabsicherung ist besser geworden. Entsprechend ist die Zahl der "Expected Goals against", also der erwarteten Gegentore, gesunken. Von knapp zwei auf rund eins - ein Rückgang um 44 Prozent. Die GSN-Analyse: "Die Kompaktheit im Mittelfeld und die Absicherung durch die Dreierkette haben sich als entscheidende Faktoren erwiesen."
Doch auch im Angriffsspiel sind die Niedersachsen mittlerweile sehr viel zielstrebiger unterwegs. Unter Antwerpen hat der VfL in acht Partien 16 Mal getroffen (zwei Tore im Schnitt) - zuvor war es nur ein eigener Treffer im Schnitt in 90 Minuten gewesen.
Die Mannschaft findet aus dem Spiel heraus bessere Wege, sich in gute Abschlusspositionen zu bringen. Sie agiert variabler und nutzt - anders als zuvor - auch stärker die gesamte Breite des Platzes. Kurzum: Osnabrück ist nicht nur insgesamt torgefährlicher geworden, sondern auch flexibler in der Art, wie Tore erzielt werden. Beispielsweise auch über Standards - zuvor ein großes Manko.
Schwach waren unter Antwerpens Vorgängern Uwe Koschinat, der aktuell mit seinem neuen Club Rot-Weiss Essen eine ähnliche Erfolgsstory wie Osnabrück schreibt und einen Rang vor dem VfL rangiert, sowie Reimers auch die Zweikampfwerte.
Hier hat Antwerpen eine andere Intensität reingebracht. Die Mannschaft bestreitet mehr Zweikämpfe, gewinnt aber auch mehr direkte Duelle. Wichtig in einem Woche für Woche zweikampfbetonten Wettbewerb wie der Dritten Liga. Es sei wichtig, so hatte es Antwerpen schon zu Beginn seiner Tätigkeit in Osnabrück gesagt, "eine gute Energie auf den Platz zu bringen und auch in schwierigen Situationen positiv zu bleiben". So wie zuletzt beim 1:1 gegen Mannheim - einem der schwächeren Auftritte unter seiner Leitung.
Auch wenn es etwa hinsichtlich des Defensivverhaltens, mit Blick auf Balleroberungen und das Zweikampfverhalten sowie auch in puncto Chancenverwertung immer noch Luft nach oben gibt: Vieles ist besser an der Bremer Brücke, seit Antwerpen übernommen hat.
Aus dem Schneider sind die Niedersachsen aber keineswegs, der erstmalige Absturz in die Regionalliga ist angesichts von nur einem Zähler Vorsprung auf einen Abstiegsplatz absolut denkbar. Tendenz und Entwicklung aber stimmen. Mit Antwerpen scheinen die Verantwortlichen des VfL ein glückliches Händchen bewiesen zu haben. Für den Moment.
Ist Antwerpen eine Langfrist-Lösung?
Denn ob er auch eine langfristige Lösung auf der Trainerposition ist, wird sich zeigen müssen. Seine "Halbwertszeit" bei Vereinen liegt in seiner bisherigen Karriere bei unter einem Jahr. Das hat aus Sicht von GSN, das ihn mit einem Index von 59,81 als "Zweitliga-Trainer" kategorisiert, sportlich vor allem mit diesen Faktoren zu tun: einer auf Dauer zu geringen Variabilität seines Spielstils, einer mangelnden Anpassungsfähigkeit seines Systems sowie den insgesamt wenigen individuellen Freiheiten der Spieler, die auch eine gesamtheitliche Entwicklung der Mannschaft hemmen können.
Zudem gab es immer wieder in der Vergangenheit Berichte über atmosphärische Störungen. In Kaiserslautern ließ er seine Mannschaft einst nach einer Niederlage in Magdeburg noch gegen Mitternacht trainieren ("Wenn wir im Spiel nicht laufen, dann müssen wir eben im Training laufen"). Nach der Entlassung in Braunschweig, wo er die Eintracht nach dem geglückten Aufstieg in die Zweite Liga verlassen musste, sagte er selbst über sich: "Der diplomatische Dienst ist nicht meine ganz große Stärke."
Der VfL hatte bei Antwerpens Vorstellung hervorgehoben, dass man ihn unter anderem wegen seiner "direkten Ansprache mit entsprechender Klarheit und Konsequenz" geholt habe. Und für den Moment steht in Osnabrück die Frage ohnehin hintan, ob Antwerpen ein Trainer von Dauer wird. Denn das Team ist erfolgreich und schwer zu bespielen.
Der Fokus geht von Woche zu Woche, an diesem Sonnabend nach Cottbus, wo Antwerpen und die Lila-Weißen weiter am Wunder von Osnabrück werkeln wollen. Und wer hätte im Dezember vergangenen Jahres gedacht, dass sie das im anbrechenden Frühjahr aus einer gestärkten Position heraus tun würden?
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