Hermann Rieger © picture-alliance/Inside-Picture Foto: Peter Boehmer

Hermann Rieger: Kultmasseur und HSV-Ikone

Stand: 18.02.2024 16:23 Uhr

Hermann Rieger war jahrzehntelang die gute Seele des HSV. Der Physiotherapeut erlangte in Hamburg Kultstatus - und blieb trotz seiner großen Popularität stets bescheiden.

von Hanno Bode, NDR.de

Am Ende trugen ihn die Spieler auf Händen. Hermann Rieger streckte die Arme in den Himmel, er blickte durchs weite Rund des Stadions im Volkspark und schien gar nicht realisieren zu können, dass all die Aufmerksamkeit der Fans in diesen Momenten ihm galt.

Hermann Rieger © picture-alliance/Inside-Picture Foto: Peter Boehmer
Hermann Rieger war die gute Seele des Hamburger SV.

Doch rund 50.000 HSV-Anhänger hatten sich am 22. Mai des Jahres 2004 nach dem letzten Saisonspiel des Hamburger Fußball-Bundesligisten gegen Eintracht Frankfurt (2:1) nur seinetwegen von ihren Sitzen erhoben. Sie zollten dem scheidenden Physiotherapeuten des Clubs nun mit Ovationen im Stehend Respekt. Minutenlang.

Nie zuvor in der deutschen Sportgeschichte war einem Masseur ein solch emotionaler Abschied bereitet worden. Aber Hermann Rieger, diese imposante Erscheinung mit dem sanften Lächeln, war auch weit mehr als ein "Kneter" und Seelsorger für die Profis. Als "Symbol für den Verein, das nicht von Marketingabteilungen gemacht wurde, sondern das die Fans und Anhänger sich selbst gesucht haben", wurde der gebürtige Bayer auf der Homepage der mächtigen Fanorganisation "HSV Supporters Club" treffend beschrieben.

Die personifizierte Loyalität

26 Jahre lang war Rieger für das Bundesliga-Gründungsmitglied tätig. Selbst für einen Physiotherapeuten ist das im schnelllebigen Erstliga-Geschäft eine Ewigkeit. Rieger war eine der wenigen Konstanten bei einem Club, der in puncto Personalpolitik in den vergangenen Dekaden nur sehr begrenzt auf Kontinuität setzte. Doch nicht nur seine Vereinstreue ließ "Hermann the German", wie sie ihn beim HSV nannten, für die Fans zu einer Ikone werden.

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Kevin Keegan (l.) und HSV-Kultmasseur Hermann Rieger © NDR

Hermann Rieger: Ein Bayer in Hamburg

26 Jahre lang war Hermann Rieger Masseur beim HSV. Er war aber weit mehr als nur ein "Kneter". Spieler und Fans verehrten den bodenständigen Bayer, der 2014 starb. Bilder einer Kult-Karriere. Bildergalerie

Rieger war die personifizierte Loyalität. Nie kam ein böses Wort über einen Profi, Trainer oder Funktionär über seine Lippen. Wenn der Masseur ein Tor bejubelte, tat er dies leidenschaftlicher als jeder Anhänger. Bei Rückschlägen hatte die Hamburger Trauer ein Gesicht: das von Hermann Rieger. An ihm, dem Bayern im hohen Norden, konnten sich die leidgeprüften HSV-Fans irgendwie festhalten. "Außer Hermann könnt ihr alle gehen", hallte es bei enttäuschenden Auftritten aus der Kurve.

"Dem HSV habe ich viel zu verdanken"

Trotz seiner großen Popularität drängte sich der Physiotherapeut nie in den Vordergrund. "Ich bin kein Star", hat er stets betont. Die Wahrheit ist eine andere. Wenn er die Spiele seines früheren Arbeitgebers besuchte, wurde er wie in alten Zeiten gefeiert, musste unzählige Hände schütteln und Autogramme geben. Und so scheint die Feststellung des "Hamburger Abendblatts": "Hermann Rieger ist wohl gleich nach Uwe Seeler der beliebteste HSVer", keineswegs übertrieben.

Netzers Lockruf erlegen

Dass Rieger jemals zu solchem Ruhm an der Elbe gelangen würde, war nicht abzusehen, als er 1978 vom damaligen HSV-Manager Günter Netzer verpflichtet wurde. "Ich habe mir gedacht, ich bleibe ein Jahr und gehe dann wieder zurück in meine Berge", sagte der am 2. Oktober 1941 im oberbayerischen Mittenwald geborene und aufgewachsene Masseur. Vor seiner Anstellung beim Hamburger Bundesligisten war Rieger als Technik-Trainer beim Deutschen Skiverband (DSV) und Physiotherapeut für den FC Bayern München tätig.

Günter Netzer (Archivbild aus dem Jahr 1982) © imago Foto: Werek
Lotste Rieger von München nach Hamburg: Der frühere HSV-Manager Günter Netzer.

Seine Mutter überredete ihn schließlich, den Umzug in den hohen Norden zu wagen. "Sie sagte: Da gibt's nette Leute", erklärte Rieger. Und tatsächlich wurde der "Kneter" in Hamburg rasch heimisch. "Ich habe hier ein tolles Umfeld gefunden und nette Leute kennengelernt. Ich bin ein richtiger HSV-Fan geworden", erzählte der gelernte Einzelhandelskaufmann.

Ein Seelsorger mit heilenden Händen

Die tiefe emotionale Bindung zu dem Verein resultierte gewiss auch aus den erfolgreichen Anfangsjahren seiner Tätigkeit. Als Rieger in Hamburg begann, erlebte der HSV seine sportlich beste Zeit. Drei Meisterschaften sowie den Sieg im Europapokal der Landesmeister (1983) und im DFB-Pokal (1987) durfte der Masseur mit dem Team feiern.

Bernd Hollerbach (l.) und Hermann Rieger © imago Foto: Claus Bergmann
Für die HSV-Stars - hier Bernd Hollerbach (l.) - war Rieger eine Vertrauensperson.

Auf seiner Liege ließen sich Stars wie Felix Magath, Peter Nogly, Horst Hrubesch, Manfred Kaltz und Franz Beckenbauer - um nur einige zu nennen - behandeln. Hochbezahlte Nationalspieler, die ihren sportlichen und privaten Kummer gerne bei Rieger abluden. Sein Massageraum auf dem früheren Trainingsgelände in Ochsenzoll wurde nicht selten zum Beichtzimmer für geschundene Profis. Rieger war beim HSV der Mann für alle Fälle, ein Seelsorger mit heilenden Händen. "Er war mein bester Transfer", hat Netzer einmal gesagt.

"Dann flogen die Hühnchen durchs Hotel"

Rieger hat viele Trainer und Spieler kommen und gehen sehen. Mit seinen Erinnerungen hätte er etliche Bücher füllen können. An eine Autobiographie aber hat der loyale "Kneter" nie gedacht. Nur einige wenige Anekdötchen ließ er sich entlocken. So verriet er, dass während der Trainer-Ära Branko Zebec (1978 bis 1980) regelmäßig einige Akteure wegen Überbelastung "gekotzt" hätten.

Hermann Rieger, Aleksandar Ristic und Ernst Happel (v.l.) © imago Foto: Sven Simon
Rieger (l.) feiert gemeinsam mit Aleksandar Ristic und Ernst Happel (r.) 1982 die Meisterschaft.

Dessen Nachfolger Ernst Happel wiederum hatte eine ganz andere Marotte. "Die Trainingslager durften nie weiter als 20 Kilometer von einem Kasino entfernt sein", erzählte Rieger dem "Abendblatt". Er sei dann dafür zuständig gewesen, das Geld des österreichischen Coaches zu bewachen. Ein anderer Übungsleiter ließ den Physiotherapeuten derweil ratlos zurück: Josip Skoplar. Während der kurzen Amtszeit des Kroaten (1987) sei es den Profis gestattet gewesen, bereits mittags Rotwein zu trinken. "Ich sagte, das geht doch nicht, Josip. Aber er meinte, das wäre okay. Und dann flogen beim Essen die Hühnchen durchs Hotel", erinnerte sich Rieger.

Dem Schicksal die Stirn geboten

Der Masseur selbst hat nie für Skandale gesorgt. Und doch waren es keine positiven Schlagzeilen, die 2004 über ihn in großen Artikeln zu lesen waren. Rieger erkrankte an Prostatakrebs und musste seine Tätigkeit beim HSV schweren Herzens beenden. Das Echo auf die schreckliche Nachricht war gigantisch. Aus ganz Deutschland erreichten Rieger Genesungswünsche. Er nahm den schwersten Kampf seines Lebens an und gewann ihn zunächst.

Doch der Krebs kam wieder. Erneut bezwang er ihn, um nur wenig später einen weiteren Schicksalsschlag zu erleiden: 2010 starb seine Frau Petra. Der gläubige Katholik fand in dieser Zeit Halt in der Religion und wurde von seinen früheren Wegbegleitern liebevoll umsorgt.

Die Raute im Herzen

Rieger trug die Raute immer tief in seinem Herzen: "Ein Leben ohne den HSV wäre für mich undenkbar", war eines seiner Bekenntnisse zum Hamburger Club, das in Erinnerung bleiben wird. Am 18. Februar 2014 verstarb Hermann Rieger im Alter von 72 Jahren "nach langer schwerer Krankheit" in Hannover, wie der HSV mitteilte: "In Dankbarkeit und großer Anerkennung trauert der gesamte Verein um Hermann Rieger als großartigen Menschen und langjährigen Kollegen und Freund."

Trauer um Hermann Rieger beim Spiel Hamburger SV gegen Borussia Dortmund © picture alliance / Eibner-Pressefoto
Trauer um Hermann Rieger beim Spiel HSV gegen Dortmund im Februar 2014.

Noch am Vortag hatte Rieger in Abwesenheit bei der Hamburger Sportgala einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk und seinen Einsatz für krebskranke Kinder erhalten. Die Laudatio hielt Horst Hrubesch: "Er hat nie ein Tor geschossen, aber einer wie Hermann fehlt dem HSV heute", sagte der ehemalige HSV-Mittelstürmer. Der Hamburger SV flaggte vor seiner Arena halbmast, die Fans veranstalteten einen Trauermarsch, der Club lud zu einer großen Trauerfeier ins Stadion, zu der rund 3.000 Menschen kamen.

"Wir sind dankbar, dass du bei uns warst", sagte der Vorstandsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow in seiner Rede: "Er ist eine Kultfigur geworden und ich glaube, er ist der einzige Masseur, dem so eine Gedenkfeier zuteilwird. Ich hatte immer das Gefühl, dass Hermann selbst überrascht war, wie beliebt er ist."

Dieses Thema im Programm:

Sportclub | 02.03.2014 | 22:50 Uhr

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