Stralsund: Merkels Antwort auf Rechtsaußen
Er ist viral gegangen: Bundeskanzlerin Angela Merkels erster öffentlicher Auftritt nach ihrem Urlaub, ein Besuch beim Leserforum der "Ostsee-Zeitung" in Stralsund, ihrem Wahlkreis. Denn unter den rund 200 Gästen saß auch ein Lokalpolitiker der AfD, Thomas Naulin. Und der warf der Kanzlerin vor, Deutschland in eine "Diktatur" geführt zu haben. "Wir haben eine Propagandapresse. Die DDR würde vor Neid erblassen, wenn sie das sehen würde", so Naulin. Als AfD-Mitglied habe er keine Grundrechte und keine Meinungsfreiheit.
Merkel kontert absurde Vorwürfe souverän
Merkels Reaktion? "Rhetorisch extrem clever", sagt Christian Stöcker, Professor für Digitale Kommunikation an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Denn anstatt sich an den Argumenten des Mannes abzuarbeiten, habe Merkel die Absurdität seines Vorwurfs mit einer schlichten Tatsache deutlich gemacht: Dass nämlich Naulin ja bei einer öffentlichen Veranstaltung in Reihe eins sitze und seine Frage stellen dürfe, während er fehlende Meinungsfreiheit moniere. Allein folgender Video-Tweet zu der Szene wurde über 350.000 mal aufgerufen.
Dem Chefredakteur der "Ostsee-Zeitung", der die Veranstaltung mitorganisiert hat, war es ein Anliegen, die unterschiedlichen Meinungen seiner Leser abzubilden. Aus zahlreichen Zuschriften hat Andreas Ebel die Fragen an die Kanzlerin ausgewählt. Und die sollten möglichst viele Positionen aus der Gesellschaft abbilden. Auch die des AfD-Politikers, so Ebel, denn: "Es gibt diese Gefühle und damit müssen wir uns auseinandersetzen. Und wir müssen auch solche Fragen zulassen."
Strategie: Nicht überzeugen, sondern Konsens und Fakten benennen
Der Auftritt Merkels hat die Debatte über den Umgang mit Rechten erneut befeuert. Doch es gehe nun nicht mehr darum, alle zu überzeugen, betont Stöcker. Sondern anderen Leuten deutlich zu machen, "dass der AfD-Politiker offenbar von einem völlig anderen Realitätsbild aus operiert". Und genau das sei eine sinnvolle Strategie: Zurückzukommen zu dem, was Konsens sei in unserer Gesellschaft. Und zu dem, was in unserer Verfassung stehe.
Auch Merkels Parteikollege Michael Kretschmer (CDU) stellt sich wütenden Kritikern. Wenige Wochen vor der sächsischen Landtagswahl muss sich der Ministerpräsident auf dem Marktplatz in Zwickau derbe Vorwürfe gefallen lassen. In Deutschland herrsche keine Demokratie mehr, ruft ein Mann. Ein weiterer unterstellt ihm Verbindungen zu amerikanischen Geheimdiensten und den Scientologen.
Doch Kretschmer gibt sich gelassen, wie zuvor Merkel. Und überzeugt damit zwar nicht diejenigen, die ihn verbal attackieren. Wohl aber Umstehende, die den Auseinandersetzungen auf dem Marktplatz zuschauen.