Sendedatum: 14.10.1999 21:05 Uhr

Steigende Kurse, fette Gewinne - Aktionäre kassieren steuerfrei an der Börse

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Gerechter sollte es zugehen in Deutschland, mit der rot-grünen Koalition an der Regierung. Die Leitidee der Sozialdemokratie, die Umverteilung des Vermögens in der Bundesrepublik, sollte Realität werden, zumindest annähernd. Steuergerechtigkeit fordern Grüne und einige SPD-Mitglieder. Die Regierung hat aber - aus Angst vor der dann anstehenden Kapitalflucht - bisher wenig unternommen. Denn wenn es der Neuen Mitte ans Geld geht, sind sozialdemokratische Werte wenig oder gar nicht mehr opportun. "Wer da hat, dem wird gegeben" - der Bibelsatz gilt in Deutschland in ganz eigener Weise, und so wie's aussieht, wird sich daran auch vorerst nichts ändern. Thomas Berndt über Gewinner und Verlierer.

VIDEO: Aktionäre kassieren steuerfrei an der Börse (6 Min)

KOMMENTAR:

Es hat nicht lange gedauert, dann hatte er seine erste Million zusammen. Michael Arpe, hauptberuflich Chef des Hanseatischen Aktienclubs und ganz nebenbei auch selbst Besitzer einiger Aktienpakete.

0-Ton

MICHAEL ARPE:

(Aktionär)

"Also insbesondere durch die letzten guten Jahre ist es inzwischen schon auf eine Million gewachsen. Würde das so weitergehen, dann sind das auch schnell mal 200.000 Mark im Jahr, die da an Gewinn rauskommen. Das ist zur Zeit steuerfrei. Was einen treibt ist schlußendlich die reine Geldgier. Das ist gar nicht negativ gemeint, sondern Aktienanlage ist eben eine Anlage, und Ziel ist Geldvermehrung."

KOMMENTAR:

In Deutschland soll sich Kapital entfalten. Kursgewinne sind hier steuerfrei, die Aktien müssen nur mindestens ein Jahr angelegt werden, so hat es Rot-Grün beschlossen. Das Risiko, weiß auch Aktionär Arpe, ist minimal. Aktien gut verteilen, auf mehrere Jahre anlegen, sich zurücklehnen und gelassen zuschauen.

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MICHAEL ARPE:

(Aktionär)

"Wenn das Geld später für sich selbst arbeiten kann, d. h. man wird unabhängig von der eigenen Arbeitskraft, dann wird es natürlich noch interessanter."

INTERVIEWER:

"Dann kann man das Geld für sich arbeiten lassen?"

MICHAEL ARPE:

"Dann läßt man das Geld für sich arbeiten."

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HANS-PETER TOLLGREVE:

(Werftarbeiter)

"Wie will mir jemand erklären, daß der seine Gewinne steuerfrei kriegt, davon mehr als gut leben kann, und ich meine paar Pfennige, die ich verdiene - wollen es mal so drastisch sagen - auch noch hoch versteuern muß? Das kann keine soziale Gerechtigkeit sein."

KOMMENTAR:

Seit 35 Jahren arbeitet Hans-Peter Tollgreve auf der Werft, bei Blohm & Voss in Hamburg. Im Jahr verdient er hier rund 70.000 Mark, fast ein Drittel Lohnsteuer wird vom Finanzamt gleich abkassiert. Vom Rest muß eine vierköpfige Familie leben. Da muß man sich schon einschränken, erzählt Tollgreve. An Aktienbesitz denkt hier keiner. Was in die Lohntüte reinkommt, wird gebraucht. Zum Sparen jedenfalls bleibt kaum was übrig.

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HANS-PETER TOLLGREVE:

"Ich hab' immer so'n Glas stehen, da kommt dann immer am Wochenende das ganze Indianergeld rein, Groschen, Fünfer, mal 50-Pfennig-Stücke, alles, was ich so im Portemonnaie lose hab', das kommt dann rein, und das geht dann auf's Sparbuch."

INTERVIEWER:

"Und da sammeln Sie dann ..."

HANS-PETER TOLLGREVE:

"Das sammel ich dann für den Urlaub an."

INTERVIEWER:

"Wieviel haben Sie da jetzt drauf?"

HANS-PETER TOLLGREVE:

"Rund 200 Mark."

KOMMENTAR:

Großaktionär Arpe bei der allmorgendlichen Kalkulation. Die aktuellen Börsenkurse als Frühstücksprogramm. Das schmeckt gut, neuer Wohlstand über Nacht nicht ausgeschlossen. Natürlich steuerfrei. Herr Arpe ist ein glücklicher Mann. Nur eine Sorge plagt ihn zuweilen: daß sein Aktiengewinn normal besteuert werden könnte. Dann nämlich würde sich sein Profit ganz anders rechnen.

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MICHAEL ARPE:

(Aktionär)

"Also in der Größenordnung, wie ich inzwischen mit Aktien umgehe, round about mit einer Million, bedeutet das einfach, daß von einem Ertrag pro Jahr zwischen 100 und 120.000 Mark einfach 40, 50, 60.000 Mark an den Fiskus gehen. Und ich glaube auch fest daran, daß viele Nebeneffekte die Aktienkultur, die in Deutschland grade aufblüht, tatsächlich in diesem Stadium noch zerstören würden."

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RUDOLF HICKEL:

(Universität Bremen)

"Der Aktienbesitz nimmt anteilmäßig bei der Geldvermögensbildung in Deutschland massiv zu. Und zum anderen muß man ganz klar sagen, es gibt natürlich keinen kulturellen Schutz für Aktionäre, nach dem Motto: dort gilt das Prinzip der Steuergerechtigkeit nicht mehr."

KOMMENTAR:

Aktiensteuern - in England, Frankreich und anderen europäischen Ländern ist das längst normal. Die Aktienkultur hat nie gelitten. Im Gegenzug wurden zum Teil Lohn- und Einkommenssteuer deutlich gesenkt. In den USA werden Aktionäre schon seit Jahren zur Kasse gebeten. Eine sprudelnde Steuerquelle für den Fiskus.

0-Ton

BARBARA HENDRICKS:

(Bundesfinanzministerium)

"Der amerikanische Haushalt hat von den erheblichen Zugewinnen im Aktienbesitz profitiert, weil da tatsächlich der gläserne Steuerbürger besteht und von allen Aktiengewinnen, von allen Kursgewinnen sofort also, ich glaube, 20 Prozent an das jeweilige Finanzamt abgeliefert werden. Das ist das Hauptgeheimnis der sprudelnden Steuerquellen in den USA."

KOMMENTAR:

In Deutschland hingegen schaut das Finanzministerium untätig zu. An der Frankfurter Börse wird weiter kräftig abkassiert, natürlich steuerfrei - in den letzten acht Jahren rund 500 Milliarden Mark an Kursgewinnen.

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RUDOLF HICKEL:

(Universität Bremen)

"Und wenn Sie das sozusagen steuerlich einigermaßen erfassen, dann kommt man gut und gerne - das ist eher eine pessimistische Schätzung - nach unten kommt man gut und gerne zu 20 bis 30 Milliarden. Und ich darf hinzufügen, vielleicht wären das die 30 Milliarden, die jetzt der Bundesfinanzminister bei den Arbeitslosen etwa und bei den Rentnern versucht einzusparen."

KOMMENTAR:

Vor fast einem Jahr ist die rot-grüne Regierung angetreten, mehr steuerliche Gerechtigkeit zu schaffen. Aber an die Aktiensteuer hat Rot-Grün sich nicht herangetraut, obwohl man freimütig einräumt, daß eine solche Politik wohl nicht gerecht sei."

0-Ton

BARBARA HENDRICKS:

(Bundesfinanzministerium)

"Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit könnte man dies schon sehen, natürlich. Aber ich will da noch mal drauf hinweisen, dann müssen wir in der Tat im Einkommenssteuerbereich noch wesentliche Schritte gehen. Das wäre auch nicht von der Hand zu weisen."

0-Ton

RUDOLF HICKEL:

"Da muß man sich auch auseinandersetzen etwa mit den Banken, die überhaupt kein Interesse haben, daß hier eine Spekulationssteuer komplett erhoben wird. Und der Mut fehlt, und insoweit muß man sagen, die neue Regierung, rot-grün, die angetreten ist, gerade auch mehr Gerechtigkeit im Steuersystem herzustellen, knicken vor diesen machtvollen Gruppen ein."

0-Ton

BARBARA HENDRICKS:

"Ich glaube, wir arbeiten sowieso schon nach dem Prinzip: Viel Feind, viel Ehr', und alles auf einmal können wir uns nicht aufhalsen."

KOMMENTAR:

Die Geduld von Hans-Peter Tollgreve allerdings ist erschöpft. Vor fast einem Jahr hat er die Sozialdemokraten mit an die Macht gewählt. Seine Hoffnungen waren groß - passiert ist für ihn wenig.

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HANS-PETER TOLLGREVE:

(Werftarbeiter)

"Ich bin sehr enttäuscht von dieser rot-grünen Regierung, so wie sie im Moment arbeitet. Also ich - die habe ich so nicht gewählt, für mich war das einfach der Ansatz, das soziale Umfeld für mich zu verbessern, das soziale, menschliche Umfeld. Und es ist nichts gelaufen in der Beziehung, absolut nichts."

Abmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

Das soziale Umfeld hat sich für den Hafenarbeiter und für viele andere also nicht verbessert. Es geht in der Diskussion nicht um Gleichheit, um Gleichmacherei, aber um eine Annäherung an Gerechtigkeit, und auf die hat die Bundesregierung bisher verzichtet.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 14.10.1999 | 21:05 Uhr

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