Panorama-Geschichte
Panorama ...
... ist ein Urgestein des deutschen Fernsehens. Viele Gesichter prägten die Sendung, deren Geschichte auch eine politische Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist. Als erstes politisches Magazin geht Panorama am 4. Juni 1961 auf Sendung. Seine Väter sind Rüdiger Proske und Gert von Paczensky. Nach Vorbild der gleichnamigen BBC-Sendung ziehen sie "ihr" Magazin auf und wollen gegen den Strom schwimmen: "Nun wollen wir uns wieder ein wenig mit der Bundesregierung anlegen", moderiert Paczensky einen Beitrag an. Das Magazin ist von der ersten Stunde an außergewöhnlich - und umstritten.
Die Skandale ...
... bleiben bei der Brisanz mancher Themen nicht aus. Schon im ersten Jahr von Panorama gibt es ordentlich Krach: Durch die Sendung erfährt ein breites Publikum die Hintergründe der "Spiegel-Affäre" und die Verstrickungen des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß. Die Regierung Adenauer tobt. Es ist der Beginn einer jahrzehntelangen "Freundschaft" zwischen Panorama und Strauß, der später einmal sagen wird: "Es schwebt ein Unstern über der Sendung Panorama." 1969 gibt es eine Sondersendung in der ARD mit dem Titel: "Streit um Panorama": Politiker von CDU/CSU protestieren gegen kritische Sendungen und drohen, den NDR-Staatsvertrag zu kündigen.
Die Siebziger ...
1974 macht Alice Schwarzer mitten in der aufgeheizten Debatte um den Abtreibungs-Paragraphen einen sachlichen Film über eine damals moderne Abtreibungsmethode. In letzter Minute nehmen die Programmchefs der ARD den Beitrag aus der Sendung. Die Redaktion protestiert und weigert sich, die Sendung zu moderieren. Die Anmoderationen werden von einem Nachrichtensprecher verlesen. Wochenlang sorgt das für Gesprächsstoff.
Ab 1978 berichtet das Magazin verstärkt über die Proteste gegen das Atomkraftwerk Brokdorf. Das verärgert die schleswig-holsteinische Landesregierung und dürfte einen weiteren Baustein für deren Kündigung des NDR Staatsvertrags im selben Jahr geliefert haben. Wenig später zieht auch Niedersachsen nach. Die Existenz des NDR ist bedroht, der Sender soll zerschlagen werden. Es dauert Jahre, bis die höchsten Gerichte die Politiker stoppen.
Die Achtziger ...
Stefan Aust, damals Redakteur bei Panorama, wird 1982 bundesweit berühmt durch einen verschwundenen Film: 1982 porträtiert er einen Verfassungsschützer, der seine eigene Terrorgruppe aufbauen will. Der Beitrag wird - wie damals üblich - vom Autor anmoderiert - aber der Film ist verschwunden! Am nächsten Tag wird aus den Filmresten ein Rekonstrukt gezeigt - in einer ARD-Sondersendung. Doch das Original taucht nie wieder auf - bis heute nicht. Die Achtziger sind auch das Jahrzehnt, in dem der Skandal um Parteispenden des Flick-Konzerns für Schlagzeilen sorgt. Ist das politische System der Bundesrepublik käuflich? Panorama ist maßgeblich an der Aufdeckung der "Flick-Affäre" beteiligt. Für massiven Ärger sorgt 1988 der Film "Suff in Bonn" über die Alkoholabhängigkeit von Politikern. Kuno Haberbusch hat recherchiert.
Die Neunziger ...
Vieles dreht sich nach der "Wende" und der Wiedervereinigung um die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit: Panorama spürt alte Stasi-Seilschaften auf und entdeckt neue Wendehälse. 1993 trifft Haberbusch wieder den Nerv der Politik und deckt angebliche Verstrickungen von Oskar Lafontaine ins Rotlichtmilieu auf. Der Vorspann von Panorama läuft schon, da lässt der Saarländer die Ausstrahlung des Berichts per einstweiliger Verfügung verbieten. Wieder ein Film, der nie gesendet wird. Lafontaine prägt damals den Ausdruck "Schweinejournalismus" und meint damit die kritischen Redakteure von Panorama. 2000 herrscht im Bundestag wieder Unruhe wegen Panorama: Ein Jahr nach dem Umzug von Bonn nach Berlin fragen Anja Reschke und Dietmar Schiffermüller die Abgeordneten: "Wohnen Sie in Berlin und haben sie sich schon ordentlich gemeldet?" Selten hat man Politiker mit einer so einfachen Frage so aus der Fassung gebracht.
Die 2000er ...
Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus und seine Opfer, die Verstrickungen des BND in den Irak-Krieg, an dem sich Deutschland laut Kanzler Gerhard Schröder offiziell nicht beteiligte, sowie die Schattenseiten der Globalisierung sind einige der Panorama-Themen nach der Jahrtausendwende. Vor allem über miese Arbeitsbedingungen und ausgebeutete Arbeitnehmer, die die simpelsten Rechte nicht mehr zugestanden bekommen, berichtet die Redaktion immer wieder. Höhepunkt dieser Berichterstattung ist die Reportage über den Textildiscounter KiK. Christoph Lütgert zeigt, wie schlecht die Näherinnen in Bangladesch behandelt werden und wie es ein Unternehmen geschafft hat, seinen Erfolg auf dem Rücken ausgebeuteter Mitarbeiter zu gründen.
Die 2010er ...
Als 2011 die Morde der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU das Land erschüttern, recherchiert ein Team von Panorama monatelang zu den Tätern und den Hintergründen, spricht exklusiv mit den Eltern von Uwe Böhnhardt. Die Berichterstattung wird mehrfach ausgezeichnet. Panorama analysiert intensiv den Niedergang der SPD, immer wieder die Rolle der FDP sowie das Erstarken der AfD, fragt gleich zu Anfang Pegida-Demonstranten nach ihren Motiven und trifft Edward Snowden in Moskau, nachdem er über die Spionage-Aktionen der NSA ausgepackt hatte. Im Sommer 2015 widmet sich die Redaktion in einer Sonderausgabe der Flüchtlingsdebatte und unternimmt eine Deutschlandreise, um die zahlreichen Aspekte des Themas abzubilden. Nach den Krawallen beim G20-Gipfel in Hamburg machen sich Panorama-Reporterinnen und Reporter unter anderem auf die Suche nach den Tätern. Die Redaktion wird dafür 2018 mit einem Grimme-Preis für "besondere journalistische Leistung" ausgezeichnet.
Und heute?
Migration und Flucht gehören zu den Schwerpunktthemen der vergangenen Jahre. Panorama-Reporterinnen und Reporter sind etwa an Bord des Seenotrettungsschiffes "Sea-Watch 3", begleiten Kapitänin Carola Rackete bis zur Festnahme in Italien und berichten über die Zustände an Europas Außengrenzen. Mit seiner Berichterstattung über Cum-Ex-Geschäfte deckt das Magazin den größten Steuerskandal der bundesdeutschen Geschichte auf. Das Interview mit einem ehemaligen SS-Mann, der an einem Massaker in Frankreich beteiligt war und in der Neonazi-Szene verehrt wird, wird zu einem der erfolgreichsten Panorama-Beiträge überhaupt. Zuletzt macht die Sendung Schlagzeilen mit Recherchen zur Mietpreisbremse, zu Geschäften mit Krebsmedikamenten sowie zu den Arbeitsbedingungen beim Versandkonzern Amazon.
In den vergangenen Jahren hat der NDR die Marke Panorama deutlich ausgebaut. Seit 2008 läuft im NDR Fernsehen das halbstündige Doku-Format Panorama - Die Reporter. Seit 2012 gehört auch Panorama 3 als Politikmagazin mit einem norddeutschen Fokus zur Panorama-Familie. Jung und schon sehr erfolgreich ist STRG_F, ein Reportageformat, das der NDR für Funk produziert und auch über YouTube veröffentlicht. 2020 wurde STRG_F mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet, im selben Jahr erhielt der Dokumentarfilm "SeaWatch3", eine Gemeinschaftsproduktion von Panorama, STRG_F und dem NDR Dokfilm, den Grimme-Preis. 2024 wurde diese Kooperation ausgezeichnet mit dem Civis Top Award und Civis Video Award für: „Israel und Gaza: Leben zwischen Terror und Krieg“. Seit 2021 ist panorama.stories bei Instagram zu finden, seit 2024 geht dieser Kanal auf in „Team Recherche“ (Instagram).
Die Macher ...
... prägen im Laufe der Jahre den Stil von Panorama. Unter den Autorinnen und Autoren finden sich viele große Namen wie Joachim Fest, Sebastian Haffner, Manfred Bissinger, Stefan Aust, Alice Schwarzer, Peter Scholl-Latour, Luc Jochimsen, Gerd Ruge, Theo Sommer. Selbst Ulrike Meinhof war vor ihrem Abdriften in den RAF-Terrorismus einige Zeit Reporterin bei Panorama. Seit 60 Jahren bemühen sich die Autorinnen und Autoren von Panorama Missstände aufzudecken. Unbestechlich, pointiert und kritisch nach allen Seiten. Sie alle eint eine gehörige Portion Idealismus und eine feste innere Haltung.
4. Juni 1961 erste Panorama-Sendung | Leitung: Gert von Paczensky, Rüdiger Proske Moderation: Gert von Paczensky, Rolf Menzel (später ersetzt durch Dr. Besser, Rüdiger Proske) |
20. Mai 1963 | Leitung: Rüdiger Proske |
1. Oktober 1963 | Leitung und Moderation (Interregnum): Jürgen Neven-Dumont, Werner Baecker, Manfred Jenke, Walter Menningen, Guido Schütte, Dietrich Koch |
13. Januar 1964 | Leitung: Prof. Dr. Eugen Kogon Moderation: Dietrich Koch, ab 2. März 1964: Eugen Kogon |
4. Januar 1965 | Leitung: Walter Menningen Moderation: Joachim Fest |
18. April 1966 | Leitung und Moderation: Joachim Fest |
1. Januar 1967 | Leitung und Moderation: Peter Merseburger |
15. April 1975 | Leitung und Moderation: Dr. Gerhard Bott |
1. Januar 1977 | Leitung und Moderation: Ulrich Happel |
17. Januar 1978 | Leitung und Moderation: Dr. Winfried Scharlau |
1. Dezember 1981 | Leitung und Moderation: Peter Gatter |
1. Juli 1987 | Leitung und Moderation: Dr. Joachim Wagner |
1. Januar 1997 | Leitung: Kuno Haberbusch Moderation: Patricia Schlesinger |
19. Juli 2001 | Moderation: Anja Reschke |
1. Mai 2004 | Leitung: Stephan Wels |
1. Januar 2009 | Leitung: Volker Steinhoff |