Handel mit Menschenschädeln aus der Kolonialzeit (Manuskript)
Panorama v. 10.10.2024
Handel mit Menschenschädeln - unser dunkles Erbe
Es beginnt etwas kurios und morbide. Doch es wird eine Reise in tiefe Abgründe der deutschen Geschichte. Auf diesem Markt werden echte menschliche Schädel verkauft.
O-Töne
Panorama: "Zeigen Sie mal, was haben Sie gekauft?"
Kunde: "Also, ich habe mir den menschlichen Unterkiefer hier gekauft. Schädel habe ich schon, zwar nur teilweise, aber der Unterkiefer, der hat mir noch gefehlt. Und ja, ich habe von dem Markt hier gehört. Ich hab gedacht, da fahren wir hin. Und ja, jetzt bin ich direkt fündig geworden."
Welches Geheimnis steckt hinter diesen Knochen? Als wir Richtung Markt aufbrechen, ahnen wir nicht, wie groß die Geschichte ist. Wir haben bloß den Tipp bekommen: Dort in Belgien, direkt hinter der deutschen Grenze, sollen Menschenschädel verkauft werden. Drinnen sind wir ziemlich überwältigt: erstmal überall tote Tiere. Alles hier kann man kaufen. Und die Nachfrage ist groß. Dann auch immer wieder menschliche Schädel. Ist das nicht seltsam, tote Tiere und Knochen zu kaufen?
O-Töne
Panorama: "Wie gefällt es euch hier?"
Kunde: "Das ist mein drittes Mal beim Markt. Und ich liebe es. Es gibt so viele Dinge, die man sonst nicht sehen kann. Und so viele Kuriositäten. Es ist einfach faszinierend, was es hier alles einfach an Dingen gibt. Ich war am Anfang auch sehr skeptisch, als ich auf dem ersten Markt war. Und ich dachte oh ja, Menschenteile dies das. Da hat man schon so negative Hintergedanken irgendwo."
Es waren ja mal lebendige Menschen. Aber: Wer waren sie? Wir erfahren zunächst wenig dazu. Hätten sie dem Verkauf ihrer Knochen wohl zugestimmt? Der Handel mit den Menschenschädeln läuft hier ganz offen, es scheint alles erlaubt zu sein. Auffällig ist: Viele Schädel stammen aus anderen Kulturen.
O-Ton Händler: "Aus Togo, ein Pygmäen-Schädel aus Afrika, der kleinere ist auch aus Afrika, aus dem Kongo."
Viele sind über 100 Jahre alt. Da gab es noch deutsche Kolonien, also die Besetzung und Plünderung anderer Länder. Heute gilt das als Verbrechen, Kolonialschädel sollen zurück in die Heimat.
O-Töne
Panorama: "Ich habe das nämlich so ein bisschen mitbekommen, weil es ja die Situation mit den Museen gibt, die das teilweise zurückgeben. Wie seht Ihr so was?"
Paolo: "Ich denke mal nicht, dass man irgendwo hier einen Kolonialschädel überhaupt finden würde. Ich hab zumindest noch nie einen gesehen einen echten afrikanischen Kolonialschädel, der wirklich aus der Zeit wirklich stammt, wo es auch wirklich Beweise gibt. Die wurden damals ja in Massen von Afrika nach Europa transportiert. Und ich glaube es ist schon schwer irgendwie auch nachzuweisen, dass sie wirklich von daher stammen."
Keine Kolonialschädel hier? Der Markt-Betreiber antwortet uns ausweichend, er schreibt: man sei gegen Rassismus und Kolonialismus. Das wollen wir genauer wissen und drehen mit versteckter Kamera weiter. Vielleicht sprechen die Händler dann offener über die Herkunft der Schädel. Und schon nach wenigen Minuten werden wir fündig.
O-Ton Händler: "Der hier ist sehr schön und selten. Das ist ein Kinderschädel aus Papua-Neuguinea. Ein Ahnenschädel. Er hat eine schöne Patina. Seltenes Stück, sehr schön. Wenn Du willst, kannst Du ein Foto machen."
1950 Euro. Und ohne zu zögern, erzählt er, wie solche Knochen hierherkamen.
O-Ton Händler: "Europäer haben sie damals gehandelt, damals in der Kolonialzeit. Sie gingen hin und stahlen sie oder haben die gehandelt."
Wenige Stände daneben geht es genauso weiter.
O-Ton: "Ein Afrikanischer Schädel, ein indonesischer, ein Inuit Schädel."
Auch dieser Händler sagt, dass sie wohl aus der Kolonialzeit stammen. Sie seien damals für die sogenannte "Rasseforschung" genutzt worden.
O-Ton: Händler: "Sie sagten: Du kannst den Unterschied sehen. Die haben gesagt: Afrikaner seien wie Tiere, Europäer die besten. Die wollten beweisen, die Form ist eher wie bei Affen. Das ist rassistisch. Aber es war so."
Ein dritter Händler, ein französischer Sammler, gibt uns dann einen Einblick in das makabre Preissystem der Kolonialschädel:
O-Ton Händler: "Das ist ein Schädel aus Borneo, Dayak-Kultur. Und der kostet 15. 15.000. Dieser Schädel kommt aus Afrika. Ich weiß nicht aus welcher Region. Aber er ist afrikanisch. Er hat ein Einschuss-Loch. Der Preis ist 2.000."
Reporterin: "Der wurde erschossen?"
Händler: "Ich denke ja."
Erschossen - alles kann hier den Wert des afrikanischen Menschenschädels steigern. Und dann, zum Schluss, will er uns noch ein Lieblingsstück aus seiner eigenen Sammlung zeigen - auf dem Handy-
O-Ton Händler: "Ich zeige Dir das große Zeug."
Panorama: "Was ist das?"
Händler: "Ein Maori-Kopf aus Neuseeland."
Wir möchten die Fotos nicht offen zeigen. Es ist kompletter abgetrennter Kopf, mit Haut und Haaren.
O-Töne
Panorama: "Haben Sie den bei Instagram?"
Händler: "Nein, nein, die Maori wollen die Köpfe zurückhaben nach Neuseeland."
Es ist ihm also durchaus bewusst, dass Herkunftsländer ihre Schädel zurückfordern. Aber bei ihm zu Hause sei der Kopf davor sicher.
O-Töne
Händler: "In einer Privatsammlung ist das alles kein Problem."
Panorama: "Der ist bei Ihnen zu Hause?"
Händler: "Ja und er hat 100.000 gekostet."
Panorama: "100.000?"
Händler: "Die sind sehr selten."
Abgetrennte Köpfe, Diebstahl, Kopfschuss - hier kein Problem, sondern eher noch verkaufsfördernd. Dabei geht es nicht nur um einzelne Verbrechen. Vor weit über 100 Jahren: Die europäischen Mächte und damit auch die Deutschen besetzen fremde Länder, nennen das "Kolonien". Sie unterwerfen die Menschen dort mit brutaler Gewalt. Und sie bringen zigtausende Schädel nach Deutschland. Im 19. und auch im frühen 20. Jahrhundert. Dafür haben sie unzählige Grabstätten geplündert. Es gibt eine regelrechte Sammelwut. Sie gehen skrupellos vor. Jeder Schädel - eine Trophäe. Zigtausende Menschen werden ausgehungert und ermordet.
Im heutigen Namibia begehen deutsche Truppen einen Völkermord an den Herero und Nama. Köpfe von Opfern werden abgetrennt, verpackt und nach Deutschland geschickt. Im Auftrag deutscher Wissenschaftler, die die Schädel vermessen. So wollen sie die vermeintliche Überlegenheit der weißen Rasse beweisen.
Auch Expeditionen für Museen gleichen Beutezügen. Man rafft an sich, was man kann und raubt, was man will. Auch solche kunstvoll geschmückten Ahnenschädel aus Papua-Neuguinea. Diese Männer filmen sich sogar beim Raub. Sie posieren feixend mit ihrer Beute. Bis heute lagern allein in deutschen Museen und Sammlungen noch rund 17.000 menschliche Überreste. Wie viel privat im Umlauf sind, weiß keiner. Jedenfalls blüht heute der internationale Handel mit echten Menschenschädeln.
Kommt das einfach so durch den Zoll? Daniel Bein ist Gutachter für den Zoll. Er prüft für den Zoll etwa, ob Einfuhr und Handel strittiger Objekte nach dem Artenschutz erlaubt sind. Seine Expertise stammt aus dem Hauptberuf: Er leitet ein Museum für Naturkunde in Hamburg. Für Besucher hat er eine Vitrine zu verbotenem Handel aufgestellt.
O-Ton Daniel Bein, Gutachter für den Zoll: "Hier in der Vitrine kann man am besten sehen, worum es geht."
Darin: Vom Zoll beschlagnahmte Muscheln, ausgestopfte Tiere, Schlangenleder.
O-Ton:
Daniel Bein,
Gutachter für den Zoll:
"Ganz interessant wie viele auf diese Vitrine reagieren. Es gibt viele Leute, die sagen, oh das sieht aus wie eine Schaufenster-Auslage und fragen, was die Sachen kosten: ich sage immer 5 Jahre Gefängnis, 5000 Euro. Das sind also Beschlagnahmungen."
Harte Strafen für die, die damit handeln. Denn es gibt für Pflanzen und Tiere wie diese Muscheln strenge Artenschutz-Vorschriften. Beim Handel mit Menschenschädeln ist das anders.
O-Ton Daniel Bein, Gutachter für den Zoll: "Es ist eben ganz vorsichtig gesagt nicht so, dass es automatisch so ist: ein menschlicher Schädel ist ausgeschlossen vom Kauf und Verkauf und über die Grenzen bringen. So ist es nicht."
Klingt so, als gäbe es kein Problem, wenn man mit menschlichen Schädeln handelt. Doch gilt das auch für Schädel aus der Kolonialzeit, aus Raub oder Mord? Wir haben ein paar Fotos mitgebracht, darauf Schädel aus ganz verschiedenen Kulturen.
O-Ton Panorama: "Wie sieht das damit aus?"
Da wird es schnell absurd:
O-Ton Daniel Bein, Gutachter für den Zoll: "Dann hätten wir zum Beispiel einen Schädel, der schön verziert ist, aus Ozeanien zum Beispiel, und das sind Muscheln dran gemacht und bestimmte Pflanzen sind darum also so ein richtig schönes ethnologisches Objekt. "
Da ist dann nicht der Schädel das Problem, sondern die Muschel.
O-Ton Daniel Bein, Gutachter für den Zoll: "Die man ganz klar identifizieren kann, das ist die Art XY, die ist geschützt und die darf nicht außen eingeführt werden."
Der Schädel an sich ist hingegen nicht geschützt. Pult man also die Muschel ab, ist alles in Ordnung?
O-Ton Daniel Bein, Gutachter für den Zoll: "Insgesamt ist es schon im Ernstfall so, dass man den Schädel einführen kann und die, die Muscheln nicht."
Beim Verkauf eines Schädels müsste man erst konkret nachweisen, dass damit eine Straftat verbunden war. Diebstahl oder Mord. Und das ist im Einzelfall nach über 100 Jahren schwierig. So kann der Handel erstmal weiterlaufen. Mikael Assilkinga aus Kamerun sucht in Deutschland nach Schädeln, um sie in seine Heimat zurückzubringen. Im Auftrag seiner Regierung soll der Wissenschaftler prüfen, ob sich auch hier in der anthropologischen Sammlung der Uni Göttingen koloniale Schädel aus Kamerun befinden.
O-Ton Mikael Assilkinga: "Die Schädel aus Kamerun waren hier."
Hier stapeln sich die Boxen - in jeder liegt ein Schädel. Ein Leben, das oft brutal zu Ende ging.
O-Ton Mikael Assilkinga, Historiker aus Kamerun: "Diese Schädel zu sehen, ist wie ein Beweis von all dieser, dieser Gewalt. Und es gibt Tage, da, wo ich immer meine Arbeit unterbrochen habe, weil, es war mir zu viel."
10 Schädel aus Kamerun hat er bereits gefunden, aus der Zeit, als Deutschland das Land besetzte. Die sollen nun nach Kamerun zurückgebracht werden. In seiner Heimat sind die Schädel der Ahnen oft wichtiger Teil des Lebens. Einige Familien bewahren die Schädel ihrer verstorbenen Verwandten zu Hause auf. In speziellen Ahnenzimmern.
O-Ton Mikael Assilkinga, Historiker aus Kamerun: "Sie kommunizieren mit den verstorbenen Personen, durch diese Schädel zu Hause. Und das heißt, solche Ahnenzimmer sind auch sakrale Orte."
Und dann erzählen wir ihm von dem Markt, zeigen ihm, dass Schädel aus dieser Zeit noch heute gehandelt werden.
O-Ton Mikael Assilkinga, Historiker aus Kamerun: "Ich kann das noch nicht kapieren, dass es bis heute noch Leute gibt, die ohne Probleme so was tun."
Verstorbene bleiben so bloße Objekte, über die andere verfügen. So wie zu Lebzeiten damals im Kolonialismus. Für Mikael Assilkinga hört das koloniale Unrecht nicht auf. Wir tauchen tiefer ein in die Welt der Händler und Käufer. In sozialen Medien stoßen wir schnell auf erste Verkaufsangebote.
Vor allem bei Instagram.
Panorama: "Der hier etwa 9.000 Euro - und cheap deal."
Panorama: "Ich habe das hier auch. Shipping worldwide, weltweiter Versand und versichert."
Wir finden dann ganze Schädelsammlungen - sogar in Vitrinen! Wie in einem Privatmuseum. Bei Instagram gibt es offenbar ein regelrechtes Netz von Sammlern und Händlern echter menschlicher Schädel. Manche kommen aus Kulturen, die ihre Ahnenschädel aufwendig schmücken: Zum Beispiel mit Federn. Und auch hinter solchen Gesichtern aus Lehm steckt ein echter Schädel.
Ganz systematisch scannen wir die Plattform: Am Ende finden wir hunderte Schädel, die unter Verdacht stehen, aus der Kolonialzeit zu kommen. Z.B. aus Kamerun, dem Kongo, Indonesien, Papua-Neuguinea, immer wieder "Afrika". Zu einem der größten dieser Online-Händler nehmen wir Kontakt auf. Er sitzt in London und lädt uns ein. Neben seinem Online-Geschäft hat er nördlich der Stadt noch einen kleinen Shop. Als wir dann den Laden von Henry Scragg betreten, sind wir erst einmal ziemlich überfordert. Wir wissen gar nicht, wo wir hinschauen sollen. Menschenschädel neben Tierschädeln, Knochen aller Art. Alles hier verkauft er als "Kuriositäten". Die Knochen kommen von Privatsammlern, aus Museen oder medizinischen Sammlungen. Am meisten handelt er online, tausende Schädel hat er da schon verkauft, sagt er.
O-Ton Henry Scragg, Händler: "Ich verkaufe weltweit, versende in Europa, nach Amerika, Kanada, Japan, Australien, Neuseeland. Wissen Sie, es ist viel komplizierter für mich Tierische Überreste zu verschicken, da gibt es so viele Arten, die vom Aussterben bedroht sind."
Der Handel mit menschlichen Schädeln ist für ihn nicht weiter problematisch.
O-Töne
Henry Scragg, Händler: "Ein Schädel, ist nicht die Person, die du bist. Sondern nur die Hülle."
Panorama: "Sind hier manche Schädel mehr wert als andere?"
Henry Scragg: "Ja, ja. Ich mein, wenn sie deformiert sind, wenn man was hat wie "Stammes-Schädel", also Schädel von alten Kriegern, oder Ahnenschädel, natürlich Mumien, Kinderschädel, Babies, alles was irgendwie "anders" ist. Hier habe ich ein paar "Stammes-Schädel" die sind etwas mehr wert."
Panorama: "Woher kommen die?"
Henry Scragg: "Die hier sind Bamilike, also Afrika, das ist wohl ein Dayak-Schädel oder Dayak-Style, das auch. Dieser hier, denke ich war aus Haiti. Ein Vodoo-Schädel. Die ist aus dem Kongo, der wieder ein Bamileke, also Afrika."
Die bunten Bamileke-Schädel mit den Perlen kommen aus Kamerun. Die sind aus dem frühen 20. Jahrhundert - wie auch andere Schädel hier.
O-Töne
Panorama: "Die könnten doch einen kolonialen Hintergrund haben?"
Henry Scragg: "Nur weil man nicht exakt weiß, woher die kommen, heißt das nicht, dass da was illegales war, sie gestohlen sind oder irgendwie ne negative Geschichte haben."
Solange Henry Scragg nichts Genaues über den Hintergrund seiner Schädel weiß, ist das für ihn offenbar unproblematisch. Das große Unrecht, an das sie erinnern, ist für ihn kein Thema.
Für die Bundesregierung angeblich schon. Die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte ist Teil des Koalitionsvertrags, Schädel aus staatlichen Museen werden bereits zurückgegeben. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier bittet auf Reisen in ehemalige Kolonien um Vergebung. Für die Bundesregierung immer dabei: Staatsministerin Katja Keul. Sie hat eine Mission, die im Ausland mehr Schlagzeilen macht als in Deutschland.
O-Ton Katja Keul, Bündnis 90/Die Grünen, Staatsministerin Auswärtiges Amt: "Was den Menschen überwiegend wichtig war, denen ich begegnen war, ist, dass wir uns damit befassen, was ihnen damals angetan worden ist. Dass wir das Unrecht benennen und das Unrecht anerkannt wird, weil das im Prinzip ihre Würde auch wiederherstellt."
Aber um den privaten Handel mit menschlichen Gebeinen aus der Kolonialzeit kümmert sich die Bundesregierung bisher nicht. Wir zeigen ihr unsere Recherche.
O-Töne
Katja Keul, Staatsministerin Auswärtiges Amt: "Welche Seite ist das?"
Panorama: "Das ist jetzt auf Instagram."
Katja Keul, Staatsministerin Auswärtiges Amt: "Das ist inakzeptabel. Das ist kein Umgang, Das sind Menschen. Es sind oft Opfer von Verbrechen. Auch tatsächlich, wenn sie aus der Kolonialzeit kommen, sind sie entweder tatsächlich auch ermordet worden, oder es ist mindestens Grabschändung gegeben, so dass das inakzeptabel ist. Und wenn es jetzt sozusagen noch Fälle gibt, wo privat Handel getrieben wird, dann müssen wir uns das eben angucken. Ich würde favorisieren, das dann auch gesetzlich zu untersagen."
Ein Verbot des privaten Handels mit Schädeln - dafür will sie sich nun einsetzen. Aber ob dieser Regierung noch die Zeit bleibt, das umzusetzen? Und was sagt Meta zu unseren Recherchen? Zum Handel mit Schädeln auf ihrer Plattform Instagram? Meta antwortet nur schriftlich: der Handel mit menschlichen Körperteilen "… verstößt gegen unsere Handels- und Gemeinschaftsrichtlinien." Kein Wort dazu, warum der Verkauf trotzdem stattfindet.
Nicht nur online geht der Handel mit solchen Schädeln weiter. Auch auf einer Kunst-Auktion in Würzburg soll einer verkauft werden. Wir haben ihn im Verkaufs-Katalog gefunden. Und zwar dieser Schädel. Er ist mit Lehm überformt und zeigt das Gesicht des Toten. Es sei ein Ahnenschädel vom Sepik-Fluss aus Papua-Neuguinea, steht da. Hier in Würzburg soll der Sepik-Schädel unter den Hammer kommen. Bei einem Auktionshaus für sogenannte "Tribal Art". Der Auktionator erlaubt uns nicht, drinnen zu drehen. Auch ein Interview lehnt er ab. Aber es gibt einen Livestream der Auktion.
Livestream, Auktionator: "9.000 Euro für den Ahnen der Sepik-Kultur … 9.000 € zum Ersten zum Zweiten. Niemand mehr. Zum Dritten…."
Panorama: "Der ist weg für 9.000 Euro."
Er geht an einen anonymen Bieter aus dem Internet. Wer der Käufer ist, erfahren wir nicht. Wir kommen aber mit einigen Kunst-Sammlern ins Gespräch. Viele finden es offenbar normal, solche Ahnenschädel aus der Kolonialzeit zu kaufen und zu sammeln.
O-Töne
Panorama: "Haben Sie sich da schon Gedanken über die Herkunft Ihrer Ahnen-Schädel gemacht?"
Sammler: "Die Dinge sind ja seit ewigen Zeiten im Handel. In Europa. Also überhaupt kein Problem. Eigentlich."
Klaus-Jochen Krüger, Sammler: "Wenn zum Beispiel ein Schädel als Kriegsbeute mitgenommen worden ist, dann ist das eine Sache, die durchaus ja im Krieg vorkommt. In allen Kriegen, auch heute kommen solche Sachen vor."
Arno Henseler, Sammler: "Ich denke das geht seinen Lauf und ich denke, dass diese Kulturen auf die Art und Weise überleben und das später diese Länder auch mal wieder ihre Sachen zurückkaufen können."
Klaus-Jochen Krüger, Sammler: "Diese Schädel, die so einen kulturellen Wert haben aufgrund von den Zeremonien, die mit ihnen gemacht worden sind, die muss man nicht zurückgeben, denn die sind in Europa viel besser aufgehoben. Dort interessiert sich eigentlich so eine verschwindende Minderheit dafür. Die werden sowieso innerhalb von kurzer Zeit wieder auf dem Markt erscheinen."
Arno Henseler, Sammler: "Ich meine, es gibt ja jetzt schon sehr reiche Afrikaner. Die sind natürlich durch Korruption weitgehend reich geworden sind, aber das ist halt so und wenn die mal verstehen, wie wichtig das ist. Die Sachen werden hier sozusagen auch aufbewahrt und wenn die sehen, dass das wichtig ist, dann geben die dafür auch mal später sehr viel Geld aus."
Die fremden Ahnen seien in Europa besser aufgehoben, finden sie. In den Heimatländern interessiere sich kaum einer dafür. Stimmt das? Wir versuchen, die Spur des Sepik-Schädels zurückzuverfolgen, wollen Nachfahren finden. Wir wissen: Ein deutscher Forschungsreisender hat damals den Ahnenschädel vom Sepik-Fluß nach Deutschland gebracht. In diesem Hamburger Museum finden wir den entscheidenden Bericht von seiner Neuguinea-Expedition. Darin auch: Fotos von genau solchen Schädeln.
Panorama: "Also das sind hier übermodellierte Schädel, echte menschliche Schädel, wie sie auch auf der - Auktion verkauft wurden. Man sieht hier auch die Muschelaugen, die Bemalung, die Haare..."
Der unten links sieht dem von der Auktion sehr ähnlich. Ein möglicher Treffer. Und das interessante ist, dass er hier die beiden auch noch zuordnet. Dem Dorf Nr. 25, "Tschessbandai".
Auf der Karte finden wir den Ort am Sepik-Fluss in Papua-Neuguinea. Und in der Nähe eine Unterkunft für Touristen, die Crocodile-Lodge. Mit der Handynummer des Besitzers. Vielleicht kann der uns helfen? Und tatsächlich: Der Besitzer der Crocodile-Lodge dreht für uns diese Bilder von sich und dem Sepik-Fluss. Und sucht nach einem Nachfahren des Ahnenschädels. Gleich wollen wir per Video telefonieren.
Es ist unglaublich, er hat einen Nachfahren gefunden. Und ihm auch schon die Bilder der Ahnenschädel gezeigt.
O-Ton Panorama: "Hallo Peter, schön Sie kennenzulernen."
Das ist Peter Kipma. Er will er uns gern erzählen, was er von den Ahnenschädeln weiß.
O-Töne
Peter Kipma, Nachfahre aus Papua-Neuguinea: "Als ich die Bilder gesehen habe, habe ich mich daran erinnert, was mir mein Großvater erzählt hat, über diese Schädel. Er war sehr aufgebracht und sagte: warum haben sie unsere Helden weggenommen? Unsere Helden vom Sepik Fluss? Die Köpfe unserer Ahnen."
Panorama: "Das waren die Deutschen?"
Peter Kipma: "Ja. Sie waren die ersten Weißen, die zu uns kamen an den Sepikfluss. Die Deutschen mit dem Schiff. Als sie mit dem Schiff kamen und die Schädel mitnahmen, hatten unsere Großväter Angst. Sie konnten sich nicht dagegen wehren. Sie fürchteten, dass sie getötet werden von den Deutschen. So ließen sie die Deutschen die Schädel mitnehmen, sie hatten Angst um ihr Leben."
Und dann wollen wir mit ihm über den Handel sprechen.
O-Töne
Panorama: "Es tut mir leid, Ihnen das zu sagen. Sie verkaufen Ihre Ahnen."
Peter Kipman: "Man darf sie nicht verkaufen. Wenn wir sie noch hätten, würden wir das niemals tun. Es ist nicht richtig, dass sie sie uns weggenommen haben und nun verkaufen. Jetzt machen sie noch Geld damit! Die Ahnenschädel sind heilig. Sie stammen von unseren alten Kriegern. Das sind Helden, unser Vermächtnis."
Dass sie diese Ahnenschädel jemals zurückerhalten, erscheint im Moment aussichtslos. Da hilft es Peter Kipma wenig, dass das Aktionshaus in Deutschland künftig keine weiteren Kolonial-Schädel versteigern will. Die Spurensuche nach den Schädeln hat uns ans andere Ende der Welt geführt.
Dort haben wir viel über uns entdeckt. Die scheinbar kuriosen Schädel gehören zu den letzten sichtbaren Beweisen eines Verbrechens, das wir bis heute verdrängen. Es ist Zeit, unser dunkles Erbe anzunehmen.
Beitrag: Anne Ruprecht, Mirco Seekamp
Kamera: David Diwiak, Eike Köhler, Jan Littelmann, Tobias Meneses, Felix Meschede
Schnitt: Kay Ehrich, Pauline Petter
