Sendedatum: 05.08.1999 21:00 Uhr

Ruhiger Lebensabend - Ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher lebt unbehelligt in Bayern

von Volker Steinhoff

Anmoderation

PATRICIA SCHLESINGER:

In Bayern lebt zumindest ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher seit Jahren weitgehend unbehelligt von der Justiz. Das erstaunt nicht weiter, da man ja weiß, wie die deutschen Ermittlungsbehörden seit 1945 mit Kriegsverbrechern umgehen. Der Mann heißt Sören Kam, war dänischer SS-Obersturmführer und der Chef eines Todeskommandos. Die SS war ihm und seiner Mördertruppe zu sanft, zu nachgiebig. Und er hat - zusammen mit anderen - einen Mann entführt, gefoltert und ihn dann mit acht Schüssen getötet. Sören Kam lebt heute, inzwischen zum deutschen Staatsbürger geworden, ein friedliches Rentnerdasein im Allgäu. Die bayerische Justiz hat es in über vier Jahrzehnten nicht geschafft, den Altnazi anzuklagen - angeblich an Mangel an Beweisen. Um die Beweise hatte man sich allerdings auch nie ernsthaft bemüht. Und nun hat die bayerische Justiz den Fall endgültig abgeschlossen - Volker Steinhoff über einen unnötigen Schlußstrich.

VIDEO: Mutmaßlicher Kriegsverbrecher lebt unbehelligt in Bayern (3 Min)

KOMMENTAR:

Hier im bayerischen Kempten lebt er seit Jahrzehnten und genießt das Leben. Mit uns reden will er nicht. Sören Kam, früher Obersturmführer der SS in Dänemark, heute noch stolzer Träger eines Ritterkreuzes. In Dänemark ist sein Name ein Begriff.

0-Ton

FREDE KLITGAARD:

(ehem. Widerstandskämpfer)

"Er ist der bekannteste noch lebendige Kriegsverbrecher in Dänemark."

KOMMENTAR:

Sören Kam war vor 50 Jahren an einem Verbrechen beteiligt. Das Opfer: der dänische Journalist Carl Henrik Clemmensen. Erst wurde er von Kam und zwei anderen SS-Männern entführt und gefoltert. Dann erschossen sie ihn. Er war unbewaffnet, hatte keine Chance.

Selbst den Nazis erschien der Fall damals verdächtig. Kam, der Ranghöchste unter den Tätern, mußte vor ein deutsches Gericht. Dort behauptete er, der Journalist habe sich auf seinen Kameraden gestürzt, "offenbar in der Absicht, ihm die Pistole zu entreißen". Daraufhin hätte er geschossen - Notwehr also. Die Nazis glaubten ihm das zwar nicht ganz, ließen ihn aber laufen mit der Begründung: "Recht ist, was dem Volk nützt."

Nach dem Krieg war Kam plötzlich verschwunden. Dafür wurde einer der Mittäter gefaßt und zum Tode verurteilt. Erst in den sechziger Jahren tauchte Kam wieder auf, in Kempten im Allgäu. Also begannen die Bayern zu ermitteln und vernahmen Kam. Bei den Staatsanwälten war von Notwehr keine Rede mehr. Kams neue Version: er habe zwar geschossen, aber nur auf eine Leiche. Der eigentliche Mörder sei der zum Tode verurteilte Mittäter Larsen.

0-Ton

GERHARD ZIERL:

(Justizministerium Bayern, Juni 1997)

"Er sei bei der Abgabe durch Larsen am Auto gestanden, weit entfernt, sei hinzugelaufen und habe dann auf Aufforderung Larsens nochmals auf den bereits toten Clemmensen geschossen. Die Bewertung von Glaubwürdigkeit ist natürlich immer schwer, aber das, was geschildert wurde, erschien zumindest plausibel und nicht widerlegbar."

KOMMENTAR:

Peinlich für die bayerische Justiz, sie hatte jahrzehntelang den Obduktionsbericht übersehen: " Alle Schüssen wurden so gut wie gleichzeitig abgefeuert, während sich der Verstorbene in aufrechter Stellung befand." Ein Toter steht nicht. Der ehemalige SS-Mann hatte die Bayern also angelogen.

Erst 1997 lasen die Bayern diesen Bericht und eröffneten wieder ein Verfahren gegen Kam. Bis vor kurzem ermittelten sie und vernahmen ihn mal wieder.

0-Ton

GERHARD ZIERL:

(Justizministerium Bayern)

"Die letzte Version des Herrn Kam geht in Richtung Notwehr oder Putativnotwehr. Die Staatsanwaltschaft hat bei ihrer Verfügung dies in Betracht gezogen, hat aber gleichzeitig gesagt, daß dieser Tatverlauf wenig wahrscheinlich erscheint. Allerdings ist er auch nicht mit Sicherheit widerlegbar."

KOMMENTAR:

Nicht widerlegbar, mal wieder. So wird aus einer offensichtlichen Exekution Notwehr. Oder, da zweifeln die Bayern, vielleicht immerhin Totschlag? Egal, außer Mord ist ja nun eh alles verjährt.

0-Ton

GERHARD ZIERL:

"Das Ergebnis ist, daß das Ermittlungsverfahren einzustellen war, weil eine Verurteilung wegen Mordes nicht zu erwarten ist."

KOMMENTAR:

Kam darf also weiter seinen Lebensabend in Bayern genießen. Noch eine neue Tatversion braucht er sich wohl nicht mehr auszudenken, obwohl ihm das bestimmt nicht schwerfiele.

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Panorama | 05.08.1999 | 21:00 Uhr

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