Gewalt gegen Obdachlose: 62-Jähriger im Schlaf attackiert
Mitten in der Nacht wird der obdachlose Ralf Bokelmann aus dem Schlaf gerissen. Ein Unbekannter schlägt auf ihn ein, er erleidet Knochenbrüche. Solche Attacken auf Obdachlose sind in Niedersachsen kein Einzelfall.
Ralf Bokelmann lebt auf der Straße. Der 62-Jährige hat keinen Mietvertrag mehr - seit vier Sommern und vier Wintern ist er obdachlos auf den Straßen in Göttingen unterwegs. Seinen Lebensmittelpunkt hat er rund um die Marktkirche St. Johannis. Tagsüber sitzt er oft am Straßenrand, bei gutem Wetter gern in der Sonne. Zum Schlafen verkriecht er sich unter seiner Decke, die nur einen Steinwurf entfernt liegt, direkt an der großen Kirche.
Angriff kam ohne Vorwarnung, mitten in der Nacht
Es sei kein einfaches, aber ein friedliches Leben, wie er sagt. Doch Anfang März wurde Bokelmann Opfer eines Angriffs. Mitten in der Nacht wurde er aus dem Schlaf gerissen. Mit einer Eisenstange oder einem harten Stück Holz sei er angegriffen und zusammengeschlagen worden, erzählt Bokelmann. Der Angreifer hätte ihn mit den Worten "Hau ab hier" vertreiben wollen. Nach einigen Schlägen sei der Angreifer geflohen. Der Obdachlose blieb zurück - mit mehreren Knochenbrüchen an Arm und Fingern.
Sozialarbeiter: "Mich macht diese Tat fassungslos"

Die Tat schockiert auch Mike Wacker von der diakonischen Straßensozialarbeit "Straso" in Göttingen. Er kennt Bokelmann schon seit Jahren: "Mich macht das fassungslos, weil ich nicht nachvollziehen kann, dass ohne Grund auf Menschen eingeprügelt wird. Da steckt ein Menschenbild dahinter, das obdachlose Menschen abwertet", sagt der Sozialarbeiter. Zusammen mit seinen Kollegen von der Straßensozialarbeit Göttingen unterstützen die Streetworker Menschen, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist.
Sozialarbeiter unterstützen Menschen auf der Straße
Fast täglich läuft ein Streetworker eine Runde durch die Göttinger Innenstadt, immer mit offenen Augen, um die Obdachlosen zu unterstützen. So bringen die Sozialarbeiter Essen vorbei oder unterstützen bei Terminen auf den Ämtern. Etwa 30 Menschen leben in Göttingen obdachlos auf der Straße, sagt Wacker. Diese Zahl sei seit Jahren auf gleichbleibendem Niveau.
Angriffe auf obdachlose Menschen sind kein Einzelfall
Die Attacke auf Ralf Bokelmann ist kein Einzelfall. Immer wieder kommt es in Niedersachsen zu Angriffen gegen obdachlose Menschen. Zwischen 2020 und 2023, während der Corona-Pandemie, ist die Zahl solcher Rohheitsdelikte gestiegen - von landesweit 86 auf 148 Straftaten. Dazu zählt zum Beispiel Körperverletzung oder Raub. Das teilte das Landeskriminalamt Niedersachsen auf NDR Anfrage mit. Seit knapp zwei Jahren gehe diese Zahl jedoch wieder zurück. Vergangenes Jahr habe es noch knapp über 100 solcher Straftaten gegeben, so das LKA. Straftaten gegen das Leben habe es im vergangenen Jahr in ganz Niedersachsen eine gegeben.
Statistik mit Dunkelziffer?
Aber in dieser Statistik gibt es eine Dunkelziffer, davon zumindest geht der Göttinger Sozialarbeiter Daniel Reiners aus. Auch er arbeitet bei der Straßensozialarbeit Göttingen. Viele der Obdachlosen kennt er schon seit etlichen Jahren. Seiner Erfahrung nach sind obdachlose Menschen oft nicht in der Lage, Anzeige zu erstatten. Manchmal aus Scham, manchmal aus Unwissenheit. Deshalb appelliert er an die Zivilcourage der Bürgerinnen und Bürger: "Wenn man Zeuge eines solchen Vorfalls wird, dann nicht wegschauen, sondern die Polizei rufen", sagt er.
Ein Angriff, der Spuren hinterlässt
Ralf Bokelmann konnte sich in jener Nacht wehren, der Angreifer sei geflohen, sagt er. Und auch wenn die körperlichen Wunden mittlerweile verheilt sind, bleibt der Schock und die Angst, dass so ein Angriff noch mal passieren könnte. Sein großer Wunsch ist es, eines Tages wieder in eine eigene Wohnung zu ziehen. Aber ein eigenes Zuhause hat der 62-Jährige aktuell nicht in Aussicht. Deshalb schläft er weiter unter freiem Himmel, eingepackt in seiner Decke, direkt an der großen Kirche mitten in Göttingen.
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