Proteste in der Türkei bewegen Menschen in Schleswig-Holstein
In der Türkei demonstrieren Tausende gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu. Rund 2.500 Kilometer entfernt bewegt das viele Schleswig-Holsteiner mit türkischen Wurzeln.

Tufan Kıroğlu sitzt am langen Tisch des Vereins "Türkischen Gemeinde in Neumünster". Vor ihm ein Tee. Er ist nicht allein. Weitere Mitglieder des Vereins sind dazugekommen. Dort, wo sonst Integrationskurse stattfinden, wird jetzt angeregt diskutiert. Seit Tagen gibt es hier vor allem ein Thema: die Unruhen in der Türkei. Viele Mitglieder des Vereins haben Freunde und Verwandte in der Türkei und stehen fast täglich im Austausch mit ihnen. Sie sorgen sich um die Demokratie in der Türkei. "Seit ihrer Gründung ist die Türkei eher westlich orientiert. Wenn es so weiter geht, dann nähert sie sich eher den Ländern des Nahen Ostens an. Das wollen wir nicht. Wir wollen, dass die Türkei ein demokratischer Rechtsstaat bleibt und Menschenrecht nicht mit Füßen getreten werden", sagt Tufan Kıroğlu.
Mehr Druck auf die türkische Regierung gefordert
Mehr als 1.100 Menschen wurden bei Demonstrationen laut Medienberichten in der Türkei verhaftet. Das bewegt auch Haluk Doğu. Er ist ebenfalls Mitglied des Vereins. Die vielen jungen Menschen, die trotz Demonstrationsverbot auf die Straße gehen, machen ihm aber Hoffnung, wie er sagt. Er wünscht sich, dass von politischer Seite mehr Druck auf die türkische Regierung ausgeübt wird. "Wenn ich politische Aussagen höre, wie zum Beispiel die Türkei sei ein guter Partner. Da muss man vorsichtig sein. Und gleichzeitig kommt von der EU keine richtige Stimme, keine richtige Unterstützung. Das ärgert mich sehr", so Doğu.
Wie umgehen mit der Türkei?
Dass die kritischen Töne eher leise ausfallen liegt laut Institut für Sicherheitspolitik in Kiel (ISPK) auch an der geopolitischen Schlüsselposition der Türkei. "Beim Thema Migration etwa nimmt das Land eine entscheidende Rolle bei der Steuerung von Fluchtbewegungen in Richtung EU ein und übt einen bedeutenden Einfluss auf Syrien und den gesamten Nahen Osten aus", sagt Stefan Hansen vom ISPK. Außerdem sei die Türkei als zweitgrößter Nato-Partner ein wichtiger Verbündeter. "Deutschland und die EU sind also schlichtweg nicht mehr in der Position, allzu laut auf Misstände hinzuweisen und damit womöglich einen verbliebenen Bündnispartner zu verprellen, von dem man überdies gern rasch weitere Rüstungsgüter wie zum Beispiel Drohnen erwerben möchte", so Hansen weiter.
Proteste in der Türkei werden unterschiedlich diskutiert

Wenige Meter trennt den Verein in Neumünster von einer Teestube. Der Raum ist voll. Es wird Tee serviert, kleinere Gruppen spielen Spiele an den Tischen. Hier sprechen die Menschen ebenfalls über die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu. So wie Adnan Akcabey. Er lebt seit seit 45 Jahren in Deutschland. Die Proteste sind seiner Meinung nach nicht der richtige Weg und er warnt vor einem blutigen Ende. "Wir müssen abwarten, was bei den Untersuchungen zu den Korruptionsvorwürfen am Ende rauskommt. Die können doch nicht nicht nur, weil er in U-Haft sitzt, alle auf die Straße gehen."
Ermittlungen nach Festnahme von İmamoğlu
Seit rund einer Woche demonstrieren Tausende Menschen gegen die Verhaftung des Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu. Gegen ihn und weitere Personen wird wegen Korruptionsvorwürfen aus seinem Umfeld ermittelt. Außerdem wurde İmamoğlu der Hochschulabschluss aberkannt. Dieser ist die Voraussetzung zur Kandidatur für das Präsidentenamt. Der Oppositionspolitiker gilt als aussichtsreicher Herausforderer für den türkischen Präsidenten Erdogan bei der kommenden Wahl.
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